Zu diesen Vielen gehörte auch der Knabe Emil Kolb in Gerbersau, und der Zufall (da man bei solchen Menschen doch wohl nicht von Schicksal reden darf) brachte es dahin, daß er mit seinem Dilettantentum nicht gleich vielen anderen zu Ehren und Wohlstande, sondern zu Unehre und Elend kam, obwohl er um nichts schlimmer war als tausend seiner Art.

Emil Kolbs Vater war ein sehr bescheidener Flickschuster, und nur seine Verwandtschaft mit den hochgeschätzten Bürgerfamilien der Dierlamm und der Giebenrath hielt ihn im städtischen Leben etwas oberhalb des Grades von Mißachtung, dessen Leute ohne Geld und ohne Glück sonst unter ihren Mitbürgern genießen.

Diesen großen Verwandten gegenüber machte Herr Kolb vorsichtigerweise von seinem Vetternrecht nahezu gar keinen Gebrauch. Es fiel ihm nicht ein, etwa bei einer Leichenfeier oder in einem Festzuge neben einem Giebenrath schreiten zu wollen oder zu erwarten, daß ihn ein Dierlamm zu seiner Hochzeit oder Taufe einlade. Desto häufiger und stolzer erinnerte er in seinem Hause und unter seinesgleichen an die ehrenvolle Verwandtschaft, die ihm immerhin von Nutzen war. Es war diesem Manne die Gabe versagt, im Walten der Natur und in der Entfaltung menschlicher Schicksale das unabänderlich Notwendige zu erkennen und anzuerkennen; deshalb hielt er denn auch, was seinem Tun und Leben versagt war, wenigstens seinen Wünschen und müßigen Träumen für erlaubt und schwelgte gerne in Vorstellungen eines anderen reicheren, schöneren Lebens, soweit seine auf das Materielle gerichtete Phantasie dessen fähig war.

Kaum hatte diesem Flickschuster sein Weib einen leidlich rüstigen Knaben geboren, so übertrug er seine Schwärmereien auf dessen Zukunft, und damit rückte dies alles, was bisher nur Gedankensünde und Fabelvergnügen gewesen war, in ein bestimmtes Licht des Möglichen, das bald zum Wahrscheinlichen und endlich zum Gewissen wurde. Denn der junge Emil Kolb spürte diese väterlichen Wünsche und Träume schon frühe als eine warme und treibende Luft um sich und gedieh darin wie der Kürbis im Dünger, er nahm sich gleich in den ersten Schuljahren vor, der Messias seiner armen Familie zu werden und später einmal unerbittlich alles zu ernten, was nach seiner seltsamen Religion das Glück ihm nach so langen Entbehrungen der Eltern und Vorfahren schuldete. Emil Kolb fühlte den Mut in sich, einmal das Schicksal eines Gewaltigen auf sich zu nehmen, eines Bürgermeisters oder Millionärs, und wäre heute schon eine goldene Kutsche mit vier Schimmeln bei seines Vaters Hause vorgefahren, so hätte keinerlei Schüchternheit ihn abgehalten, sich hineinzusetzen und mit ruhigem Lächeln die ehrerbietigen Grüße der Mitbürger einzustreichen.

Mag das Träumen und Ersehnen goldener Zukunftsfrüchte das beste Recht aller Jugend sein und manchem tüchtigen Manne die Jahre schwerer Erwartung tragen helfen – jene Tüchtigen meinen es eben doch etwas anders, als Emil es meinte, welchem nicht Verdienst und Können, Macht des Wissens oder Macht der Kunst vorschwebte, sondern lediglich gut Essen und Wohnen, schöne Kleider und feistes Wohlergehen. Schon früh erschienen ihm die wenigen originellen Menschen, die er kennen lernte, lächerlich und geradezu närrisch, daß sie es vorzogen, heimlichen Idealen zu opfern und einen nutzlosen Ehrgeiz zu pflegen, statt ihre guten Gaben einem glatten baren Lohne dienstbar zu machen. So zeigte er auch für alle jene Fächer der Schulwissenschaft reichlichen Eifer, die von den Dingen dieser Erde handeln, wogegen ihm die Beschäftigung mit Geschichten und Sagen der Vorzeit, mit Gesang, Turnen und anderen ähnlichen Dingen als ein reiner Zeitverderb erschien.

Eine besondere Hochachtung jedoch hatte der junge Streber vor der Kunst der Sprache, worunter er aber nicht die Torheiten der Dichter verstand, sondern die Pflege des Ausdruckes zugunsten realer geschäftlicher Handlungen und Vorteile. Er las alle Dokumente geschäftlicher oder rechtlicher Natur, von der einfachen Rechnung oder Quittung bis zum öffentlichen Anschlag oder Zeitungsaufruf, mit tiefem Verständnis und reiner Bewunderung. Denn er sah gar wohl, daß die Sprache solcher Kunsterzeugnisse, von der gemeinen Sprache der Gasse ebenso weit entfernt wie nur irgendeine tolle Dichtung, geeignet sei, Eindruck zu machen, Macht zu üben und über Unverständige Vorteile zu erlangen. In seinen Schulaufsätzen strebte er diesen Vorbildern beharrlich nach und brachte manche Blüte hervor, die einer kleineren Kanzlei kaum unwürdig gewesen wäre. Und einen in seiner Sammlung solcher Dokumente befindlichen Steckbrief, den er aus der Zeitung des Vaters ausgeschnitten hatte, versah er in einer guten Stunde sogar mit einer kleinen Korrektur, die ihm ein inniges Vergnügen bereitete. Es hieß nämlich dort, nach der Beschreibung des Vermißten: »Wer etwas über den Gesuchten weiß, möge sich beim unterzeichneten Notariatsamt melden«. Dafür setzte Emil Kolb die Worte ein: »Personen, welche in der Lage sein sollten, Auskünfte über den Gesuchten beizubringen – –«.

