Das neue Bild zeigte in der selben Lage, aber als Spiegelbild, und in einem ähnlichen, nur in den Einzelheiten anders gehaltenen Rahmen, ein Mädchen, dessen Augen alle Süßigkeit, die vom Weibe kommt, ausdrücken. Hier war nur der Leib gemalt und einiges an den Lilien und Rosen, die den Hintergrund bildeten; die Landschaft als solche aber war aus dem Holze herausgespart. Helmold fiel, als er das Bild malte, das ein, was er zu Swaantje über das Aussparen des Aktes der Chali gesagt hatte, und als er den letzten Pinselstrich tat, sagte er vor sich hin: »Die Liebe ist alles; das andere ist nichts.«
Dann trat er vor den Spiegel und sah sich an. Grete hatte recht; er sah elend aus und hatte unruhige Augen. Er hatte zu viel gearbeitet, hatte gar keine Erholung gehabt als höchstens eine Abendstunde, wenn er mit den Kindern spielte. Das taube Herumlaufen hatte er immer gehaßt, und die Jagd reizte ihn augenblicklich nicht. Dazu aß er nicht genug, schlief vor drei Uhr nicht ein, rauchte viel zu viel, konnte keine Flasche Wein mehr vertragen; es war Zeit, daß er Schluß machte.
Der Arzt hatte ihm geraten, eine Kuranstalt aufzusuchen, aber dazu hatte er keine Lust. »Geh zu Swaantje!« riet ihm seine Frau, »die bügelt dich wieder auf!« Aber das mochte er auch nicht; denn er sagte, die Muhme fiele ihm auf die Nerven. Er fuhr in die Alpen, kam aber bald zurück: »Die aufgedonnerte Landschaft mit ihrer Eiskonditorei und ihrer Fastnachtsstaffage macht mir Nesselfieber!« Er ging an die See und war nach acht Tagen wieder da: »Tortenbacken aus Sand, dazu bin ich denn doch schon zu ausgewachsen. Und dann das ewige Geschmatze von dem Meere! Ehe es sich keine besseren Tischmanieren angewöhnt, lasse ich da nicht mehr arbeiten!«
Da schrieb Ohm Ollig, daß es mit Swaantje gar nicht gut stände; sie schliefe keine Nacht vor Schmerzen, sähe wie ein Kellertrieb aus und mache ihm wirklich Sorgen. »Fahr hin, und muntere sie auf!« sagte Frau Grete, und wenn es auch drei Tage dauerte, ehe er so weit war, schließlich fuhr er doch los. »Daß du sie mir aber mitbringst, Helmold,« rief ihm seine Frau noch nach, als er auf der Treppe war; »es ist doch niemals schöner bei uns, als wenn wir drei zusammen sind.«
Er hätte nicht sagen können, was für Fahrtgesellschaft er gehabt hatte; er sah auch kaum die Landschaft, die er sonst immer zur Unterhaltung mitnahm. Er hörte nur, daß die Wagenräder fortwährend nach einer und der selben Weise seiner Frau die Worte nachsangen: »Wir drei, wir drei, und wir drei und wir drei,« und als er sich besann, fand er heraus, daß es eine Singweise von ihm selber war, die nämliche, die er gefunden hatte, als er Swaantje vor der weißen Haide malte, das Lied von Rose Marie, zu dem ihm noch folgende Strophe eingefallen war: »Jedwede Nacht, jedwede Nacht, hat mir im Traume dein Mund zugelacht; kam dann der Tag, kam dann der Tag, wieder alleine ich lag.«
Er wollte etwas anderes denken, aber er konnte die Melodie nicht abschütteln, solange er in der Eisenbahn saß. Als er dann in dem Jagdwagen nach Swaanhof fuhr, rasselten auch die Räder des Wagens in dem Takte des Liedes.
Der Mond aber stand hinter den hohen Pappeln und grinste.