Die letzten Worte hatten nichts mehr von der vorigen Milde. Hans konnte nun gehen.
Von da an plagte er sich aufs neue mit der Arbeit. Es war allerdings nicht mehr das frühere flotte Vorwärtskommen, sondern mehr ein mühseliges Mitlaufen, um wenigstens nicht zu weit zurückzubleiben. Auch er wußte, daß das zum Teil von seiner Freundschaft herrührte, doch sah er in dieser nicht einen Verlust und ein Hemmnis, vielmehr einen Schatz, der alles Versäumte aufwog — ein erhöhtes wärmeres Leben, mit dem das frühere nüchterne Pflichtdasein sich nicht vergleichen ließ. Es ging ihm wie jungen Verliebten: er fühlte sich großer Heldentaten fähig, nicht aber der täglichen langweiligen und kleinlichen Arbeit. Und so spannte er sich immer wieder mit verzweifeltem Seufzer ins Joch. Es zu machen wie Heilner, der obenhin arbeitete und das Nötigste sich rasch und fast gewaltsam hastig aneignete, verstand er nicht. Da sein Freund ihn ziemlich jeden Abend in den Mußestunden in Anspruch nahm, zwang er sich morgens eine Stunde früher aufzustehen und rang namentlich mit der hebräischen Grammatik wie mit einem Feinde. Freude hatte er eigentlich nur noch am Homer und an der Geschichtsstunde. Mit dunkel tastendem Gefühle näherte er sich dem Verständnis der homerischen Welt, und in der Geschichte hörten allmählich die Helden auf, Namen und Zahlen zu sein, und blickten aus nahen, glühenden Augen und hatten lebendige, rote Lippen und jeder sein Gesicht und seine Hände — einer rote, dicke, rohe Hände, einer stille, kühle, steinerne, und ein anderer schmale, heiße, feingeäderte.
Auch beim Lesen der Evangelien im griechischen Texte fand er sich zuweilen von der Deutlichkeit und Nähe der Gestalten überrascht, ja überwältigt. Namentlich einmal, beim sechsten Kapitel des Markus, wo Jesus mit den Jüngern das Schiff verläßt und es heißt: εὐθύς ἐπιγνόντες αὐτὸν περιέδραμον, „sie erkannten ihn sogleich und liefen herzu.“ Da sah auch er den Menschensohn das Schiff verlassen und erkannte ihn sogleich, weder an Gestalt noch Gesicht, sondern an der großen, glanzvollen Tiefe seiner Liebesaugen und an einer leise winkenden oder vielmehr einladenden, willkommen heißenden Gebärde seiner schlanken, schönen, bräunlichen Hand, die von einer feinen und doch starken Seele geformt und bewohnt erschien. Der Rand eines erregten Gewässers und der Schnabel einer schweren Barke tauchte für einen Augenblick mit auf, dann war das ganze Bild wie ein rauchender Atemzug im Winter vergangen.
Je und je kam etwas Derartiges wieder, daß aus den Büchern heraus irgendeine Gestalt oder ein Stück Geschichte gleichsam gierig hervorbrach, sich sehnend, noch einmal zu leben und seinen Blick in einem lebendigen Auge zu spiegeln. Hans nahm es hin, wunderte sich darüber und fühlte bei diesen raschen, stets schon wieder auf der Flucht begriffenen Erscheinungen sich tief und seltsam verwandelt, als habe er die schwarze Erde wie ein Glas durchblickt oder als habe Gott ihn angeschaut. Diese köstlichen Augenblicke kamen ungerufen und verschwanden unbeklagt als Pilger und freundliche Gäste, die man nicht anzureden und zum Bleiben zu nötigen wagt, weil sie um sich her etwas Fremdes und Göttliches haben.
Er behielt diese Erlebnisse für sich und sagte auch Heilner nichts davon. Bei diesem hatte sich die frühere Schwermut in einen unruhigen, scharfen Geist verwandelt, der am Kloster, an Lehrern und Kameraden, am Wetter, am Menschenleben und an der Existenz Gottes Kritik übte, gelegentlich auch zu Streitlust oder plötzlichen dummen Streichen führte. Da er doch einmal abgesondert und in einem Gegensatze zu den übrigen stand, suchte er in unüberlegtem Stolz diesen Gegensatz vollends zu einem trotzigen und feindseligen Verhältnisse zuzuspitzen, in welches Giebenrath, ohne es hindern zu wollen, mit hineingeriet, so daß die beiden Freunde als eine auffallende und mit Mißgunst betrachtete Insel von der Menge abgetrennt lagen. Hans fühlte sich hierbei nach und nach weniger unwohl. Wenn nur der Ephorus nicht gewesen wäre, vor dem er eine dunkle Angst empfand. Früher sein Lieblingsschüler, wurde er jetzt von ihm kühl behandelt und mit deutlicher Absicht vernachlässigt. Und gerade am Hebräischen, dem Spezialfach des Ephorus, hatte er allmählich alle Lust verloren.
