Sie stand auf und sagte ohne Erregung: »Nein, Herr Reichardt, das glaube ich nicht. Ich kann Ihnen alles Glück wünschen. Aber ich bin in all meiner Armut gar nicht so unglücklich, daß ich Lust hätte, einen Weg zu teilen, der aus der Welt hinaus ins Unsichere führt.«

Und plötzlich aufflammend rief sie fast heftig: »Gehen Sie nur Ihren Weg! Gehen Sie ihn!«

Mit einer zornigstolzen, prachtvollen Gebärde lud sie ihn ein sich zu verabschieden, was er betroffen und bekümmert tat, und indessen er draußen die Türe öffnete und schloß und die Treppe hinabstieg, hatte sie, die seine Schritte verklingen hörte, genau dasselbe wunderlich bittere und hoffnungslose Gefühl im Herzen wie der davongehende Mann, als gehe hier einer Torheit wegen eine schöne und köstliche Sache zugrunde; nur daß jedes dabei der Torheit des andern dachte.

5

Es begann jetzt Berthold Reichardts Martyrium. In den ersten Anfängen sah es gar nicht übel aus. Wenn er ziemlich früh am Morgen das Lager verließ, das er sich selber bereitete, schaute durch das kleine Fenster seiner Schlafkammer das stille morgendliche Tal herein, an dessen tiefster Stelle die Sonne hervortrat. Der Tag begann mit angenehmen und kurzweiligen Betätigungen des Einsiedlerlehrlings, mit dem Waschen oder auch Baden im Brunnentrog, je nach der Wärme des Tages, mit dem Feuermachen im Steinherde, dem Herrichten der Kammer, Milchkochen und trinken. Sodann erschien, alle Tage pünktlich zu seiner Stunde, der Knecht und Lehrmeister, Ratgeber und Minister Xaver aus dem Dorfe, der auch das Brot mitbrachte. Mit ihm ging Berthold nun an die Arbeit, bei gutem Wetter im Freien, sonst im Holzschuppen oder in der Stube. Emsig lernte er unter des Knechtes Anleitung die wichtigsten Geräte handhaben, die Gais melken und füttern, den Boden graben, Obstbäume putzen, den Gartenzaun flicken, Scheitholz für den Herd spalten und Reisig für den Ofen bündeln, und war es kalt und wüst, so wurden im Hause Wände und Fenster verstopft, Körbe und Strohseile geflochten, Spatenstiele geschnitzt und ähnliche Dinge betrieben, wobei der Knecht vergnügt seine Holzpfeife rauchte und aus dem dichten Gewölk hervor eine Menge Geschichten erzählte.

Während aber dem Knechte dies Leben als ein leichtes und halbmüßiges wohlgefiel, offenbarte es dem Herrn die kräftige Würze der Arbeit, die ihm nicht minder gefiel und wohltat. Wenn er mit dem von ihm selbst gespaltenen Holze in der urtümlichen Feuerstelle unterm riesigen schwarzen Schlunde des Küchenrauchfanges Feuer anmachte und das Wasser oder die Milch im viel zu großen Hängekessel zu sieden begann, dann konnte er ein robustes Lebensgefühl robinsonschen Behagens in den Gliedern spüren, das er seit fernen Knabenzeiten nicht gekannt hatte, und in dem er schon die ersten Atemzüge der ersehnten inneren Erlösung zu kosten meinte.

In der Tat mag es für den Kulturmenschen und Städter nichts Erfrischenderes geben als eine Weile mit bäuerlicher Arbeit zu spielen, die Gedanken ruhen zu lassen und die Glieder zu ermüden, früh schlafen zu gehen und früh aufzustehen. Es lassen sich jedoch ererbte und erworbene Gewohnheiten und Bedürfnisse nicht wie Hemden wechseln, und wer seit Schülerzeiten gelernt hat, vorwiegend mit dem Gehirn zu arbeiten, der kann kein Kleinbauer mehr werden. Diese Binsenwahrheit mußte auch Reichardt erfahren.

Seine Abende brachte er allein im Häuschen zu, dann ging der Knecht mit seinem guten Tagelohn nach Hause oder ins Wirtshaus, um unter seinesgleichen froh zu sein und von dem Treiben seines wunderlichen Brotgebers zu erzählen; der Herr aber saß bei der Lampe und las in den Büchern, die er mitgebracht hatte, und die vom Garten- und Obstbau handelten. Diese vermochten ihn aber nicht lange zu fesseln. Er las und lernte gläubig, daß das Steinobst die Neigung hat, mit seinen Wurzeln in die Breite zu gehen, das Kernobst aber mehr in die Tiefe, und daß dem Blumenkohl nichts so bekömmlich sei wie eine gleichmäßige feuchte Wärme. Er interessierte sich auch noch dafür, daß die Samen von Lauch und Zwiebeln ihre Keimkraft nach zwei Jahren verlieren, während die Kerne von Gurken und Melonen ihr geheimnisvolles Leben bis ins sechste Jahr behalten. Bald aber ermüdeten und langweilten ihn diese Dinge, die er von Xaver doch besser lernen konnte, und er gab diese Lektüre auf.

Dafür nahm er jetzt einen kleinen Bücherstoß hervor, der sich in der letzten münchener Zeit bei ihm angesammelt, da er dies und jenes Zeitbuch auf dringende Empfehlungen hin gekauft hatte, zum Lesen aber nie gekommen war. Nun schien ihm die Zeit gekommen, diese Kleinode in Stille und Sammlung auf sich wirken zu lassen. Beim Ordnen dieser Bücher und Schriften fielen ihm freilich einige in die Hände, die er als unnütz beiseite tat, denn sie stammten aus den Tagen seines Verkehrs mit Hans Konegen und handelten von »Ornament und Symbol«, vom »Stil der Zukunft« und ähnlichen Materien. Dann folgten zwei Bändchen von Tolstoi, van Vlissens Abhandlung über den Heiligen von Assisi, Schriften wider den Alkohol, wider die Laster der Großstadt, wider den Luxus, den Industrialismus, den Krieg.

Von diesen Büchern fühlte sich der junge Weltflüchtige wieder kräftig und wohltätig in allen seinen Prinzipien bestätigt, er sog sich mit erbittertem Vergnügen voll an der Philosophie der Unzufriedenen, Asketen und Idealisten, aus deren Schriften her ein feiner Heiligenschein über sein eigenes jetziges Leben fiel. Und als nun bald der Frühling begann, erlebte Berthold mit Wonne den Segen natürlicher Arbeit und Lebensweise, er sah unter seinem Rechen hübsche Beete entstehen, tat zum erstenmal in seinem Leben die schöne, vertrauensvolle Arbeit des Säens und hatte seine Lust am Keimen und Gedeihen der Gewächse. Die Arbeit hielt ihn jetzt bis weit in die Abende hinein gefangen, die müßigen Stunden wurden selten, und in den Nächten schlief er tief und rastbedürftig wie ein rechter Bauer. Wenn er jetzt, in einer Ruhepause auf den Spaten gestützt oder am Brunnen das Vollwerden der Gießkanne abwartend, an Agnes Weinland denken mußte, so zog sich wohl sein Herz ein wenig zusammen, aber das Leiden war ohne Verzweiflung, und er dachte es mit der Zeit wohl vollends zu überwinden, denn er meinte, es wäre doch töricht und schade gewesen, hätte er sich von dieser Liebe verführen und in der argen Welt zurückhalten lassen.