Von allen Freunden, die Helmold hatte, war der Mond der älteste; ob es sein bester war, das erschien ihm freilich fraglich, als er in dem großen Himmelbette lag.

Treu und anhänglich war er zwar, aber er hatte die dumme Angewohnheit, immer dann zu kommen, wenn es Helmold am wenigsten paßte. Jetzt zum Beispiel hätte er gern geschlafen, um die Gedanken loszuwerden, die ihn fortwährend bissen; doch es ging nicht. Schon dreimal war er aufgestanden und hatte in den Park gesehen, der taghell vom Mondlichte war, und immer hatte er sich wieder hingelegt und den Versuch gemacht einzuschlafen. Schließlich gab er es auf; er lag mit offenen Augen da. Der Rücken tat ihm weh, sein Herz ging bald laut, bald leise, eben war ihm die Steppdecke zu schwer, dann wieder zu leicht. Und dann war diese aufdringliche Erinnerung da mit ihrem abgegriffenen Bilderbuche.

»Helmke, schläfst du noch nicht?« fragte ihn seine Mutter. Er sah sie vor sich mit ihren sanften Augen und vernahm ihre warme Stimme. Und er hörte, wie er ihr entgegenquiekte: »Ach, Muttchen, der Mond und ich, wir haben eben so prachtvoll zusammen gespielt.« Ja, der Vollmond, der war an vielem schuld gewesen, auch daran, daß Harmtien Hilgenberg auf einmal zu ihrer Muhme auf das Land mußte. Helmold lächelte. Harmtien Hilgenberg! Wenn die Mädchen Wadenmessen spielten, war sie immer die Beste gewesen. Als sie dann einmal im Kirschbaum saß mit ihren weißen Strümpfen und ihren weißen Hosen, damit fing es an. Und dann der Wassergang und der Schloßwall! Ach ja! Schön war es doch gewesen, trotzdem es eine Kinderei war! Na, und schließlich kam der alte Hilgenberg dahinter, und es gab einen großen Krach. Beinahe wäre Helmold von der Lateinschule gejagt, und bei allen Müttern in der Stadt galt er als ganz verdorbener Junge. Er lächelte. Dafür galt er bei den Töchtern als gefährlicher Mensch, und das schadete ihm wenig.

Er seufzte. Das Bild an der Wand, das Swaantjes Mutter darstellte, sah ihn freundlich an. Ob das Mädchen auch wohl wachte? Sie hatte den ganzen Tag nicht gut ausgesehen; auch sie litt unter der Zudringlichkeit des Mondes. Ob er ihr auch Dinge erzählte, an die man sonst nicht denkt? »Kerl,« hatte der Mond oft zu Helmold gesagt, »Kerl, weißt du, wie dein Leben sein müßte: ein Gedicht von rot in Rot; rote Küsse auf rotem Blut! Die weite Haide, Kerl, ein blitzblanker Rappe zwischen den Beinen, den Bogen auf dem Rücken, den Köcher an der Seite, und in der Hand das Schwert, das mit dem damaszenischen Stichblatt, Kerl! Und dann, Kerl, hinter dir tausend Kerle, so wie du, Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen, Kerl, und dann der Feind! Kerl, nichts sieht doch feiner aus, als rotes Blut auf einer mit Gold ausgelegten Klinge! Und dann, Kerl, wenn die Wölfe sich um Männerköpfe anknurren, Kerl, und du dich gebadet und umgezogen hast, dann Kerl, das Haus am Berge, das weiße, du weißt doch, unter den Eichen, und die beiden schönen Frauen, die dir entgegenwinken, Kerl, und dir geben, was du haben mußt, laute und leise Küsse, und heiße und kühle, so viel du willst. Was hältst du davon, Kerl?«

Helmold warf sich auf die andere Seite. Albernheit! Aber schön wäre es doch. Damals, in München, hatte er jeden Tag zweierlei Küsse bekommen, laute und leise, heiße und kühle. Wie Swaantje wohl küßte? Sicher leise und kühl. Er schüttelte den Kopf und wischte sich die Lippen ab. Würde sie ihn wohl küssen mögen, wenn sie wüßte? Die kleine sanfte Schneiderin, was war sie weiblich. Miezi hieß sie. Und das dicke heftige Tresl! Er wäre verhungert, hätte er die damals nicht gehabt. Sie hatte sich ihm aufgedrängt, und er hatte sich ihre heißen Küsse und ihre heißen Bockwürste gefallen lassen. Die Akademie hatte ihm den ehrenvollen Abschied gegeben, Schneeschüppen brachte nicht sehr viel ein, der Vormund schickte ihm kein Geld; eine schöne Patsche war es, in der er saß. Keine Wohnung und ein Hunger, ein Hunger! Kalte Pellkartoffeln hatte er einmal mit Wonne gegessen, zweiundzwanzig Stück, und amerikanisches Schmalz dazu. Wenn er gewollt hätte, konnte er damals Selchermeister werden, denn das Tresl hätte ihren Vater dazu herumgekriegt. Beinahe war er schon so mürbe, aber da traf ihn der Mond im englischen Garten: »Kerl, du wirst doch nicht? Bist wohl verrückt, Kerl! Würstemachen? Ja, wenn es in der Haide wäre! Aber hier, das hältst du nicht aus auf die Dauer. Komm mit, Kerl, ich will in die Haide!«

