Dieses Jahr war Emil Kolb der einzige neu eintretende Lehrling und wurde darum von manchem beneidet, der sich selbst auf diesen Ehrenplatz gewünscht hatte. Er selbst fand hingegen die Ehre gering und recht teuer bezahlt; denn als jüngster Lehrbub war er derjenige, an welchem alle älteren, auch schon die vom vorigen Jahr, die Stiefel glaubten abreiben zu müssen. Wo etwas im Hause zu tun war, das zu tun sich jeder scheute und zu gut hielt, da rief man nach Emil, dessen Name immerzu gleich einer Dienstbotenglocke durchs Haus erschallte, so daß der junge Mensch nur selten Zeit fand, in einer Kellerecke hinter den Erdölfässern oder auf dem Dachboden bei den leeren Kisten eine kurze Weile seinen Träumen vom Glanz der Zukunft nachzuhängen. Es entschädigte ihn für dies rauhe Leben nur die sichere Rechnung auf den Glanz späterer Tage und die gute reichliche Kost des Hauses. Die Brüder Dreiß, die mit ihrem Lehrlingswesen gute Geschäfte machten und sich außerdem noch einen gut zahlenden Volontär hielten, pflegten an allem zu sparen, nur am Essen für ihre Leute nicht. So konnte der junge Kolb sich jeden Tag dreimal vollständig satt essen, was er mit Eifer tat, und wenn er trotzdem in Bälde lernte, über die miserable Verpflegung zu schimpfen, so war das nur eine zum Brauch der Lehrlinge gehörende Übung, welcher er mit derselben Treue oblag, wie dem Stiefelwichsen am Morgen und dem Rauchen gestohlener Zigaretten am Abend.
Ein Kummer war es ihm gewesen, daß er beim Eintritt in diese Vorhölle seines Berufes sich von dem Freund hatte trennen müssen. Franz Remppis wurde von seinem Vater in eine auswärtige Lehrstelle verdingt und erschien eines Tages, um von Emil Abschied zu nehmen und ihm seinen rotbraunen neuen Leinwandkoffer zu zeigen, auf dessen Ecken aus Weißblech sein Name graviert war. Franzens Trost, daß sie beide einander fleißig schreiben wollten, leuchtete dem armen Emil wenig ein; denn er wußte nicht, woher er das Geld für die Briefmarken hätte nehmen sollen.
Wirklich kam schon bald ein Brief aus Lächstetten, worin Remppis von seinem Einstand am neuen Orte berichtete. Dieses Schreiben, das mit großem Fleiß und Vergnügen aus vielen vortrefflichen Phrasen und kaufmännischen Ausdrücken zusammengestellt war, regte Emil zu einer langen, sorgfältigen Antwort an, mit deren Abfassung er mehrere Abende hinbrachte, deren Absendung ihm jedoch fürs Erste nicht möglich war. Endlich gelang es ihm doch, und er sah es vor sich selbst als eine Entschuldigung und halbe Rechtfertigung an, daß sein erster Fehltritt dem edlen Gefühle der Freundschaft entsprang. Er mußte nämlich einige Briefe zur Post tragen und da es eben eilte, gab der Oberlehrling ihm die Briefmarken dazu in die Hand, die er unterwegs aufkleben solle. Diese Gelegenheit nahm Emil wahr. Er beklebte den Brief an Franz, den er in der Brusttasche bei sich trug, mit einer der hübschen neuen Briefmarken und steckte dafür einen von den Geschäftsbriefen ohne Marke in den Postkasten.
Mit dieser Tat begab sich der junge Mensch unbewußt über eine Grenze, die für ihn besonders gefährlich und lockend war. Wohl hatte er auch zuvor schon je und je, gleich den anderen Lehrbuben, Kleinigkeiten zu sich gesteckt, die seinen Herren angehörten, etwa ein paar gedörrte Zwetschgen oder eine Zigarre. Allein diese Näschereien verübte ein jeder mit ganz heilem Gewissen – sie stellten eine flotte und herrische Gebärde dar, womit der Täter vor sich selber prahlte und seine Zugehörigkeit zum Hause und dessen Vorräten dartat. Hingegen war mit dem Diebstahl der Briefmarke etwas anderes geschehen, etwas weit Schwereres, ein heimlicher Raub an Geldeswert, den keine Gewohnheit und kein Beispiel entschuldigen konnte. Es schlug denn auch dem jungen Missetäter das Herz in geziemender Angst, und einige Tage lang war er zu jeder Stunde darauf gefaßt, daß sein Vergehen entdeckt und er zur Rechenschaft gezogen werde. Es ist selbst für leichtsinnige Menschen und auch für solche, die schon im Vaterhaus genascht und gediebelt haben, dennoch der erste richtige Diebstahl ein unheimliches Erlebnis, und mancher trägt schwerer daran als an weit größeren Sünden. Wenigstens zeigt die Erfahrung, daß häufig junge Gelegenheitsdiebe ihre erste Untat nicht zu tragen vermögen und ohne äußere Nötigung sich durch ein Geständnis erleichtern und für immer reinigen.
Dieses nun tat Emil Kolb nicht. Er litt einige Angst vor der möglichen Entdeckung, und vermutlich brannte auch sein wenig feines Gewissen ein wenig, aber als die Tage gingen und die Sonne weiter schien und die Geschäfte ihren Gang dahinliefen, als wäre nichts geschehen und als habe er nichts zu verantworten, da erschien ihm diese Möglichkeit, in allem Frieden aus fremder Tasche Nutzen zu ziehen, als ein Ausweg aus hundert Nöten, ja vielleicht als der ihm bestimmte Weg zum Glücke. Denn da ihn die Arbeit und Geschäfte nur als ein mühsamer Umweg zum Erwerb und Vergnügen zu freuen vermochten, da er stets wie alle Toren nur das Ziel und nie den Weg bedachte, mußte die Erfahrung, daß man unter Umständen sich ungestraft allerlei Vorteil erstehlen könne, ihn gewaltig in Versuchung führen.
