Die Frau Entriß hatte beide Hände still auf ihren Knien liegen und hörte aufmerksam dem Freier zu, der allmählich warm und lebhaft wurde und wiederholt seine rechte Hand ausstreckte, als fordere er sie auf, sie zu nehmen und festzuhalten. Sie tat aber nichts dergleichen, sie saß ganz still und genoß es, ohne alles wirklich mit den Gedanken zu erfassen, daß hier jemand gekommen war, um ihr Freundlichkeit und Liebe und guten Willen zu zeigen. Die beiden Leute saßen einander nahe gegenüber, er von seinem Willen und Verlangen erwärmt und verjüngt, sie aber von einem zarten Wohlsein und einer nur halb erwarteten Ehrung leise erregt wie eine Jubilarin, und über beide Gesichter glühte mit feiner Abschiedsröte die tiefstehende Sonne durch das offene Fenster. Da sie weder Antwort gab noch aus ihrem seltsamen Traumgefühle aufsah, fuhr Schlotterbeck nach einer Pause zu reden fort. Gütig und hoffnungsvoll stellte er ihr vor, wie es sein und werden könnte, wenn sie einverstanden wäre, wie da an einem andern, neuen Ort ohne unliebe Erinnerungen sich ein friedlich fleißiges Leben führen ließe, bescheiden und doch etwas mehr aus dem Vollen, mit einem größeren Garten und einem reichlicheren Monatsgelde, wobei dennoch jährlich zurückgelegt würde. Er sprach, von ihrem lieben Anblick besänftigt und von dem rotgelben, innigen Abendscheine leicht und wohlig geblendet, recht milde mit halber Stimme und zufrieden, daß sie wenigstens zuhörte und ihn da sein und gelten und werben ließ. Und sie hörte und schwieg, von einer angenehmen Müdigkeit in der Seele leicht gelähmt. Es ward ihr nicht völlig bewußt, daß das eine Werbung und eine Entscheidung für ihr Leben bedeute, auch schuf dieser Gedanke ihr weder Erregung noch Qual, denn sie war durchaus entschieden und dachte keine Sekunde daran, das für Ernst zu nehmen. Aber die Minuten gingen so gleitend und leicht und wie von einer Musik getragen, daß sie benommen lauschte und keines Entschlusses fähig war, auch nicht des kleinen, den Kopf zu schütteln oder aufzustehen.
Wieder hielt Schlotterbeck inne und atmete tief, sah sie fragend an und sah sie unverändert mit niedergeschlagenen Augen und fein geröteten Wangen verharren, als schaue sie ein wohlgefälliges Spiel oder lausche einer seltenen Musik. Und wieder hielt er ihr die Hand entgegen, die sie aber nicht zu sehen schien, und fing nochmals an, gläubig wie ein Träumer von der Zukunft zu reden, die er schon an einem kleinen goldenen Faden zu halten meinte. Ihre Bewegung verstand er nicht, denn er deutete sie zu seinen Gunsten, aber er fühlte doch denselben hingenommenen und traumhaften Zustand und hörte gleich ihr die merkwürdigen Augenblicke wie auf wohllautend rauschenden Flügeln durch das abendhelle Stüblein und durch sein Gemüt reisen.
Beiden schien es später, sie seien eine gar lange Zeit so halbverzaubert beieinander gesessen, doch waren es nur Minuten, denn die Sonne stand noch immer nah am Rande der jenseitigen Berge, als sie aus dieser Stille jäh erweckt wurden.
Im Nebenzimmer hatte sich die kranke Schwägerin aufgehalten und war, schon durch den ungewohnten Besuch in Aufregung und einige Angst geraten, bei dem langen, leisen Gespräch und Beisammensein der Beiden von argen Ahnungen und Wahnvorstellungen befallen worden. Es schien ihr Ungewöhnliches und Gefährliches vorzugehen und allmählich ergriff sie, die nur an sich selber zu denken vermochte, eine wachsende Furcht, der fremde Mann möchte gekommen sein, um sie fortzuholen. Denn eine stille, argwöhnische Angst hievor war das Ergebnis jenes Besuches der Magistratsherren gewesen, und seither konnte nichts noch so Geringes im Hause vorfallen, ohne daß die arme Jungfer mit Entsetzen an eine gewaltsame Hinwegführung und Einsperrung an einem unbekannten fernen Orte denken mußte.