Es war ergötzlich, zu sehen, wie schon in ein paar Monaten die vierzig Seminaristen an Leib und Seele sich verändert hatten, wenige Stillständer ausgenommen. Viele waren mächtig in die Länge geschossen, sehr auf Unkosten der Breite, und streckten an Armen und Beinen hoffnungsvoll die Knöchel aus den nicht mitgewachsenen Kleidern. Die Gesichter wiesen alle Schattierungen zwischen absterbender Kindlichkeit und einer zaghaft sich zu brüsten beginnenden Mannheit auf, und wessen Körper noch von den eckigen Formen der Entwicklungszeit frei war, dem hatte das Studium der Bücher Mosis wenigstens einen provisorischen Mannesernst auf die glatte Stirn verliehen. Pausbacken waren geradezu Raritäten geworden.
Auch Hans hatte sich verändert. An Größe und Magerkeit kam er Heilner nun gleich, ja er sah jetzt fast älter als jener aus. Die früher zart durchscheinenden Kanten der Stirn hatten sich herausgearbeitet und die Augen lagen tiefer, das Gesicht war von ungesunder Farbe, Glieder und Schultern waren knochig und hager.
Je weniger er mit seinen Leistungen in der Schule selber zufrieden war, desto herber schloß er sich, unter Heilners Einfluß, von den Kameraden ab. Da er keinen Grund mehr hatte, als Musterschüler und künftiger Primus auf sie herabzuschauen, kleidete ihn der Hochmut herzlich schlecht. Aber daß man ihn das merken ließ und daß er es selber schmerzlich in sich spürte, verzieh er ihnen nicht. Namentlich mit dem tadellosen Hartner und jenem vorlauten Otto Wenger gab es mehrmal Händel. Als der letztere ihn eines Tages wieder höhnte und ärgerte, vergaß sich Hans und antwortete mit einem Faustschlag. Es gab ein böses Hauen. Wenger war ein Feigling, aber mit dem schwächlichen Gegner war es leicht fertig zu werden, und er schlug rücksichtslos zu. Heilner war nicht zugegen, die andern schauten müßig zu und gönnten Hans die Züchtigung. Er wurde regelrecht durchgebläut, blutete aus der Nase und alle Rippen taten ihm weh. Die ganze Nacht hielten Scham, Schmerz und Zorn ihn wach. Seinem Freunde verschwieg er das Erlebnis, schloß sich aber von jetzt an streng ab und wechselte kaum mehr ein Wort mit den Stubenkameraden.
Gegen das Frühjahr hin, unter dem Einfluß der Regenmittage, Regensonntage und langen Dämmerungen zeigten sich neue Bildungen und Bewegungen im Klosterleben. Die Stube Akropolis, zu deren Bewohnern ein guter Klavierspieler und zwei Flötenbläser gehörten, gründete zwei regelmäßige Musikabende, auf der Stube Germania eröffnete man einen dramatischen Leseverein, und einige junge Pietisten etablierten einen Bibelkranz, der allabendlich ein Bibelkapitel samt den Noten der Calwerbibel las.
Zum Leseverein der Stube Germania meldete sich Heilner als Mitglied und wurde nicht angenommen. Er kochte vor Wut. Zur Rache ging er nun in den Bibelkranz. Man wollte ihn auch dort nicht haben, doch drängte er sich auf und brachte in die frommen Gespräche der bescheidenen kleinen Brüderschaft Zank und Hader durch seine kühnen Reden und gottlosen Anspielungen. Bald wurde er auch dieses Spaßes müde, behielt aber einen ironisch-biblischen Ton im Reden noch länger bei. Indessen wurde er diesmal kaum beachtet, da die Promotion jetzt völlig von einem Geist des Unternehmens und Gründens besessen war.