Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in der Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts genützt. Holz und Stoffe boten ihren Blicken keinen Widerstand, und so mußte sie es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie der Maler sich mit dem blonden Mädchen unterhielt und ihm liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag da und starrte auf die Tür; ihre Augen wurden von Tag zu Tag böser und leuchteten im Dunkeln grün.
Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte waren, holte der Maler sich aus der Vorratskammer ein frisches Malbrett, was er immer tat, wenn er ein neues Bild begann, das ihm aus dem Herzen kam, und da er an das Bild dachte, das er anfangen wollte, so ließ er in Gedanken die Tür offen stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er hatte es schon bei Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang hinweggekommen, bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen im Halbschatten sitzen müsse, während rings umher alles hell von Licht war. So setzte Swaantje sich also an das große Fenster, vor dem die Vorhänge zusammengezogen waren, und drehte der zweiten Tür den Nacken zu.
»Heute wird es etwas, Swaantje,« rief Helmold; »das kommt wohl daher, weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in Erregung gesehen habe. Du bist übrigens der einzige Mensch, mit dem ich Walzer tanzen kann. Sonst liegt mir der Walzer nicht; mein Blut geht im Polkatakt. Hamburger, Schwedische Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka und dergleichen, wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln kann, das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer tanzst, so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich will sie nächstens mal fragen.«
Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und sie stach mit spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens; jedesmal, wenn Helmold hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung ein wenig änderte, fuhren grüne Blitze aus dem Nebenraume dahin, wo die aschenblonden Nackenlocken auf der roten Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter mit ihr plauderte, merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr vorging; aber nun fing Helmold an, eine neue Singweise zu suchen, indem er ganz leise durch die Zähne pfiff, und das bedeutete, wie sie wußte, daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum rührte sie sich nicht, so gern sie das auch getan hätte.
Denn ihr war so merkwürdig schwach und hülflos zumute. Sie hatte ein bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch ein Glas Sekt mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so wunderschön auf dem Frühlingsfeste gewesen; so viele hübsche, fröhliche Frauen und Mädchen, und so viele nette, lustige Männer hatte sie noch nie beisammen gesehen, und so hatte sie mit den anderen getollt und sich prachtvoll vergnügt.
Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck in der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Herzschlagadern ein. Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen; aber sie wußte, wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu kam; denn nun pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat nicht fortwährend vor und zurück, sondern er stand still, malte eifrig, summte erst eine Weise vor sich hin, und dann sang er: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie, Rose Marie, Rose Marie, aber du hörtest es nie.« Er war in voller Fahrt.
Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hülfloser zumute wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke, die der Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über das Lied, das er sang, während er malte, und so wandte sie ihre Meuchelmörderaugen nicht einen Pulsschlag lang von dem Nacken Swaantjes.
»Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war froh; aber ihr fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu keinem Menschen gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen wollte. Aber da dachte sie an die Faschingsnacht in München, als ihr Vetter zwischen all dem tollen Lärm zu ihr gesagt hatte: »Kleine, wenn du einmal etwas hast, das dich drückt, und du magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn ich dir irgend helfen kann, so tue ich es.«
Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich, Helmold!« Aber dann hatte sie lachen müssen; wie er so dasaß, vollkommen im Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch, mit gebrannten, gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht und kohlschwarzem Schnurrbart und dazu die vergoldeten Ohren, das hatte zu närrisch ausgesehen, zumal seine blauen Augen so treuernst blickten.
Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold, ich muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche: ich liebe einen Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter; ihm war zumute, als habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz weggenommen und ihm nur den Verstand gelassen. Darum fragte er, ohne daß seine Stimme anders klang als sonst: »Weiß er es?« Swaantje sah gerade aus: »Nein; das glaube ich nicht.« Ihr Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie erwiderte: »Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du ihn also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?« Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie nickte: »Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie sagte: »Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu jung für eine Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn groß an: »Dann würde ich ihn doch nicht lieben können!«