Jetzt, wo sie mit der selben Bewegung, wie an jenem Maienmorgen, ihre Röcke schüttelte, brannte ihn eine nesselnde Vorstellung. Ihm, das wußte er, konnte sie nie gehören, und er wünschte ihr alles Gute, und dazu gehört für ein Weib ein Mann; aber der Gedanke, daß ein Mann einmal so vertraut mit ihr stehen würde, daß er sie in den verschwiegensten Hüllen sehen durfte, diese Vorstellung flog ihm wie Schwefeldampf in den Hals und klemmte ihm die Lunge zusammen. Doch sobald er das Mädchen wieder ansah, wurde ihm leichter zumute, und während er sie in das Wohnhaus geleitete, fielen ihm schon wieder ein paar Schnurren ein, und lachend kam er mit ihr in das Wohnzimmer.

Sie gingen alle früh zu Bett, und er schlief auch bald ein; aber am anderen Morgen sah er so wenig frisch aus, denn er hatte fast die ganze Nacht die quersten Sachen geträumt, daß seine Frau ihn fragte, ob er nicht wohl wäre.

Da erzählte er ihr von Swaantjes tauber Liebe zu Professor Groenewold, und Grete, die den Mann kannte, meinte ernst: »Das ist eine ganz dumme Geschichte; nun wollen wir doppelt so lieb zu ihr sein und sie möglichst lange hier behalten.« Sie wunderte sich weiter nicht, daß ihr Mann nicht mehr sang und pfiff, wenn er malte, und nicht mehr so frisch und fröhlich aussah, außer wenn das Mädchen zugegen war, und dann dachte sie: »Er nimmt sich ihr Schicksal sehr zu Herzen.« Deshalb schickte sie die beiden möglichst oft allein aus und freute sich, wenn sie mit blanken Augen und roten Backen zurückkamen, und sie machte sich weiter keine Sorgen darüber, daß Helmold, wenn er im Garten bei den Blumen beschäftigt war, meist einen trüben Zug um den Mund hatte.

Sie war nicht eifersüchtig veranlagt, hatte viel gelesen und scharf beobachtet. Nachdem ihre beiderseitige Liebe nicht mehr so toll schäumte, sondern ruhig weiterperlte, hätte sie ihrem Manne eine kleine Grenzverletzung nicht weiter nachgetragen, wenigstens wäre ihr das lieber gewesen, als wenn er sich mit einer unglücklichen Neigung herumgeschleppt hätte. In einer rosenroten Stunde hatte sie einst seinen Kopf an die Brust gezogen und ihm gesagt: »Du, ich glaube, den meisten Männerchen fällt es sehr schwer, ihren Weiberchen treu zu bleiben. Wenn es dir einmal so geht, und du richtest weiter kein Unheil an, tu', was du willst, nur wissen möchte ich es nicht.« Da hatte er hellauf gelacht und gesagt: »Bist du aber gemein! Damit hast du mir den ganzen Ulk verdorben; denn wenn ich tun darf, was ich will, dann ist das Beste davon weg.«

In den drei Jahren, da sie beide mit vielen Sorgen kämpften, und er noch obendrein in der ihm gar nicht liegenden Stellung als Lehrer an der Kunstgewerbeschule reichlich Ärger und Verdruß gehabt hatte, hatten sie ein Dienstmädchen gehabt, ein bildhübsches Menschenkind, das ihnen mit seinem Lächeln ein wahres Labsal gewesen war. Als sie den Dienst verließ, um zu heiraten, seufzte Frau Hagenrieder lang und breit hinter ihr her; ihr Mann aber sagte: »Du hast am allerwenigsten Ursache, so zu seufzen. Danke Gott, daß sie fort ist; denn wenn sie noch lange hier gewesen wäre, wahrhaftig, ich hätte es nicht ausgehalten: ich hätte sie in den Arm nehmen und küssen müssen.« Seine Frau hatte ganz trocken geantwortet: »Das hätte ich dir weiter gar nicht übel genommen, und ich wundere mich bloß, daß du es nicht getan hast; denn du bist doch sonst nicht so.« Aber Helmold schüttelte den Kopf: »Erstens war sie verlobt, und zweitens mochte ich sie viel zu gern leiden, um sie in Verwirrung zu bringen. Aber offen gestanden, einen Kuß hätte ich als Andenken ganz gern behalten.«

