Er lächelte und dachte: »Heilige Einfalt!« Aber dann steckte er die Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So, nun rüttele dich und schüttele dich, wirf aber nicht alle deine Blätter über mich, sondern behalte noch ein paar für dich übrig. Wir wollen einmal eine Pause machen; mich rauchert.«
Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre. Als er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem Nebenraume offen stand; Chalis Augen starrten ihn höhnisch an. Wütend warf er ihr das Streichholz in das Gesicht und wunderte sich, daß es grüne Funken gab.
»Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje, »dein schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und knurrte: »Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr Zyankali!« Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter Kalauer!« Er schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn mir ganz schlecht ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar Kawärmer, wenn nicht Kaheißer.« Das Mädchen hielt sich die Ohren zu: »Kommt das noch schlimmer?« Dann lachten sie beide aus vollem Herzen, bis es Helmold einfiel, daß er sein Herz irgendwo habe liegen lassen müssen; denn ihm war so leer in der Brust und so schön leicht, als ob er tot wäre.
Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und sprach: »Ja, liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache. Du liebst ihn, und er weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren, und er ahnt es nicht. Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere, oder aber, denn es gibt solche Männer, so unglaublich das auch klingt,« und er lachte, als er das sagte, »er hat kein Verlangen nach dem Weibe. Hier kann dir niemand helfen, sogar ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die Zähne ausziehen würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.«
Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh mal, Swaantje,« fuhr er dann fort, »alles, was ich von dem Manne gehört habe, spricht für ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben, in der er den Unwert der karolingischen Zivilisation für uns nachweist. Wir Stedinger Blutsbrüder haben ihm damals ein Horüdhotelegramm geschickt und noch eins, als ihm die hochwohllöbliche Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den Geschichtsunterricht abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei, gegen die Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses Louis des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen Namen, den du dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es ist nichts zu machen. Hingehen und ihm sagen: ›Bitte, seien Sie so gütig und heiraten Sie mich!‹ das kannst du nicht gut, und ich kann auch nicht zu ihm gehen und ihm sagen: ›Heiraten Sie meine liebe Base, oder ich fordere Sie auf dreimaligen Kugelwechsel ohne Binden und Bandagen!‹ Denn je besser ein Mann ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib seines Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade dir so etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in mich verliebt hättest! Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort mein Zelt in der Türkei auf und betete zu Allah. Hol's der sogenannte Dieser und Jener!« Er warf seine Zigarre gegen den Ofen, daß es ein kleines Feuerwerk gab, und steckte sich eine Zigarette an.
Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes Kopf schon deutlich vor einem Haidberge zu erkennen war, aus dessen rosiger Pracht ein Busch weißer Haide verschämt hervorschimmerte, und als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein Fall ist so gut wie hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn wirklich so sehr?« Sie nickte. »Als Schülerin oder als Weib?« Sie wurde rot. »Nicht nur als Schülerin.« Er räusperte sich, und dann fragte er in trockenem Tone: »Entschuldige, Swaantje, und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht: Grete und ich glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib bist; das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest mir bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für kalt von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du weißt, ich spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du mir diese Frage nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Das Mädchen sah ihn mit klaren Augen an. »Weißt du, Helmold, nach dem, was ich in den Büchern las und von anderen jungen Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als die anderen Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so bin. Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort. »Doch das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn: »Leidest du sehr unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich glaube, ich gehe daran zugrunde.«
