Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen, weinte, daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine geliebte, süße Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann stand er auf, wusch sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast leer, sah in den Park, holte sich seine Zigarettendose und wollte sich damit vor das Fenster setzen. Aber als er an dem Spiegel vorbeikam, prallte er zurück: der Ritter stand da. Seine Rüstung blitzte weiß, das Visier hatte er heruntergeklappt; er sah an ihm vorbei, wie an einem wortbrüchigen Hallunken, und wies mit dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh.

Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder. »Elende Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlider zufielen.


Das Seelenhaus

Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als Helmold eintrat; zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge standen, starrten ihn mit toten Augen an.

Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak aber sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus, aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht.

Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten fröhlich zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem dritten in die Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich! Drei große Bilder so gut verkauft, Aufträge über Aufträge, und nun noch erster Sieger in einem internationalen Ausschreiben!« Ihre Stimme fiel herab, als sie ihn ansah: »Aber freust du dich denn gar nicht ein bißchen, lieber Helmold?« Er nötigte sich ein Lächeln ab und sagte gleichgültig: »Natürlich; Berühmtheit ist bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an. »Lieber Helmold,« begann sie nach einer Weile schüchtern, »sei nicht böse; heute kann ich dich nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den Brief und seufzte: »Was fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag, Swaantje, nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.«

Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter zwei ungeheueren Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen sie sich nieder und sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft des Grummets herkam. Beide waren still; Helmold war todmüde; es war schon hellichter Tag gewesen, als seine Augen das Sehen vergaßen, und Swaantje war betrübt, denn unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche die Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen und ihrer stumpfen grauen Farbe sah sie aus, wie das Seelenhaus in Tödeloh.

»In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten unsere Urahnen ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an; »glaubst du das?« Er nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten sind auch Seelenhäuser gewesen, denn sie sind genau in der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle Jahre am Todestage ihrer Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin und gossen Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an, damit die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie einmal wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt haben.« Er sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude, und sonderbar klang es, als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du mir auch Blumen bringen, damit ich mich darüber freuen kann, wenn ich einmal wiederkomme?«