Die Folge dieses Besuches war zunächst, daß Schlotterbeck von seinem Vetter Pfrommer aufgesucht wurde. Es hatte sich herumgeredet, daß er ein merkwürdiges Interesse für die schlimme Witwe zeige, und Pfrommer war von einer Angst ergriffen worden, der verrückte Vetter möchte auf seine alten Tage noch Torheiten machen. Wenn es zum Schlimmsten käme und er die Frau heiratete, würden seine Kinder von den ganzen Millionen keinen Taler kriegen. Mit großer Vorsicht unterhielt er seinen Vetter von der hübschen Lage seiner Wohnung, kam langsam auf die Nachbarschaft zu sprechen und ließ vermuten, er wisse viel über die Frau Entriß zu erzählen, falls es den Vetter interessiere. Der winkte jedoch gleichmütig ab, bot dem Buchbinder einen vortrefflichen Kognak an und ließ ihn zu alldem, was er hatte sagen wollen, gar nicht kommen.

Aber noch am selben Nachmittag sah er seine Nachbarin im Garten erscheinen und ging hinüber. Zum erstenmal hatte er ein langes, vertrauliches Gespräch mit ihr, worin er auf sein einsames Leben hinwies und ihre freundlich-tröstliche Nachbarschaft dankbar rühmte. Sie ging klug und bescheiden darauf ein, des eigentlichen Plauderns ungewohnt und doch mit frauenhafter Anpassung und, wie ihm schien, auch Anmut.

Diese Unterhaltungen wiederholten sich von jetzt an täglich, immer über den Staketenzaun hinweg, denn seine Bitte, ihn auch einmal im Garten selber oder gar im Hause zu empfangen, lehnte sie mit stiller Entschiedenheit ab.

»Das geht nicht«, sagte sie lächelnd. »Wir sind ja beide keine jungen Leute mehr, aber die Gerbersauer haben immer gern was zu plappern und es wäre schnell ein dummes Gerede beieinander. Ich bin ohnehin übel angeschrieben, und Sie gelten auch für eine Art Sonderling, wissen Sie.«

Ja, das wußte er jetzt, im zweiten Monat seines Hierseins, und seine Freude an Gerbersau und den Landsleuten hatte schon bedeutend nachgelassen. Er begann zu merken, daß er hier doch fremd sei und daß Höflichkeit, Duldung und Entgegenkommen der Leute nicht seinem Namen und Wesen oder dem aus der Fremde heimgekehrten Mitbürger, sondern eben seinem Geldsack galt. Es belustigte ihn, daß man sein Vermögen weit überschätzte, und die ängstliche Beflissenheit seines Vetters Pfrommer und anderer Angelkünstler machte ihm einen gewissen Spaß, aber für die beginnende Enttäuschung konnte ihn das nicht entschädigen, und er hatte den Wunsch, sich dauernd hier niederzulassen, heimlich schon wieder zurückgenommen. Vielleicht wäre er einfach wieder abgereist und hätte nochmals wie in jungen Jahren die Wanderschaft gekostet, wovor ihm nicht bange war. Es hielt ihn aber jetzt ein feiner Dorn zurück, so daß er spürte, er werde nicht gehen können, ohne sich zu verletzen und ein Stücklein von sich hängen zu lassen.

Darum blieb er wo er war, und ging häufig an dem kleinen, weiß und braunen Nachbarhaus vorüber. Das Schicksal der Frau Entriß war ihm jetzt nimmer so dunkel, da er sie besser kannte und sie ihm auch manches erzählt hatte. Namentlich vermochte er sich den seligen Gerichtsvollzieher jetzt recht deutlich vorzustellen, von dem die Witwe ruhig und ohne Tadel sprach, der aber doch im Grunde genommen ein Windbeutel gewesen sein mußte, daß er es nicht verstanden hatte, unter der Herbe und Strenge dieser Frau den köstlichen Kern aufzuspüren und ans Licht zu bringen. Herr Schlotterbeck war überzeugt, daß sie neben einem verständigen Manne, vollends in reichlichen Verhältnissen, eine Perle abgeben müßte. Ihr Geiz war eine in Einsamkeit und Enttäuschung zur Leidenschaft ausgewachsene Liebhaberei, schien ihm, und war auch eigentlich keine Habsucht, da sie soviel Respekt vor jedem Werte besaß, um ihn auch ohne eigenen Vorteil möglichst zu retten und zu bewahren.

Je mehr er die Frau kennen lernte und ein Bild von ihr bekam, worin freilich Neigung und Hoffnung stark mitmalen halfen, desto besser begriff er, daß sie in Gerbersau unmöglich verstanden werden konnte. Denn auch der Gerbersauer Charakter schien ihm nun verständlicher geworden, wenn auch dadurch nicht lieber. Jedenfalls erkannte er, daß er selber diesen Charakter nicht oder nicht mehr habe und hier ebensowenig gedeihen und sich entfalten könne wie die Frau Entriß. Diese Gedanken waren, ihm unbewußt, lauter spielende Paraphrasen zu seinem stillen Verlangen nach einem nochmaligen Ehebund und Versuch, sein einsam gebliebenes Leben doch noch fruchtbar und unsterblich zu machen.

Der Sommer hatte seine Höhe erreicht und der Garten der Witwe duftete mitten in der sandigen und glühenden Umgebung triumphierend weit über seinen niederen Zaun hinaus, besonders am Abend, wenn dazu noch vom nahen Waldrande die Vögel aufatmend den schönen Tag lobten und aus dem Tale in der Stille nach dem Schluß der Fabriken der Fluß leise herauf rauschte. An einem solchen Abend kam August Schlotterbeck zu Frau Entriß und trat ungefragt nicht nur in den Garten, sondern auch in die Haustüre, wo eine dünne, erschrockene Glocke ihn anmeldete und die Hausfrau ihn verwundert und fast ein wenig ungehalten ansprach. Er erklärte aber, heute durchaus hereinkommen zu müssen, und ward denn von ihr in die Stube geführt, wo er sich umblickte und es allerdings etwas kahl und schmucklos, doch reinlich und abendsonnig fand. Die Frau legte schnell ihre Schürze ab, setzte sich auf einen Stuhl beim Fenster und hieß auch ihn sich setzen.

Da fing Herr Schlotterbeck eine lange, hübsche Rede an. Er erzählte sein ganzes Leben, seine erste kurze Ehe nicht ausgenommen, mit einfacher Trockenheit, schilderte dann etwas wärmer seine Heimkehr nach Gerbersau, seine erste Bekanntschaft mit ihr und erinnerte sie an manche Gespräche, in denen sie einander so gut verstanden hätten. Und nun sei er da, sie wisse schon warum, und hoffe, sie sei nicht gar zu sehr überrascht.

»Über mein Vermögen kann ich mich ausweisen. Ich bin kein Millionär, wie die Leute hier herumreden, aber so ungefähr eine viertel Million oder etwas drüber wird schon da sein. Im übrigen meine ich, wir seien beide noch zu jung und kräftig, als daß es schon Zeit wäre, Verzicht zu leisten und sich einzuspinnen. Was soll eine Frau wie Sie schon allein sitzen und sich mit dem Gärtlein bescheiden, statt noch einmal anzufangen und vielleicht hereinzubringen, was früher am rechten Glück gefehlt hat?«