Darüber verging die Zeit, und es war seit seinem Eintritt in die Fabrik schon ein Jahr vergangen. Diese lange Zeit war auch an dem Fräulein Emma nicht spurlos vorübergegangen. Sie begann etwas gealtert und unfrisch auszusehen; was aber ihren Liebhaber am meisten erschreckte, war der nicht mehr zu verbergende Umstand, daß sie ein Kind erwartete. Das verdarb ihm die Lächstettener Luft, und je näher die gefürchtete Niederkunft heranrückte, desto fester wurde in Kolb der Vorsatz, noch vor diesem Ereignis den Ort zu verlassen. Er erkundigte sich daher fleißig nach auswärtigen Arbeitsgelegenheiten und stellte fest, daß er nichts zu verlieren habe, wenn er sich der Schweiz zuwendete.

Auf den schönen Plan einer Erleichterung des Johann Löhleschen Ladens jedoch dachte er deswegen nicht zu verzichten. Ja es schien ihm sehr gut und schlau, seinen Abgang aus der Stadt mit der Tat zu verbinden. Darum hielt er eine letzte Übersicht über alle seine Mittel und Aussichten, schloß die Rechnung befriedigt ab und vermißte zur Ausführung seines Unternehmens nichts als ein wenig Mut. Der kam ihm jedoch während einer sehr untröstlichen Unterredung mit der Emma, so daß er im Ärger der Stunde ungesäumt den Weg des Schicksals betrat und beim Aufseher für die nächste Woche kündigte. Es wurde ihm ohne Erfolg zum Dableiben geraten, und da er vom Wandern nicht abzubringen war, versprach ihm der Aufseher ein gutes Zeugnis und eine Empfehlung an mehrere Schweizer Fabriken mitzugeben.

So setzte er denn den Tag seiner Abreise fest, und am Abend zuvor beschloß er den Handstreich bei Johann Löhle auszuführen. Er war auf den Einfall gekommen, sich am Abend in das Haus einschließen zu lassen. So suchte er denn, vor dem Hause gegen den Abend hin lungernd, schon mit seinem Zeugnis und Wanderpaß in der Tasche, einen Eingang und fand ihn in einem Augenblick, da niemand in der Nähe schien, durch das große, weit offen stehende Hoftor. Vom Hof schlich er sich still in das Magazin hinüber, das mit dem Laden in unmittelbarer Verbindung stand, und blieb zwischen Fässern und hohen Kisten verborgen, bis es nachtete und das Leben im Geschäfte erlosch. Gegen acht Uhr war es in dem Raume schon völlig dunkel, eine Stunde später verließ der junge Herr Löhle das Geschäft, schloß hinter sich ab und verschwand nach dem oberen Stockwerk, wo seine Wohnung lag.

Der im finstern Magazin versteckte Dieb wartete zwei ganze Stunden, ehe er den Mut fand, einen Schritt zu tun. Dann wurde es ringsum stille, auch von Straße und Marktplatz her war kaum ein Ton mehr zu hören, und Emil trat vorsichtig im Finstern aus seinem Loche hervor. Die Stille des großen, verödeten Raumes beengte ihm das Herz, und als er an der Türe zum Laden hin den Riegel zurückschob, kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß Einbruch ein schweres Verbrechen sei und schwer bestraft werde. Nun aber, im Laden drinnen, nahm die Fülle der guten und schönen Dinge seine Aufmerksamkeit ganz gefangen. Es wurde ihm feierlich zumute, da er die Laden und Wandfächer voller Waren ansah. Da lagen in einem Glaskasten, nach Sorten geordnet, Hunderte von schönen Zigarren, und oben auf dem Wandgerüste standen davon weitere Kisten voll; Zuckerhüte und Feigenkränze, geräucherte lange Würste und Blechkästen voll Zwieback schauten ihn heiter an, und er konnte nicht widerstehen, fürs erste wenigstens eine Handvoll feiner Zigarren in seine Brusttasche zu stopfen.

