Krähen flogen über sie hinweg und schrieen sich heiser; schweigend ruderte ein Reiher dem Flusse zu. Der Himmel sagte einen zweiten Sonnentag an; hell stand der Liebesstern da.
Lange Zeit sprach Helmold nicht, dann begann er: »Du verstehst doch, Swaantje, daß ich dir das alles sagen mußte?« Sie nickte ernsthaft. »Und ich muß es auch Grete sagen.« Sie nickte abermals. »Und obzwar ich mir dadurch, daß ich dir meine Liebe in dieser Weise offenbarte, alle und jede Hoffnung genommen habe, ich bin doch froh darüber, daß ich es tat. Und ich bin froh, daß es so gekommen ist. Ich hatte immer die Angst, daß ich alt und kalt geworden wäre; wer liebt, ist nicht alt. Ich weiß, daß ich noch jung bin und ein Herz habe; denn es blutet, und das danke ich dir. Ich war so hoffnungslos. Grete und ich, wir haben uns heiß geliebt. Das ist vorbei. Sie ist zu sehr selbsteigene Persönlichkeit, um in mir aufgehen zu können; alles in ihr wehrt sich gegen mich. Darum macht sie mir so oft, oder eigentlich immer, Opposition. Das kann ich nicht vertragen, denn ich bin eine Herrennatur und will keinen Widerspruch; von meinem Lebensgenossen wenigstens nicht. Wer mir widerspricht, ist mein Feind. Die Frau aber soll der beste Freund des Mannes sein. Grete kann mir das nicht sein; mein Wesen und ihres stammen aus verschiedenen Ländern, meines aus Nord, ihres aus Süd. Uns trennt eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung. Ihr Wollen drängt von sich zur Welt; mein Wille geht von dem, was da ist, zu dem, was ich bin. Sie ist zentrifugal, ich bin zentripetal. Sie lebt; ich schaffe. Wir haben aneinander keinen Teil.«
Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarre an, und als er bemerkte, daß das Mädchen totenblaß aussah, strich er ihm sanft über die Backen, gab ihm den Arm und sprach im Weitergehen: »Trotzdem gehören Grete und ich zusammen, denn sie liebt mich, und ich liebe sie; und dann haben wir Kinder. Ich weiß, was du denkst, aber ich sage dir: trennte ich mich von ihr, und liebtest du mich auch, so wie ich dich liebe, du kämest dann erst recht nicht zu mir, und solange Grete meine Frau ist, habe ich auch keine Hoffnung, daß du mein wirst. Das ist mir alles ganz klar. Zudem: du liebst einen anderen.«
Der Arm des Mädchens zuckte in dem seinigen, und er fühlte, wie sie sich fester gegen ihn lehnte. »Friert dich?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf, und er fuhr fort: »Wenn der, den du liebst, dich liebte, und er brächte dir das Glück, dann könnte ich wieder ein froher Mann sein.« Sie schauderte wiederum zusammen und lehnte sich noch fester an ihn. »Du frierst doch wohl?« fragte er; »willst du meine Jacke haben? Ich brauche sie nicht.« Sie wehrte ab und flüsterte, und süßer als je zuvor, erschien ihm der Tonfall ihrer Worte: »Dann mußt du mich aber sehr lieb haben, Helmold!« Er antwortete erst nicht, aber dann sprach er mit ernster Stimme: »Mehr als meine Kunst.«
Der Ritter flüsterte hinter ihm: »Aber Mensch, sie will ja, daß du sie küssest! Küsse sie! Sie liebt dich und nicht den anderen!« Doch Helmold, der bemerkt hatte, daß Schauer auf Schauer das Mädchen schüttelte, blieb stehen, zog seine Jacke aus und befahl: »So; kleine Mädchen haben zu gehorchen!« und so verstand er nicht, was der Mann im Harnisch ihm zuraunte. Er half Swaantje, die mit niedergeschlagenen Augen dastand und beklommen atmete, in die Jacke, und dann sagte er: »Nun wollen wir etwas schneller gehen«, und eine lustige Weise flötend, schritt er, das Mädchen am Arm, an dem Ritter vorbei, der schwarz und gespenstig auf der Haide zurückblieb.
Tief im Walde ließ der Kauz sein blutrotes Lied erschallen; vom Flusse her heulte ein Dampfer; es klang fast genau so. Der Mond kam hinter den Kiefern hervorgegangen; sie spannen lange Schatten über den weißen Weg.
Helmold lachte auf: »Hör, Swaantje, die beiden! Was sich liebt, das neckt sich. Denk dir das Bild: Der Waldkauz balzt den Dampfer an! Findet er Gehör, so gibt es ulkige Küken: kleine Dampferchen, die auf die Mausjagd gehen, oder Ulenküken, die nach Steinkohlen piepen. Und nun reden wir nicht mehr davon!« Er schwenkte ihren Arm auf und ab und pfiff die Kasatschka.
»H' ach!« fing er dann an; »die möchte ich noch einmal tanzen. Das ist ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen riecht! Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und die Mädchen hin- und herschmeißen, bis sie windelweich sind, aber nicht diese betutige Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa im Schwange ist. Überhaupt: Ballschleppe und Tanzen! Das ist schon mehr Fesselballonbetrieb. Etwas angetrunken muß man auch sein, und die, mit der man tanzt, muß hinterher zu allem Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In der Ukranja habe ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz hellblond; aber sie hatte den Satan im Leibe!«
So prahlte er und erzählte Kasakenschwänke und Witze, die er in der Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger Ewerführerplatt und Schnurren in pfälzischer und ostpreußischer, schlesischer und bayerischer, münsterscher und berliner Mundart, eine immer toller als die andere, so daß Swaantje mehr als einmal hell auflachen mußte. Er blieb auch den ganzen Abend lustig und versöhnte Tante Gesina gänzlich wieder, denn er machte gar keine kecken Witze, sondern blieb völlig in der guten Weise des Marktfleckens.
Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot. Dann blies er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell vom Mondlichte war. Um ihn summte ein neues Lied, erst leise dann laut, bis seine Lippen die Weise nachsummten: »Am Himmel steht ein goldener Stern dahinten über dem Walde«. Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz kühl zog er es in den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand, weißglühende Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle blondbärtig und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier.