»Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst dich viel zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl bleiben, das setzt an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende Weste. »Halt die Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein Freund an, aber dann fragte er: »Schläft sie wirklich nicht?« Doch der Mond war beleidigt; er antwortete nicht, und als Helmold ihm eine Zigarette anbot, dankte er; er sei nur Russen gewohnt und möge keine Herzogowinas.
Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er blies den Rauch der Zigarette so, daß er dem anderen in die Stubbsnase zog; der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich nach der Dose aus Tulasilber, die aufgeklappt auf dem Fensterbörde lag.
Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf, nickte, sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch kein Gedicht gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!« Er zeigte nach dem Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene Vergleich des Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach köstlich!« Er steckte sich eine neue Zigarette an: »Du bist sonst sparsam mit Ausrufungszeichen, Kerl; aber wie du da mit der Pappel die hochpathetische Stelle zu betonen wußtest, das ist einfach Goethe!«
Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie famos, daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem denkenden Leser Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei der Epheustrophe; erst alles ganz bestimmt und klar, und dann diese geheimnisvolle, vielsagende, andeutende Dunkelheit.«
Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich. Der an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens auf der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser könnte fehlen; er ist überflüssig, und das Überflüssige ist immer unkünstlerisch, ist das Unkünstlerischste. Du kannst ja diese Stelle auch leicht streichen.«
Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch. Er faßte erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein ärgerliches Gesicht und griff dann nach der Zigarettendose, indem er sagte: »Du erlaubst? ich habe meine im Überzieher stecken lassen!« Er zündete sich eine Zigarette an, ließ den Rauch aus den Lippen in die Nase steigen, atmete ihn ein, ließ ihn in zwei Ketten winziger Kringel aus den Mundwinkeln quellen, lächelte seinen Freund schelmisch an und sprach: »Meinst du, daß der Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte ein einfaches Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei bis drei Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden, daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er sang halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein Gebet an die guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche Frau.«
Helmold zog die Augenbrauen hoch: »Das ist mir zu hoch, Kerl; das mußt du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also du hast den Vergleich mit einem Handweiser glücklich begriffen?« Der andere nickte. »Handweiser pflegen zu weisen.« Wieder nickte Helmold. »Na also!« lachte der andere, und als der Freund ihn dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da schlug der Maler sich vor die Stirn, denn der blaue Schatten auf der weißen Wand zeigte nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief.
Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der andere nickte listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle; was tut sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut, oder hat sie wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch! Los, erzähle! Ich tu auch alles, was du willst. Soll ich dich in Öl malen oder in Pastell? Halbakt oder ganz? Kniestück oder stehend? Voll oder halbvoll?«
Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem Stümpfchen der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich, sah den Maler ernst an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen, jetzt eben. Sie hatte Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah sehr schön aus. Ich habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du weißt, ich sehe nicht mit Menschenblicken«, setzte er schnell hinzu, denn Helmolds Augen bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei Licht aus; sie ist vor sich selber keusch.«
Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich kenne alle Frauen, die da waren, und sämtliche, die da sind. Ich sah noch wenige, die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei Jahren war noch kein Gedanke an einen Mann auf ihren Lippen zu sehen, ihre Brüste lebten still für sich hin, ihre Lenden schliefen, und ihr Schoß wußte nichts von sich selber. Das ist jetzt manchmal anders.«