Und dieser Versuchung widerstand er nicht. Es gibt für ein Männlein seines Alters hundert kleine schwer entbehrte Dinge, die vor seinen Träumen wie begehrenswerte Früchte des Paradieses hängen und welchen das Kind armer Eltern stets einen doppelten Wert beimißt. Sobald Emil Kolb begonnen hatte, mit der Vorstellung weiteren unredlichen Erwerbs zu spielen, sobald der Besitz eines Nickelstücks, ja einer Silbermünze ihm keine Unmöglichkeit mehr, sondern jederzeit erreichbar schien, richtete sich sein Verlangen lüstern auf viele kleine Sachen, an die er zuvor kaum gedacht hatte. Da besaß sein Mitlehrling Färber ein Taschenmesser mit einer Säge und einem Stahlrädchen zum Glasschneiden daran, und obwohl das Sägen und Glasschneiden ihm durchaus kein Bedürfnis war, wollte ihm doch der Besitz eines solchen Prachtstückes von Messer überaus wünschenswert vorkommen. Und nicht übel wäre es auch, am Sonntag eine solche blau und braun gefärbte Krawatte zu tragen, wie sie jetzt bei den feineren Lehrjungen die Mode waren. Sodann war es ärgerlich genug zu sehen, wie die vierzehnjährigen Fabriklehrbuben am Feierabend schon zum Bier gingen, während ein Kaufmannslehrling, schon um ein Jahr älter und an Stande so viel höher als jene, jahraus, jahrein kein Wirtshaus von innen zu sehen bekam. Und war es nicht ebenso mit den Mädchen? Sah man nicht manchen halbwüchsigen Stricker oder Weber aus den Fabriken schon am Sonntag freimütig mit den Kolleginnen verkehren oder gar Arm in Arm gehen? Und ein junger Kaufmann sollte seine ganze drei- oder vierjährige Lehrzeit erst abwarten müssen, ehe er imstande wäre, einem hübschen Mädel das Karussellfahren zu bezahlen und eine Bretzel anzubieten?
Diesen Übelständen beschloß der junge Kolb ein Ende zu machen. Es war weder sein Gaumen für die herbe Würze des Bieres noch sein Herz und Auge für die Reize der Mädchen reif, aber er strebte selbst im Vergnügen fremden Zielen nach und wünschte nichts, als so zu sein und zu leben wie die angesehenen und flotten unter seinen Kollegen.
Bei aller Torheit war Emil aber gar nicht dumm. Er bedachte seine Diebeslaufbahn nicht minder sorgfältig, als er zuvor seine erste Berufswahl bedacht hatte, und es blieb seinem Nachdenken nicht verborgen, daß auch dem besten Dieb stets ein Feind am Wege lauere. Es durfte durchaus nicht geschehen, daß er je erwischt wurde, darum wollte er lieber einige Mühe daran wenden und die Sache weitläufig vorbereiten, als einem verfrühten Genusse zulieb den Hals wagen. So überlegte und untersuchte er alle Wege zum verbotenen Gelde, die ihm etwa offen standen, und fand am Ende, daß er sich bis zum nächsten Jahre gedulden müsse. Er wußte nämlich, wenn er sein erstes Lehrjahr tadelfrei abdiene, so würden die Herren ihm die sogenannte Portokasse übertragen, welche stets der zweitjüngste Lehrling zu führen hatte. Um also seine Herren im kommenden Jahre bequemer bestehlen zu können, diente ihnen der Jüngling nun mit der größten Aufmerksamkeit. Er wäre darüber beinahe seinem Entschlusse untreu und wieder ehrlich geworden; denn der ältere von seinen Prinzipalen, der seinen beflissenen Eifer bemerkte und mit dem armen Schustersöhnlein Mitleid hatte, gab ihm gelegentlich einen Zehner oder wandte ihm solche Besorgungen zu, welche ein Trinkgeld abzuwerfen versprachen. So war er häufig im Besitz kleinen Geldes und brachte es dazu, noch mit ehrlich verdientem Gelde sich eine von den braun und blau gescheckten Krawatten zu kaufen, womit die Feinen unter seinen Kollegen sich am Sonntag schmückten.
Mit dieser Halsbinde angetan tat der junge Herr seinen ersten Schritt in die Welt der Erwachsenen und feierte sein erstes Fest. Bisher hatte er sich wohl des Sonntags manchmal den Kameraden angeschlossen, wenn sie langsam und unentschlossen durch die sonnigen Gassen bummelten, vorübergehenden Kollegen ein Witzwort nachriefen und recht heimatlos und verstoßen sich umhertrieben, aus der farbigen Kinderwelt ohne Gnade entlassen und in die würdige Welt der Männer noch nicht aufgenommen. Da hatte Emil sehr wohl gefühlt, daß sie alle noch weit bis zu Glück und Ehre hätten, und hatte nicht ohne bitteren Neid den jungen Fabriklern nachgeschaut, die mit langen Zigarren im Munde und Mädchen am Arm der Musik einer Ziehharmonika folgten.
Nun aber sollte auch er zum erstenmal seit der Schulzeit einen festlichen Sonntag mitfeiern. Sein Freund Remppis hatte in Lächstetten, wie es schien, mehr Glück gehabt als Emil daheim. Und neulich hatte er einen Brief geschrieben, der den Freund Kolb zum Kauf der feinen Halsbinde veranlaßt hatte.