Beim schwachen Schein seiner winzigen Laterne suchte er alsdann die Kasse auf, eine einfache Holzschieblade im Ladentisch, die jedoch verschlossen war. Aus Vorsicht, damit es ihn nicht verriete, hatte er keinerlei Werkzeuge mitgebracht und suchte sich nun im Laden selbst Stemmeisen, Zange und Schraubenzieher aus. Damit machte er sorgfältig das Schloß der Lade los und hatte bald ohne Mühe die Kasse eröffnet. Mit Begier schaute er beim schwachen Lichte hinein und sah erregt in kleinen Abteilungen geordnet die Münzen liegen, leise glänzend, Zehner bei Zehner und Pfennig bei Pfennig. Er begann das Ausräumen mit den größeren Münzstücken, deren aber sehr wenige da waren, und hatte bald zu seiner zornigen Enttäuschung überrechnet, daß der ganze Inhalt der erbrochenen Kasse höchstens zwanzig Mark betrage. Mit so wenigem hatte er nicht gerechnet und kam sich nun elend betrogen vor. Sein Zorn war so groß, daß er das Haus hätte anzünden mögen. Da war er nun, so sorgfältig vorbereitet, zum erstenmal in seinem Leben eingebrochen, hatte seine schöne Freiheit riskiert und sich in schwere Gefahr begeben, um die paar elenden Geldstückchen zu erbeuten! Den großen Haufen Kupfergeld ließ er verächtlich liegen, tat das andere in seinen Geldbeutel und hielt nun Umschau, was etwa sonst noch des Mitnehmens wert sein möchte. Da war nun genug des Begehrenswerten, aber lauter große und schwere Sachen, die ohne Hilfe nicht hinwegzubringen waren. Wieder kam er sich betrogen vor und war vor Enttäuschung und Kränkung dem Weinen nahe, als er, ohne mehr etwas dabei zu denken, noch einige Zigarren und von einem großen Vorrat, der auf dem Tische gestapelt lag, eine kleine Handvoll Ansichtskarten zu sich steckte und den Laden verließ. Ängstlich suchte er, ohne Licht, den Weg durch das Magazin in den Hof zurück und erschrak nicht wenig, als das schwere Hoftor seinen Bemühungen nicht gleich nachgeben wollte. Verzweifelt arbeitete er am großen Riegel, der in seiner Steinritze am Boden spannte, und atmete tief auf, als er nachgab und das Tor langsam aufging. Er zog es hinter sich notdürftig zu und schritt nun mit einem merkwürdig kühlen Gefühl von Ernüchterung und Bangigkeit durch die toten nächtigen Gassen zu seiner Schlafstelle. Hier lag er ohne Schlaf drei bange Stunden wartend, bis der Morgen graute. Da sprang er auf, wusch sich die Augen klar und trat mit dem alten kecken Gesicht bei den Hauswirten ein, um Adieu zu sagen. Er bekam einen Kaffee eingeschenkt und viel gute Reisewünsche, nahm sein Köfferlein am Stock über die Schulter und ging zum Bahnhof. Und als im Städtchen der Tag erwachte und der Löhlesche Hausknecht beim Ladenöffnen die Kasse aufgebrochen fand, da fuhr Emil Kolb schon ein paar Meilen weiter durch ein schönes Waldland, das er vom Wagenfenster mit Neugierde betrachtete, denn es war die erste so große Reise seines Lebens.

Im Hause Johann Löhle erregte die Entdeckung des Verbrechens großen Sturm, und auch nachdem der Schaden festgestellt und als recht geringfügig erkannt war, summte die lüsterne Aufregung weiter und verbreitete sich durch die ganze Stadt. Polizei und Landjägerschaft erschien, nahm die übliche Reihe von symbolischen Handlungen vor und stieß die vor dem berühmt gewordenen Hause sich drängende Menschenmenge hin und wider.

Auch der Amtsrichter erschien selber und besah sich die schlimme Sache, aber auch er konnte den Täter nicht finden noch ahnen. Es ward der Hausknecht und der Packer und die ganze Reihe der erschrockenen und dennoch über das Unerhörte heimlich wild entzückten Lehrlinge ins Verhör genommen, es wurde nach allen Käufern gefragt, die gestern den Laden beehrt hatten, doch alles war vergebens. Alsdann setzte der Amtsrichter einen Bericht über das Schrecknis auf samt einem genauen Verzeichnis der gestohlenen Sachen. An Emil Kolb dachte niemand.

Indessen dachte dieser selbst sehr häufig an Lächstetten und das Haus Löhle zurück. Er las mit tiefem Bangen, hernach mit Genugtuung die heimatlichen Zeitungen, deren mehrere sich mit dem Fall beschäftigten, und da er sah, daß auf ihn gar kein Verdacht gefallen sei, freute er sich geschmeichelt seiner Geriebenheit und war trotz der kleinen Beute mit seinem ersten Einbruch ganz zufrieden.

Noch war er auf der Wanderschaft und hielt sich gerade in der Gegend des Bodensees auf, denn er hatte wenig Eile und wollte unterwegs auch etwas sehen. Seine erste Empfehlung lautete nach Winterthur, wo er erst einzutreffen gedachte, wenn sein Geld knapp werden würde.

Behaglich saß er in einem kleinen hübschen Wirtshause bei einer guten Wurst, deren Scheiben er bedachtsam und reichlich mit Senf bestrich, dessen Schärfe er sodann mit einem kühlen guten Bier bekämpfte. Darüber ward ihm wohl und fast wehmütig vor Erinnerung und abgeklärter Seelenruhe, so daß er ohne Groll an seine Emma denken konnte. Es schien ihm nun, sie habe es doch gut mit ihm gemeint, ja sie tat ihm leid und er hätte sie gerne ein wenig versöhnt und getröstet. Je länger er daran kaute, desto mehr tat ihm das Mädel leid, und während er das dritte oder vierte Glas von dem guten Bier bestellte und erwartete, kam er zu dem Entschlusse, ihr einen Gruß zu schreiben.