Es war ein Montag zu Anfang des November. Die beiden älteren Lehrlinge waren tags zuvor samt dem Herrn Volontär in der Vorstellung einer durchreisenden Theatertruppe gewesen und hatten nun, durch das gemeinsame seltne Erlebnis heimlich verbunden, viel untereinander zu flüstern. Der Volontär, ein junger Lebemann aus der Hauptstadt, ahmte an seinem Stehpult Grimassen und Gebärden eines Komikers nach und weckte die Erinnerung an gestrige Genüsse jeden Augenblick von neuem. Emil, der den regnerischen Sonntag zu Hause mit Lesen und kaufmännischen Stilübungen hingebracht hatte, horchte mit Neid und Ärger hinüber. Der jüngere Chef hatte ihn am frühen Morgen schon in bitterer Montagslaune angebrummt, allein und ausgeschlossen stand er an seinem Platz, während die anderen ans Theater dachten und ihn ohne Zweifel bemitleideten.
Traurig und erbittert durchlas er einen Brief seines Prinzipals, den er abschicken sollte und aus dem er zuvor noch Stilistisches zu lernen hoffte. Es war ein Brief an einen großen Lieferanten und begann »Sehr geehrter Herr! Ihre geschätzte Faktura noch immer vergebens erwartend, bitte nun endlich, Berechnung über die am 11. Vorigen erhaltenen Waren einzusenden.« Es war nichts Neues, enttäuscht legte der Lehrling den Brief zu den anderen. In diesem Augenblick erschallte draußen auf dem Marktplatz ein fröhlich schmetternder Trompetenstoß, der sich zweimal wiederholte. Das Signal, seit einigen Tagen der ganzen Stadt vertraut, kündete den Ausrufer der Schauspielerfamilie an, der auch sogleich auf dem Platz erschien, sich auf die Vortreppe des Rathauses schwang und mit rollender Stimme verkündete: »Meine Herrschaften! Damen und Herren! Es findet heute Abend acht Uhr im Saale des Hotels zum grauen Hecht die unwiderruflich letzte Vorstellung der bekannten Truppe Elvira statt. Zur Aufführung gelangt das berühmte Stück »Der Graf von Felsheim oder Vaterfluch und Brudermord«. Zu dieser unwiderruflich allerletzten Hauptgalavorstellung wird Alt und Jung hiermit ergebenst eingeladen. Trara! Trara! Am Schlusse findet eine Verlosung wertvoller Gegenstände statt! Jeder Inhaber einer Karte zum ersten und zweiten Rang erhält vollständig gratis ein Los. Trara! Trara! Letztes Auftreten der berühmten Truppe! Letztes Auftreten auf Wunsch zahlreicher Kunstfreunde! Heute Abend halb acht Uhr Kassenöffnung!«
Dieser Lockruf mitten in der Trübe des nüchternen Montagmorgens traf den einsamen Lehrling ins Herz. Die Gebärden und Gesichter des Volontärs, das Tuscheln der Kollegen, bunte, wirre Vorstellungen von unerhörtem Glanz und Genuß flossen zu dem glühenden Verlangen zusammen, endlich auch einmal dies alles zu sehen und zu genießen, und das Verlangen ward alsbald zum Vorsatz, denn die Mittel waren ja in seiner Hand.
An diesem Tage schrieb Emil Kolb zum erstenmal falsche Zahlen in sein kleines sauberes Kassabüchlein und nahm einige Nickelstücke von dem ihm Anvertrauten weg. Aber obwohl dies schlimmer war als vor Monaten jener Diebstahl einer Briefmarke, blieb doch diesmal sein Herz ruhig. Er hatte sich seit langem an den Gedanken dieser Tat gewöhnt, er fürchtete keine Entdeckung, ja er fühlte einen leisen Triumph, als er sich abends vom Prinzipal verabschiedete. Da ging er nun hinweg, das Geld des Mannes in seiner Tasche, und er würde es noch oft so machen, und der dumme Kerl würde nichts merken.
