Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst weiß ich stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die Schrift, kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen, aber dann sah ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie denkt, es ist so wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen ist, sehr schwer. Wenn ein unberührtes Weib eines Mannes liebend gedenkt, wird sie seiner gleichzeitig als Mutter, Schwester und Braut gedenken. Darum, lieber Helmold, du weißt, wir haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an dich.«

Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn in den Sessel zurück. »Ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber, weiß ich nicht.« Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es damit?« Der Mond wiegte den Kopf hin und her: »An den denkt sie auch noch, aber in verblaßter Weise; an dich denkt sie mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt immer an dich. Ob aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie eine Mutter ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht sagen. Ich weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch bin, denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist ohne Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und Geist. Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit, und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser gänzliche Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte Vertiefen in Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und andere Allotria. Das ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von Mannestum, die jedes Weib hat, braucht sie für ihre Bildung, statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück Künstler, leider! Künstlertum verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit; das Erzeugen ist euer Vorrecht. Frauen haben etwas anderes zu tun, vielleicht besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein Notbehelf für das Leben.«

Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke und meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück gelebtes Leben.« Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit; ich muß fort. Und dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!«

Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten; wie eine Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk. Vier Jahre waren es her, daß er mit Swaantje den sterbenden Sternen zusah. Sie hatte ihn gefragt: »Was hast du dir gewünscht, lieber Helmold?« Er hatte sie angelacht: »Ich wünsche nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir gewünscht?« Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu spät war.«

Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur wüßte, ob er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond danach zu fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere? Er prallte vor dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten nach ihrer Stirne, seine Finger dachten an ihre Hände; aber scheu gingen sie an ihren Schultern vorbei und mieden ihre Hüften gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im Ballkleide gesehen! Niemals war sein Blut wärmer geworden, und sie war doch so schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich. Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und mit dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener schlaflosen Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag, als er in den Büchersaal ging, um sich den Angelus Silesius zu suchen, und sie plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide, das Licht in der Hand, und der Schatten der Palmblätter mit unverschämten Fingern über ihre Schultern nach ihren Brüsten wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit der linken Hand schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich gegenüberstand. Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen Augen hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner Seele ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch sie waren von dem Willen überhört worden.

Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug, hatten seine Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend fraulich sah sie darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem, locker gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende Wiese schritt, hatten seine aktgeschulten Augen sich auf die Melodie ihres Leibes zu besinnen versucht; bis zu dem Texte hatten sie sich aber nicht hingetraut.

Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden mußte er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen.

Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise auf, und Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen Gewande schoben sich ihre nackten Füße verstohlen über den Teppich. Sie hielt mit der einen Hand die Spitzen über ihrer Brust zusammen, die andere hatte sie vor den Augen liegen, so daß das Morgensonnenlicht warm auf ihrem gebogenen Arme spielte. Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr Gesicht über ihn und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben; mit einem stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda.

Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda mußte er liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher, kluger, kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war, mit dem kein einziger seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt hatte. Wehrlos mußte er sich der ungeliebten Frau hingeben, machtlos war er in ihren Armen, ohne Widerstand duldete er ihre langweilige Leidenschaft.