Von Swaantje bekam er auch keinen Kuß zum Andenken. Früher hatte er ihr immer einen gegeben, wenn sie kam oder ging. Dieses Mal war er dazu nicht imstande und küßte ihr noch nicht einmal die Hand, als sie in ihr Abteil stieg. Am Abend vorher hatte seine Frau nämlich etwas gesagt, das ihm wie ein Dachziegel auf den Kopf gefallen war. Er hatte sich alle Mühe gegeben, recht lustig zu sein, und wenn ihm auch gar nicht so zumute war, so gelang es ihm doch; es wurde ein so vergnügter Abend, daß seine Frau seufzend sagte: »Es ist ein Jammer, Swaantje, daß du morgen abreisen mußt; wie schön wäre es, wenn du immer bei uns bliebest. Helmold kann ganz gut zwei Frauen brauchen, und du paßt eigentlich besser zu ihm, als ich. Außerdem habe ich mit dem Haushalte und mit den Kindern so viel zu tun, daß ich mich um den armen Mann so gut wie gar nicht kümmern kann. Überlege dir das einmal, Swaantje! Ich bin dann seine Sonnenfrau, die für den Leib sorgt, und du das Mondweiberchen, das seine Seele bescheint.« Das Mädchen hatte gelacht und gesagt: »Wenn alle Stränge reißen, werde ich von deiner freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen!« Als aber Grete lachend fragte: »Und du, Helmold, wie denkst da darüber?« da ging er nach der Türe und ließ den Hund herein, obgleich der noch gar nicht gekratzt hatte.

In der Nacht aber tat er kein Auge zu und sah am Morgen grün aus. »Sieh bloß, Swaantje, wie er sich grämt, daß du uns verläßt!« sagte Grete beim Frühstück. Das Mädchen wollte ihn ansehen, aber er sagte, ohne aufzusehen, denn er strich sich gerade ein Brötchen: »Ich freue mich auf das Wiedersehen; Swaantje will uns ja bald wieder besuchen.« Die nickte. »Ja, aber erst, wenn du bei uns gewesen bist. Nicht wahr, du kommst recht bald, lieber Helmold?«

Das versprach er ihr; aber ein halbes Jahr verging, bis er sein Wort einlöste. Zu seiner Frau, die ihn oft genug quälte, hinzureisen, denn er gefiel ihr von Woche zu Woche weniger, sagte er, seine Pläne hielten ihn an beiden Händen fest. Das schien auch so; denn er arbeitete wie verrückt darauf los, und wenn er kaum über den Anfang bei einem Gemälde hinaus war, dann redete er schon von einer anderen Vorstellung, die er unter dem Herzen trüge, und seine Frau mußte ihm recht geben, wenn er sagte: »Du kennst mich ja! Ich würde doch keine Ruhe haben. Mich langweilt vorläufig alles, außer der Arbeit. Das kommt, weil ich mich jetzt endlich als Meister fühle. Stoff und Farbe gehorchen auf den Pfiff. Zudem fange ich an, berühmt zu werden, und ich muß das Publikum schmieden, solange es warm ist. Ich werde fünfundvierzig Jahre alt, und diese Jahre sind meine besten. Aber, du hast recht; ich habe zu viel getan. Sobald dieses Bild fertig ist, schnüre ich meinen Wanderstab und fahre los.«

Doch als er soweit war, bekam er einen Auftrag von dem Prinzen, der endlich zu seiner größten Freude das Stapelienbild bekommen hatte, das sein Freund ihm früher nicht verkaufen wollte. Als der Prinz ihm den Gutschein gab, lachte Helmold und sagte: »Danke! Übrigens neulich wollte ich es dir beinahe schenken, lieber Brüne. Leider kann ich mir solche Scherze nicht leisten.« Der Prinz, der seine Augen nicht von dem Bild losbrechen konnte, meinte: »Geschenkt hätte ich es nicht genommen, und wenn ich armes Tier mehr Geld hätte, würde ich dafür bezahlen, was es wert ist. Aber warum magst du es eigentlich nicht mehr?« Der Maler sah das Bild böse an: »Weiß ich selber nicht; bin die Person leid geworden! Liegt mir zu offenbarungseidmäßig da. Sieh dich übrigens mit ihr etwas vor; sie hat den bösen Blick.«

Als Gegengift bestellte der Prinz dann ein Gegenstück dazu. Der Maler sagte: »Pendants sind eigentlich Blödsinn, aber mir fällt zufällig eins ein.« Vier Wochen darauf hatte der Prinz das Bild, und da gerade eine alte Muhme ihm eine gehäufte Million und ein Gut hinterlassen hatte, gab er Helmold zwanzig statt der vereinbarten zehn Tausendmarkscheine.