Darum kam sie jetzt, nachdem sie eine Weile mit immer abnehmenden Kräften gegen das Grauen gekämpft hatte, gewaltsam schluchzend und in Verzweiflung aufgelöst in die Stube gelaufen, warf sich vor ihrer Schwägerin nieder und umfaßte ihre Knie unter Stöhnen und zuckendem Weinen, so daß Schlotterbeck erschrocken auffuhr und die Frau Entriß plötzlich aus ihrer Benommenheit gerissen alles wieder mit nüchternem Verstande wahrnahm und sich der vorigen Verlorenheit unwillig schämte.
Sie stand eilig auf, zog die Kniende mit sich empor, fuhr ihr mit tröstender Hand übers Haar und redete halblaut und eintönig auf sie ein wie auf ein heulendes Kind.
»Nein, nein, Seelchen, nicht weinen! Gelt, du weinst jetzt nicht mehr? Komm, Kindelchen, komm, wir sind vergnügt und kriegen was Gutes zum Nachtessen. Hast gemeint, er will dich fortnehmen? O, Dummes du, es nimmt dich niemand fort; nein, nein, darfst mir's glauben, kein Mensch darf dir was tun. Nimmer weinen, Dummelein, nimmer weinen!«
August Schlotterbeck sah mit Verlegenheit und auch mit Rührung zu, die Kranke weinte schon ruhiger und fast mit einem kindlichen Genuß, wiegte den Kopf hin und wider, klagte mit abnehmender Stimme und verzog ihr verzweifeltes Gesicht unter den noch munter laufenden Tränen unversehens zu einem blöden, hilflosen Kleinkinderlächeln. Doch kam sich der Besucher bei dem allen unnütz und mehr als entbehrlich vor, er hustete darum ein wenig und sagte: »Das tut mir leid, Frau Entriß, hoffentlich geht es gut vorbei. Ich werde so frei sein und morgen wiederkommen, wenn ich darf.«
Erst in diesem Augenblick fiel der Frau alles aufs Herz, wie er um sie geworben und sie ihm zugehört und es geduldet habe, ohne daß sie doch willens war, ihn zu erhören. Sie erstaunte über sich selber, es konnte ja aussehen, als habe sie mit ihm gespielt. Nun durfte sie ihn nicht fortgehen und die Täuschung mitnehmen lassen, das sah sie ein, und sie sagte: »Nein, bleiben Sie da, es ist schon vorüber. Wir müssen noch reden.« Ihre Stimme war ruhig und ihr Gesicht unbewegt, aber die Röte der Sonne und die Röte der lieblichen Erregung war verglüht und ihre Augen schauten klug und kühl, doch mit einem kleinen bangen Glanz von Trauer auf den Werber, der mit dem Hute in den Händen wieder niedersaß und nicht begriff, wohin seine Freudigkeit und ihre liebe Wärme gekommen sei.
Sie setzte indessen die Schwägerin auf einen Stuhl und kehrte an ihren vorigen Platz zurück. »Wir müssen sie im Zimmer lassen,« sagte sie leise, »sonst wird sie wieder unruhig und macht Dummheiten. – Ich habe Sie vorher reden lassen, Herr Nachbar, ich weiß selber nicht warum, ich bin ein wenig müd gewesen. Hoffentlich haben Sie es nicht falsch gedeutet. Es ist nämlich schon lange mein fester Entschluß, mich nicht mehr zu verändern. Ich bin fast vierzig Jahre alt, und Sie werden gewiß reichlich fünfzig sein, in diesem Alter heiraten vorsichtige Leute nimmer. Daß ich Ihnen als einem freundlichen Nachbar gut und dankbar bin, wissen Sie ja, und wenn Sie wollen, können wir es weiter so haben. Aber damit wollen wir zufrieden sein, wir könnten sonst den Schaden haben.«