Herr Schlotterbeck sah sie betrübt, doch freundlich an. Unter Umständen, dachte er, würde er jetzt ganz ruhig abziehen und ihr recht geben. Allein der Glanz, den sie vor einer Viertelstunde im Gesicht gehabt hatte, war ihm noch wie ein ernsthaft schöner Spätsommerflor im Gedächtnis und hielt sein Begehren mit Macht am Leben. Wäre der Glanz nicht gewesen, er wäre betrübt, doch ohne Stachel im Herzen seiner Wege gegangen; so aber schien ihm, er habe das Glück schon wie einen zutraulichen Vogel auf dem Finger sitzen gehabt und nur den Augenblick des Zugreifens verpaßt. Und Vögel, die man schon so nahe gehabt, läßt man nicht ohne grimmige Hoffnung auf eine neue Gelegenheit zum Fang entrinnen. Außerdem, und trotz des Ärgers über ihr Entwischen, nachdem sie schon so fromm über seine Freiersrede erglüht war, hatte er sie jetzt viel lieber als noch vor einer Stunde. Bis dahin war es seine Meinung gewesen, eine angenehme und ersprießliche Vernunftheirat zu betreiben, nun aber hatte die stille Weichheit dieser Abendstunde ihn vollends wahrhaft verliebt gemacht, so daß jetzt an ein einfaches, freundlich kühles Bedauern und Adieusagen nimmer zu denken war.
»Frau Entriß,« sagte er deshalb entschlossen, »Sie sind jetzt erschreckt worden und vielleicht von meinem Vorschlag zu sehr überrascht. Auch habe ich vielleicht zu wenig gesagt und mich zu sehr an das Praktische und Geschäftliche der Sache gehalten, wenn es auch nicht so gemeint war. Ich will darum nur sagen, daß mein Herz es ernst meint und nicht von seiner Liebe lassen will, wenn es auch Gründe dagegen geben mag. Ich kann das nicht so ausdrücken, es steht mir nicht an, aber es ist mein Entschluß, davon nimmer zu lassen. Ich habe Sie lieb, und da Sie nur mit dem Verstande Widerstand leisten, kann ich mich nicht zufrieden geben wie ein Handelsmann, den man um ein Haus weiterschickt. Sondern es ist meine Meinung, diesen Krieg weiterzuführen und Sie nach meinen Kräften zu belagern, damit es sich zeigt, wer der Stärkere ist.«
Auf diesen Ton war sie nicht gefaßt gewesen, er klang, wenn auch nicht überzeugend, so doch warm und schmeichelhaft in ihr Frauengemüt und tat ihr im Innern wohl wie ein erster Amselruf im Februar, wenn sie es auch nicht wahr haben wollte. Doch war sie nicht gewohnt, so dunkeln Regungen Macht zu gönnen, und fest entschlossen, den Angriff abzuwehren und ihre liebgewordene Freiheit zu behalten.
Sie sagte: »Sie machen mir ja Angst, Herr Nachbar! Die Männer bleiben eben länger jung als unsereine, und es tut mir leid, daß Sie mit meinem Bescheide nicht zufrieden sein wollen. Denn bei mir sieht es nun einmal nimmer so lebenslustig aus, ich kann mich nicht wieder jung machen und verliebt tun, es käme nicht von Herzen. Auch ist mir mein Leben, so wie es jetzt ist, lieb und gewohnt geworden, ich habe meine Freiheit und keine Sorgen. Und da ist auch das arme Ding, meine Schwägerin, die mich braucht und die ich nicht im Stich lasse, das hab' ich ihr versprochen und will dabei bleiben. – Aber was rede ich lang, wo nichts zu sagen ist! Ich will nicht und ich kann nicht, und wenn Sie es gut mit mir meinen, so lassen Sie mir meinen Frieden und drohen mir nicht mit Belagerungen und dergleichen, ich müßte Ihnen sonst zürnen und würde kein Wort mehr von Ihnen anhören. Wenn Sie wollen, so vergessen wir das heutige und bleiben gute Nachbarn. Im andern Fall kann ich Sie nimmer sehen.«