Eben diese Vorliebe für den feinen Kanzleistil gab den Anlaß und Ankergrund für Emil Kolbs einzige Freundschaft. Der Lehrer hatte seine Klasse einst einen Aufsatz über den Frühling verfassen und mehrere dieser Arbeiten von ihren Urhebern vorlesen lassen. Da tat mancher zwölfjährige Schüler seine ersten scheuen Flüge in das Land der schaffenden Phantasie, und frühe Bücherleser schmückten ihre Aufsätze mit begeisterten Nachbildungen der Frühlingsschilderungen gangbarer Dichter. Es war vom Amselruf und von Maifesten die Rede, und ein besonders Belesener hatte sogar das Wort Philomele gebraucht. Alle diese Schönheiten aber hatten den zuhörenden Emil nicht zu rühren vermocht, er fand das alles blöd und töricht. Da kam, vom Lehrer aufgerufen, der Sohn des Kannenwirts, Franz Remppis, an die Reihe, seinen Aufsatz vorzulesen. Und gleich bei den ersten Worten »Es ist nicht zu bestreiten, daß der Frühling immerhin eine sehr angenehme Jahreszeit genannt zu werden verdient« – gleich bei diesen Worten merkte Kolb mit entzücktem Ohre den Klang einer ihm verwandten Seele, lauschte scharf und beifällig und ließ sich kein Wort entgehen. Dies war der Stil, in welchem das Wochenblatt seine Berichte aus Stadt und Land abzufassen pflegte und den Emil selbst schon mit einiger Sicherheit anzuwenden wußte.

Nach dem Schluß der Schule sprach Kolb dem Mitschüler seine Anerkennung aus, und von der Stunde ab hatten die beiden Knaben das Gefühl, einander zu verstehen und zu einander zu gehören. Da keiner von ihnen je bereit gewesen wäre, ein Opfer zu bringen, verlangte es auch keiner vom andern, vielmehr spürten sie, daß es gut sei, einander gelten und bestehen zu lassen, um einmal einer am andern etwas zu haben und etwa später größere Dinge gemeinsam unternehmen zu können.

Emil begann damit, daß er die Gründung einer gemeinschaftlichen Sparkasse vorschlug. Er wußte die Vorteile des Zusammenlegens und der gegenseitigen Ermunterung zur Sparsamkeit so beredt darzulegen, daß Franz Remppis darauf einging und sich bereit erklärte, sein Erspartes dieser Kasse anzuvertrauen. Doch war er klug genug, darauf zu bestehen, daß das Geld solange in seinen Händen bleibe, bis auch der Freund eine bare Einlage gemacht habe, und da es hierzu niemals kommen wollte, versank der gute Plan, ohne daß Emil an ihn erinnert oder Franz ihm den Versuch einer Überlistung übelgenommen hätte. Ohnehin fand Kolb sehr bald einen Weg, seine kümmerlichen Umstände vorteilhaft mit den weit bessern des Wirtssohnes zu verknüpfen, indem er seinem Kameraden gegen kleine Geschenke und eßbare Gaben in manchen Schulfächern mit seinen Fähigkeiten aushalf. Das dauerte bis zum Ende der Schulzeit, und gegen das Versprechen eines Honorars von fünfzig Pfennigen lieferte Emil Kolb dem Franz die mathematische Arbeit im Abgangsexamen, welches sie auf diese Weise beide wohl bestanden. Emil hatte sogar so gute Zeugnisse eingeheimst, daß sein Vater darauf schwor, an dem prächtigen Jungen sei ein Gelehrter verloren gegangen. Allein an fernere Studien war nicht zu denken. Doch gab sich der Vater Kolb jede Mühe und tat manchen sauren Bittgang zu den wohlhabenden Verwandten, um seinem Sohne einen besonderen Platz im Leben zu verschaffen und seine Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft nach Kräften zu fördern. Durch die Befürwortung der Familie Dierlamm gelang es ihm, seinen Knaben als Lehrling im Bankgeschäft der Brüder Dreiß unterzubringen. Damit schien ihm ein bedeutender Schritt nach oben hin getan und eine Gewähr für die Erfüllung weit kühnerer Träume gegeben.

Für junge Gerbersauer, die sich dem Kaufmannsberufe widmen wollten, gab es keine rühmlichere und hoffnungsreichere Eröffnung dieser Laufbahn als die Lehrlingschaft bei den Brüdern Dreiß. Deren Bank und Warengeschäft war alt und hochangesehen, und die Herren hatten jedes Jahr die Wahl unter den besten Schülern der obersten Klassen, deren sie jährlich einen oder zwei als Lehrlinge in ihr Geschäft aufnahmen. So hatten sie stets, da die Lehrzeit dreijährig war, zwischen vier und sechs junger Leute in Lehre und Kost, welche zwar vom zweiten Lehrjahr an die Kost, sonst aber für ihre Arbeit keine Entschädigung erhielten. Dafür konnten sie dann den Lehrbrief des alten ehrwürdigen Hauses als eine überall im Lande gültige Empfehlung ins Leben mitnehmen.