Ihr Vetter sah sie böse an: »Möglich, das heißt, wenn du dieses zwecklose, unbefriedigte Leben weiter führst. Sieh mal, ich kenne dich ziemlich gut. Ich habe früher schon Grete aufgehetzt, sie solle Muhme Gesina so lange zwiebeln, bis sie dich aus dem Käfig läßt. Grete hat das auch getan; den Erfolg kennst du: es stellte sich glücklich der so bequeme Herzkrampf ein, und dann sprach die gute Swaantien: ›Nein, liebstes Tantchen, ich verlasse dich nicht!‹ Deine Muhme in Ehren; wäre sie nicht gewesen, so könntest du dich vielleicht als Gouvernante oder Gesellschafterin piesacken lassen; das weiß ich. Aber vielleicht wäre das besser gewesen; denn was hast du von deinem vielen Gelde? Du willst deinen Geist betätigen, möchtest schaffen; statt dessen mottet Muhme Gese deinen Geist ein und zwingt dich, zu murksen. Lauter dumme Arbeiten sind es, zu denen sie dich antriezt, und da keine davon dein Denken ausfüllt, zerfetzt sich diese hoffnungslose Neigung völlig. Daß deine Nervenschmerzen, die dich seit einigen Jahren quälen, einen anderen Grund haben, als weil du dir einmal beim Schlittschuhlaufen nasse Beine geholt hast, das ist mir und Grete schon lange klar.«
Er setzte sich in den Vierländer Bauernstuhl, nahm die Laute und begann die Weise zu klimpern, die er vorhin gesungen hatte. »Sieben Jahre mein Herz nach dir schrie,« flüsterte es in ihm und dann: »Mensch, weißt du es denn nicht, daß du sie liebst! daß du sie zum Verrücktwerden liebst! von dem Tage an liebst, als du sie zum ersten Male sahst, als sie ein Backfisch und du ein glücklicher Bräutigam warst?« Sein Herz zuckte zusammen; das war wahr, war wirklich wahr. Er mochte nicht aufsehen und steckte sich aus Verlegenheit eine neue Zigarette an, denn wenn er jetzt, in diesem Augenblicke, das Mädchen ansah, dann, das fühlte er, lag er vor ihr, küßte ihre Hände und bettelte um einen Kuß von den Lippen, die nach einem anderen Manne seufzten.
Er griff in die Saiten und spielte das frechste von allen Liedern, die er kannte, und summte dabei halblaut die ersten beiden Verszeilen: »Auf der Lüneburger Haide ging ich auf und ging ich unter,« und dann setzte er das Singen durch Flöten fort. Als er in den Spiegel blickte, erkannte er, daß er tiefe Schatten unter den Augen hatte. »Swaantje,« rief er und legte die Laute fort; »hier gibt es nur ein Mittel: eine Tätigkeit für dich, die dir Freude macht. Dieser Kram da zu Hause, wo du nur die Rolle eines unmaßgeblichen Haushaltsreferendars spielst und nie eine freie Stunde für dich hast, das ist Gift für dich. Raus mußt du, auf einen verantwortungsreichen Posten, der dich müde, aber nicht matt macht, und auf dem du die Hauptperson bist und nicht bloß ein Tantenschwanz, der alles machen muß, aber nichts zu sagen hat. Entweder du verabschiedest die Tante, aber dann würde sie sich natürlich sofort einen ihr gut stehenden Sarg anmessen lassen, oder du kündigst ihr und ziehst mit lautem Hörnerklang in die Hinausferne, siehst dir die Welt einmal ohne die Tante an und siehst zu, daß du eine Arbeit findest, als Krankenschwester, als Redaktörin, meinetwegen auch als sozialdemokrätzige Agittattersche oder Frauenbewegungspropagandame. Aber zu Hause sitzen, Strümpfe für Niggerblagen stricken, Missionspredigten anhören, Traktätchen verteilen und sonst die Einmacherei überwachen und die Eierproduktion des Federviehs statistisch aufnehmen und den ganzen Tag die Tante auf den Hacken zu haben mit ihrer kamigen Liebe, dafür halte ich mir keine so hübsche Kusine!«
Da lachte Swaantje wieder, stand auf und schüttelte die Falten aus ihrem Rocke, und wie ein Blitz schlug in Helmold eine Erinnerung ein. Er war vor Jahren einmal mit ihr Rad gefahren, und zwar an einem Tage, an dem seine Lippen abscheulich heißhungrig waren, denn er war seit drei Wochen Strohwitwer und sah, ohne sich viel dabei zu denken, allem nach, was Röcke trug und jung und hübsch war. Als er so mit Swaantje dahinradelte und ihr allerlei dumme Witze zuwarf, paßte sie nicht auf, fuhr gegen einen Stein und kippte um. Er sprang sofort ab, aber ehe er bei ihr war, stand sie schon wieder auf den Füßen, lachte, faßte ihren Rock und schüttelte ihn in der Aufregung so gehörig, daß er in die Höhe flog und er ihre Hosen bis oben hin sah. Nun konnte er alles vertragen, bloß keine weißen Mädchenhosen; aber das einzige Gefühl, das er damals gehabt hatte, war: »Wenn sie es bloß nicht gemerkt hat, daß ich es gesehen habe!«