Helmold trat die Steppdecke von sich, aber dann zog er sie wieder über sich und streichelte sie; Swaantje hatte die Spitzenkante gehäkelt. Swaantje! Er sprach den Namen leise vor sich hin. »Du hast dich eigentlich noch so gut wie gar nicht erholt, lieber Vetter!«, hatte sie ihm gesagt; »du mußt hier nicht an deine Bilder denken!« Verächtlich verzog er den Mund. Seine Bilder! Die quälten ihn nicht. Ein Dutzend hatte er im Kopfe fertig, ein ganzes Dutzend, in diesen vier Wochen, seitdem er auf Swaanhof war. Und was für Bilder! Schulze in Firma Schulze und Schultze würde sich alle seine zehn klebrigen Finger danach lecken. Sechsmal hatte er ihm schon geschrieben und gefragt, ob er nicht das nächste Bild haben könnte. Früher war das anders; da mußte Helmold im Vorzimmer warten, bis ihm der Magen knurrte, und nachher hieß es: »Herr Schulze ist leider abgerufen!« Jetzt konnte er Herrn Schulze warten lassen, und der nahm es ihm nicht übel. »Ich habe Zeit, verehrter Meister!« grinste er. Und Hennig Hennecke sagte ganz ernst: »Malermeister, Herr Schulze, Malermeister!« Und Schulze lächelte schlagsahnig: »Ein Witzbold, der Herr Redaktör, ein geistreicher Kopf!«

Ja, daß er und Hennig Freunde wurden, das hatte er auch wieder dem Monde zu verdanken. Eigentlich war es zu dumm. Auf der großen Frühjahrskitschausstellung hatte die Jury endlich ein Bild von ihm angenommen und in die Ecke gehängt, wo das Tageslicht seine blendendste Negativität entwickelte. Hennecke hatte sein Verzeichnis dort liegen lassen und es abends geholt, und dabei hatte ihm der Vollmond Hagenrieders Bild gezeigt. »Die Nebelfrauen« hieß es, aber der Mond hatte Leberwürste aus den Elfen gemacht, und Hennecke hatte in seinem Berichte also geschrieben. Helmold lachte. Wo er hinkam, hielt man ihm die Zeitung unter die Nase. Fuchsteufelswild hatte er Hennecke auf eine Postkarte gemalt, wie der abends über eine Moorwiese lief und sich vor lauter gespenstigen Leberwürsten ängstigte, die ihre Mostricharme nach ihm ausstreckten, und die hatte er ihm geschickt.

Am anderen Tage klingelte es: »Sind Sie Hagenrieder? Ich heiße Hennecke! Wo pflegen Sie sich zu betrinken?« Nach einer Stunde waren sie ebenso angeheitert wie angefreundet.

Ach ja! Wer so sein könnte, wie dieser Mann! So ruhig, so bäurisch, so zielbewußt. Er hatte ihm das einmal gesagt. Hennig hatte gelacht, ein Buch aus dem Schranke gelangt, eine Stelle aufgeschlagen und gelesen: »Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.« Dann hatte er gesagt: »Also sprach der Korse. Merke es dir, du Dussel, und sei froh, daß du nicht diese verflucht übersichtliche Begabung hast, wie ich. Konjak oder Schartrös?«

Helmold langte nach der Wasserflasche. In seinem Wohnzimmer hatte er Konjak. Aber er wollte nicht trinken; nun gerade nicht. Jedesmal, wenn er nicht hatte Maß halten können, war es bei Vollmond gewesen. Auch damals, als ihm das Leben auf der Kunstgewerbeschule den Atem nahm. Der Direktor, dieser Professor Römer, er meinte es ja gut, als er ihm eine Schwungfeder nach der anderen auszog. Und dann kam der bewußte Abend. »Nun noch die Schwanzfedern, dann der Professortitel und dann bin ich so weit,« hatte Helmold gedacht und sich derartig unter Sekt gesetzt, daß er drei Tage schwänzen mußte.