Schlotterbeck stand auf, verabschiedete sich jedoch noch nicht, sondern ging in erregten Gedanken, als wäre er im eigenen Hause, heftig auf und ab, um einen Weg aus dieser Not zu finden. Sie sah ihm eine Weile zu, ein wenig belustigt, ein wenig gerührt und ein wenig beleidigt, bis es ihr zu viel ward. Da rief sie ihn an: »Seien Sie nicht töricht, Herr Nachbar: Wir wollen jetzt zu Nacht essen, und für Sie wird es auch Zeit sein.«
Aber er hatte eben jetzt seinen Entschluß gefunden. Er nahm seinen Hut, den er in der Aufregung weggelegt hatte, manierlich in die linke Hand, verbeugte sich und sagte mit einem schwachen, etwas mißlungenen Lächeln: »Gut, ich gehe jetzt, Frau Entriß. Sie müssen heut ein bißchen Nachsicht mit mir haben. Ich sage Ihnen jetzt Adieu und werde Sie eine Zeitlang nimmer belästigen. Sie sollen mich nicht für gewalttätig halten. Aber ich komme wieder, sagen wir in vier, fünf Wochen, und ich bitte um nichts, als daß Sie in der Zeit sich diese Sache noch einmal in Gedanken betrachten und mir alsdann eine richtige Antwort geben, ganz wie es Ihnen dann ums Herz sein wird. Ich reise fort, das hatte ich ohnehin im Sinn, und Sie werden also alle Ruhe vor mir haben. Und wenn ich wiederkomme, ist es nur, um Ihre Antwort zu holen. Wenn Sie dann Nein sagen, verspreche ich damit zufrieden zu sein und werde dann Sie auch von meiner Nachbarschaft befreien. Sie sind das Einzige, was mich noch in Gerbersau halten könnte. Also leben Sie recht wohl, und auf Wiedersehen!«
Sie nahm seine Hand nicht an, die er ihr hinbot, gab aber in freundlichem Ton Antwort: »Meine Meinung kennen Sie schon, sie wird nicht anders werden. Damit Sie meinen guten Willen sehen, will ich Ihren Vorschlag gelten lassen. Aber ich hoffe, bis Sie wiederkommen, sehen Sie selber das alles ruhiger an, auch das mit dem Fortziehen, und bleiben mein Nachbar. Adieu denn, und gute Reise!«
»Ja, adieu,« sagte Schlotterbeck wehmütig, nahm den Türgriff in die Hand, warf einen Blick ins Zimmer zurück, den nur die Schwägerin erwiderte, und trat unbegleitet aus dem Hause in die noch lichte Dämmerung. Er schüttelte eine Faust gegen die schwach herauftönende Stadt, welcher er alle Schuld an Frau Entrißens Verstocktheit zuschrieb, und beschloß im Herzen, sie so bald wie möglich für immer zu verlassen, sei es nun mit oder ohne Frau. Dieser Entschluß tat ihm in seinem übrigen schwebenden und abhängigen Zustande wohl, als ein Ausblick auf selbständigere und gesichertere Zeiten, nach denen ihn sehnlich verlangte.
Langsam tat er den kurzen Gang zu seiner Wohnung hinüber, nicht ohne mehrmals nach dem Nachbarhäuschen zurückzuschauen, das mit geschlossener Tür und Gartenpforte gleichmütig und kühl die späte Sommernacht erwartete. Ganz fern stand am verglühten Himmel noch eine kleine Wolke, kaum ein Hauch, und blühte hinsterbend in einem sanften rosigen Goldduft dem ersten Stern entgegen. Bei ihrem Anblick fühlte der Mann noch einmal die feine, innig glühende Erregung der vergangenen Stunde vorüberziehen und schüttelte lächelnd den alten Kopf zu den töricht süßen Wünschen seines Herzens. Dann betrat er sein einsames Haus, verzichtete auf das Abendessen in der Stadt, aß nur ein halbes Pfund Kirschen, die er morgens gekauft hatte, und fing noch am selben Abend an, sich für die Reise zu rüsten.
Am Nachmittag des andern Tages war er fertig, übergab die Schlüssel seiner Aufwärterin und den Koffer einem Dienstmann, seufzte befreit und ging davon, in die Stadt hinunter und dem Bahnhof zu, ohne im Vorbeigehen einen Blick in den Garten und die Fenster der Frau Entriß zu wagen. Sie aber sah ihn wohl, wie er vom Kofferträger begleitet, elegisch dahinging. Er tat ihr leid und sie wünschte ihm von Herzen gute Erholung.