Das Theater machte ihn sehr glücklich. In großen Städten, hatte er sagen hören, gab es noch weit größere und glänzendere Theater, und da gab es Leute, die jeden lieben Abend hineingingen, immer auf die besten Plätze. So wollte er es auch einmal haben. War ihm auch der Sinn des Theaterspielens dunkel, so amüsierten ihn doch die farbigen Figuren und Bilder der Bühne, außerdem war es nobel und gab Ansehen, wenn einer so im Parkett sitzen und sich von den Lustigmachern für sein Geld was vorspielen lassen konnte.
Von da an hatte die Portokasse des Hauses Dreiß ein unsichtbares Loch, durch welches in aller Stille immerzu ein kleiner dünner Geldfluß entwich und dem Lehrling Kolb gute Tage machte. Das Theater freilich zog hinweg in andere Städte, und ähnliches kam sobald nicht wieder. Aber da war bald eine Kirchweih in Hängstett, bald auf dem Brühel ein Karussell, und außer dem Fahrgeld und Bier oder Kuchen war meistens dazu auch ein neuer Hemdkragen oder Schlips unentbehrlich, oder beides. Ganz allmählich wurde der arme junge Mensch zu einem verwöhnten Manne, der sich überlegt, wo er am kommenden Sonntag vergnügt sein will, und der aufs Geld nicht zu sehen braucht. Er hatte bald gelernt, daß es beim Vergnügen auf anderes ankommt als aufs Notwendige, und tat mit Genuß Dinge, die er früher für Sünde und Dummheit gehalten hätte. Beim Bier schrieb er an die jungen Herren in Lächstetten Ansichtskarten, und nicht die billigsten, sondern stets von den lackierten farbigen mit den tiefblauen Himmeln und brandroten Dächern, auf denen jede Gegend schöner aussah, als am schönsten Sommertage. Und wo er sonst ein trockenes Brot verzehrt hatte, fragte er nun nach Wurst oder Käse dazu, er lernte in Wirtschaften herrisch nach Senf und Zündhölzern verlangen und den Zigarettenrauch durch die Nase blasen.
Immerhin mußte er in solchem Verbrauch seines Wohlstandes vorsichtig sein und durfte nicht immer auftreten, wie es ihm gerade Spaß gemacht hätte. Die paar ersten Male spürte er auch vor dem Monatsende und der Kontrolle seiner Kasse ziemliches Bangen. Aber stets ging alles gut, und nirgends fand sich eine Nötigung, den begonnenen Unfug einzustellen. So wurde Kolb, wie jeder Gewohnheitsdieb, trotz aller Vorsicht am Ende sicher und blind.
Und eines Tages, da er wieder das Portogeld für sieben Briefe statt für vier aufgeschrieben hatte und da sein Herr ihm den falschen Eintrag vorhielt, blieb er frech dabei, es müßten sieben Briefe gewesen sein. Und da der Herr Dreiß sich dabei zu beruhigen schien, ging Emil friedlich seiner Wege. Am Abend aber setzte sich der Herr, ohne daß der Schelm davon wußte, hinter sein Büchlein und studierte es sorgsam durch. Denn es war ihm nicht nur der größere Portoverbrauch in letzter Zeit aufgefallen, sondern es hatte ihm heute ein Gastwirt aus der Vorstadt erzählt, der junge Kolb komme neuerdings am Sonntag öfter zu ihm und scheine mehr für Bier auszugeben, als der Vater ihm dafür geben könne. Und nun hatte der Kaufherr geringe Mühe, das Übel zu übersehen und die Ursache mancher Veränderung im Wesen und Treiben seines jungen Kassiers zu erkennen.
Da der ältere Bruder Dreiß gerade auf Reisen war, ließ der jüngere der Sache zunächst ihren Lauf, indem er nur täglich in der Stille die kleinen Unterschlagungen betrachtete und notierte. Er sah, daß sein Verdacht dem jungen Manne nicht Unrecht getan hatte, und wunderte sich ärgerlich über die Ruhe und geschickte Sachlichkeit, mit der ihn der Bursche eine so lange Zeit hintergangen und bestohlen hatte.
Der Bruder kehrte zurück, und am folgenden Morgen beriefen die beiden Herren den Sünder in ihr Privatkontor. Da versagte denn doch die erworbene Sicherheit des Gewissens; kaum hatte Emil Kolb die beiden ernsten Gesichter der Prinzipale und in des einen Händen sein schmales Kassenbüchlein erblickt, so wurde er weiß im Gesicht und verlor den Atem.