Vergnügt griff er in die Tasche, wo noch ein kleiner Vorrat von den Löhleschen Zigarren übrig war, und zog das kleine steife Päcklein heraus, worin die Lächstettener Ansichtspostkarten waren. Die Kellnerin lieh ihm einen Bleistift, und während er ihn mit der Zungenspitze befeuchtete, schaute er das Bildchen auf den Karten zum erstenmal genauer an. Es stellte die untere Brücke in Lächstetten vor und war auf eine ganz neue Manier mit glänzenden Farben gedruckt, wie sie die arme Wirklichkeit nicht hat. Befriedigt betrachtete Kolb diese Beute, nahm einen Schluck aus dem Bierglas, das die Kellnerin ihm eben gebracht hatte, und fing zu schreiben an.

Mit Deutlichkeit malte er die Adresse, wobei ihm der Stift abbrach. Doch ließ er sich die Laune dadurch nicht verderben, schnitzte den Stift in aller Ruhe wieder zurecht und schrieb dann unter das schönfarbene Bild: »Gedenke Deiner in der Fremde und bin mit vielen Grüßen Dein getreuer E. K.«

Diese zärtliche Karte bekam die betrübte Emma zwar zu Gesicht, jedoch nicht ohne Verzögerung und nicht aus den Händen des Briefboten, sondern aus denen des Herrn Amtsrichters, der das Mädchen durch die plötzliche Vorladung auf sein Amtszimmer nicht wenig erschreckt hatte.

Es waren nämlich jene Ansichtskarten erst vor ganz wenigen Tagen in den Löhleschen Laden gekommen und von dem ganzen Vorrate waren erst drei oder vier Stück verkauft worden, deren Käufer man hatte feststellen können. Es war daher auf die vom Diebe mitgenommenen Karten die Hoffnung seiner Entdeckung gesetzt worden und die davon unterrichteten Postbeamten hatten die vom Bodensee her eintreffende Postkarte mit dem Bild der unteren Brücke von Lächstetten sofort erkannt und angehalten.

Immerhin gelangte Emil Kolb noch bis Winterthur, so daß seine Gefangennehmung und Überlieferung nicht so einfach und glanzlos verlief, sondern mit den Stempeln und Uniformen zweier Länder als feierliche Auslieferung der Schweiz an das Deutsche Reich als Staatsaktion verlief.

Damit ist die Geschichte Emil Kolbs zu Ende. Seine Einlieferung in Lächstetten verlief wie ein großes Volksfest, wobei der Triumph der Einwohnerschaft über den gefesselt einhergeführten achtzehnjährigen Dieb einer kleinen Ladenkasse alle jenen kleinen Züge zeigte, welche dem Leser solcher Berichte den Verbrecher bemitleidenswert und die Einwohnerschaft verächtlich machen. Sein Prozeß dauerte nicht lange. Ob er nun aus dem Zuchthause, das ihn einstweilen aufgenommen hat, zu längerem Aufenthalt in unsere Welt zurückkehren oder – wie ich glaube – den Rest seines Lebens mit kleinen Pausen vollends in solchen Strafanstalten hinbringen wird, jedenfalls wird seine Geschichte uns wenig mehr zu sagen und zu lehren haben. Denn Emil Kolb war kein Charakter, auch nicht als Verbrecher, sondern war auch als Verbrecher nur eben ein Dilettant, der denn auf unsere Achtung keinen Anspruch hat, unser Mitleid aber eher verdient und braucht als mancher, dessen Unglück weniger in seiner eigenen Seele begründet scheint.

[Pater Matthias]

Erstes Kapitel

An der Biegung des grünen Flusses, ganz in der Mitte der hügeligen alten Stadt, lag im Vormittagslicht eines sonnigen Spätsommertages das stille Kloster. Von der Stadt durch den hoch ummauerten Garten, vom ebenso großen und stillen Nonnenkloster durch den Fluß getrennt, ruhte der dunkle breite Bau in behaglicher Ehrwürdigkeit am gekrümmten Ufer und schaute mit vielen blinden Fensterscheiben hochmütig in die entartete Zeit. In seinem Rücken an der schattigen Hügelseite stieg die fromme Stadt mit Kirchen, Kapellen, Kollegien und geistlichen Herrenhäusern bergan bis zum hohen Dom; gegenüber aber jenseits des Wassers und des einsam stehenden Schwesterklosters lag helle Sonne auf der steilen Halde, deren lichte Matten und Obsthänge da und dort von goldbraun schimmernden Geröllwällen und Lehmgruben unterbrochen wurden.

An einem offenen Fenster des zweiten Stockwerkes saß lesend der Pater Matthias, ein blondbärtiger Mann im besten Alter, der im Kloster und anderwärts den Ruf eines freundlichen, wohlwollenden und sehr achtbaren Herrn genoß. Es spielte jedoch unter der Oberfläche seines hübschen Gesichtes und ruhigen Blickes ein Schatten von verheimlichter Dunkelheit und Unordnung, den die Brüder, sofern sie ihn wahrnahmen, als einen gelinden Nachklang der tiefen Jugendmelancholie betrachteten, welche vor zwölf Jahren den Pater in dieses stille Kloster getrieben hatte und seit geraumer Zeit immer mehr untergesunken und in liebenswürdige Gemütsruhe verwandelt schien. Aber der Schein trügt, und Pater Matthias selbst war der einzige, der um die verborgenen Ursachen dieses Schattens wußte.