So war der erhoffte Vereinsausflug mit Fahnen, Musik und lärmender Lustbarkeit für den Gerbersauer Gast ein stilles Erlebnis und jedenfalls etwas nicht minder Schönes geworden. Es geschahen zwischen ihm und seinem schönen Fräulein keine Liebeserklärungen und keine Zärtlichkeiten, vor dem Küssen hätte es ihm auch noch gegraut, aber es entstand doch Emils erste Vertrautheit mit einem Mädchen, er war zum erstenmal verliebt und zum erstenmal Kavalier, und beides gefiel ihm nicht wenig.
Da man der Damen wegen nicht wagte, in einer Herberge einzukehren, wurden in der Nähe eines Dorfes zwei von den Jünglingen auf Proviant ausgeschickt. Sie kehrten mit Brot und Käse, Bierflaschen und Gläsern wieder, und es ergab sich ein heiteres Gelage im Grünen, wobei die Mädchen das Brotschneiden und Einschenken übernahmen und mit ihren hellen Sommerkleidern froh und festlich aussahen. Emil, der den ganzen Tag auf den Beinen und ohne Mittagbrot gewesen war, griff nun mit eifrigem Hunger zu den guten Sachen und war der fröhlichste von allen. Doch mußte er bei diesem ersten Fest seines Mannesalters die bittere Erfahrung machen, daß nicht alles Wohlschmeckende auch wohltut und daß seine Kräfte im Schlürfen männlicher Genüsse noch die eines Kindes waren. Er erlag mit Schmach dem dritten oder vierten Glase Bier und mußte den Heimweg nach Lächstetten als Nachzügler unter des Freundes Obhut in Schmerzen und Reue zurücklegen.
Wehmütig nahm er am Abend von dem Freunde Abschied und trug ihm Grüße an die Kameraden und an die lieben Fräulein auf, die er nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Großmütig hatte ihm Franz Remppis ein Billet für die Eisenbahn geschenkt, und während er im Fahren durchs Fenster die schöne sommerliche Landschaft abendlich werden und festlich verglühen sah, empfand er alle Ernüchterung der Rückkehr zu Arbeit und Entbehrung voraus und hätte nichts dagegen gehabt, wenn es angegangen wäre, diesen Tag wieder auszustreichen und zu den ungelebten zu legen.
Dennoch konnte er, ohne zu lügen, nach vier Tagen seinem Freunde schreiben:
»Lieber Freund!
In Anbetracht des verflossenen Sonntags möchte nicht unterlassen, Dir nochmals meinen Dank auszusprechen. Zu meinem lebhaften Bedauern ist mir unterwegs jenes Versehen passiert und hoffe ich sehr, es möchte Dir und den Herren und Damen den schönen Festtag nicht gestört haben. Namentlich wäre Dir äußerst verpflichtet, wenn Du die Güte haben wolltest, dem Fräulein Emma einen Gruß von mir und meine Bitte um Entschuldigung für jenes Unglück zu bestellen. Zugleich wäre ich sehr gespannt, Deine Ansicht über Fräulein Emma erfahren zu dürfen, da ich nicht verhehlen kann, daß eben diese mir völlig zugesagt und ich eventuell nicht abgeneigt wäre, bei späterem Anlaß an selbe mit ernsteren Anträgen heranzutreten. Diesbezüglich Deine strengste Diskretion erbittend und voraussetzend verbleibe mit besten Grüßen in freundschaftlicher Ergebenheit Dein Emil Kolb.«
Franz gab hierauf nie eine richtige Antwort. Er ließ wissen, daß der Gruß ausgerichtet sei und daß die Herren vom Verein sich freuen würden, Emil bald einmal wieder bei sich zu sehen. Der Sommer ging hin, und die Freunde sahen sich in Monaten nur ein einziges Mal, bei einer Zusammenkunft in dem Dorfe Walzenbach, das in der Mitte zwischen Lächstetten und Gerbersau lag und wohin Emil den Schulfreund bestellt hatte. Es kam jedoch keine richtige Wiedersehensfreude auf, denn Emil hatte keinen anderen Gedanken, als etwas über das Fräulein Emma zu erfahren, und Franz wußte seinen Fragen nach ihr immer wieder hartnäckig auszuweichen. Er hatte nämlich seit jenem Sonntage selbst seine Blicke auf diese Jungfer gerichtet und seinen Freund bei ihr auszustechen versucht. Unschönerweise hatte er damit begonnen, daß er dessen Legende zerstört und seine geringe Herkunft ohne Schonung dargetan hatte. Zum Teil wegen dieses Verrates am Freunde, noch mehr aber wegen einer sogenannten Hasenscharte, welche Franz am Munde hatte und die der Emma mißfiel, wies sie ihn sehr kühl ab, wovon Emil jedoch nichts erfuhr. Und nun saßen die alten Freunde einander unoffen und enttäuscht gegenüber und waren beim Auseinandergehen am Abend nur darin einig, daß keiner von beiden eine baldige Wiederholung dieser Zusammenkunft für notwendig hielt.
Im Geschäft der Brüder Dreiß hatte sich Emil indessen zwar nicht eben beliebt, wohl aber nützlich gemacht und soviel Vertrauen erworben, daß im Herbst, nach dem Avancement des ältesten Lehrlings und dem Eintritt eines neuen, die Prinzipale keinen Grund fanden, von einer alten Gewohnheit abzugehen, und dem Jüngling die sogenannte Portokasse übergaben. Es wurde ihm ein Stehpult angewiesen und zugleich Büchlein und Kasse übergeben, ein flaches Kästlein aus grünem Drahtgeflechte, worin oben die Bogen mit Briefmarken, unten aber das bare Geld geordnet lagen.
Der Jüngling, am Ziele langer Wünsche und Pläne angelangt, verwaltete in der ersten Zeit die paar Taler seiner Kasse mit äußerster Gewissenhaftigkeit. Seit Monaten mit dem Gedanken vertraut, aus dieser Quelle zu schöpfen, nahm er nun doch keinen Pfennig an sich. Diese Ehrlichkeit wurzelte nur zum Teil in der Furcht und in der klugen Voraussetzung, man werde seine Führung in dieser ersten Zeit besonders genau beobachten. Vielmehr war es ein Gefühl von Feierlichkeit und innerer Befriedigung, das ihn gut machte und vom Bösen abhielt. Emil sah sich, im Besitz eines eigenen Stehpultes im Kontor und als Verwalter baren Geldes, in die Reihe der Erwachsenen und Geachteten emporgerückt; er genoß diese Stellung mit Andacht und sah auf den soeben neu eingetretenen jüngsten Lehrling mit großem Mitleid hernieder. Diese gütige und weiche Stimmung hielt ihn gefangen. Allein wie den schwachen Burschen eine Stimmung vom Bösen abzuhalten vermochte, so genügte auch eine Stimmung, ihn an seine üblen Vorsätze zu erinnern und diese zur Ausführung zu bringen.
Es begann, wie alle Sünden junger Geschäftsleute, an einem Montage. Dieser Tag, an welchem nach kurzer Sonntagsfreiheit und mancher Lustbarkeit die Nebel des Dienstes, des Gehorchenmüssens und der Arbeit sich wieder für so lange Tage senken, ist auch für fleißige und tüchtige junge Menschen eine Prüfung, zumal wenn auch die Vorgesetzten den Sonntag der Lust geweiht und alle gute Laune einer Woche im voraus verbraucht haben.