Swaantje war kaum zusammengezuckt; sie sah nach der Sonne, und Helmold fuhr fort: »Ich liebe dich seit sieben Jahren. Ich habe dich vom ersten Tage an geliebt. Ich habe dich schon geliebt, ehe daß ich dich kannte, ehe daß du lebtest.«

Er seufzte tief auf: »Ich weiß das erst seit jenem Abend, als Grete sagte: ›Du müßtest immer bei uns bleiben, Swaantje; ich dächte mir das reizend, wenn wir drei immer zusammen blieben. Ich wäre dann deine Sonnenfrau, Helmke, und Swaantje wäre dein Mondweiberchen‹.«

Das Gesicht des Mädchens war blutlos geworden; geisterhaft hob es sich von dem dunklen Wachholderbusche ab; ihre Augen hingen fest an der Sonne, die mit bösem Blicke über dem Wahrbaume stand.

Helmold half einem Käfer auf, der im Sande auf dem Rücken lag; dann sprach er weiter: »Du weißt, daß Grete am anderen Morgen fragte: ›Ist dir nicht gut?‹ Ich hatte in der Nacht kein Auge zugetan. Ich habe seitdem überhaupt noch nicht wieder geschlafen. Es ist seither keine Stunde gewesen, daß ich nicht an dich gedacht habe. Und deswegen kam ich nicht zu euch. Aber schließlich sah ich ein, daß ich zugrunde ging, wenn ich dich nicht wiedersah. Ich habe wie ein Verrückter gearbeitet; sonst wäre ich irrsinnig geworden. Ich habe seitdem mehr gemalt, als andere in zehn Jahren zuwege bringen. Aber ich habe es als totkranker Mann gemalt. Schließlich mußte ich dich sehen und kam. Am Tage lebte ich; in jeder Nacht starb ich. Du weißt, wie ich des Morgens aussehe, und du weißt, wie anders mein Gesicht wird, wenn ich eine Viertelstunde bei dir bin. Ich habe mich ganz genau daraufhin untersucht, wie ich dich liebe, ob als Bruder, ob als Vater; aber ich liebe dich als Mann; ich will dich. Und deshalb muß ich dir das alles sagen, denn sonst, ich bin meiner nicht mehr sicher, und wenn ich dein Vertrauen verlöre, dann müßte ich mein Leben fortwerfen. Denn das würde ich verlieren, hätte ich das getan, was ich mir vorhin vorgenommen hatte: dich in den Arm zu nehmen und in mein Herz hinein zu küssen.« Der Ritter schüttelte den Kopf und ging langsam von dannen.

Helmold und Swaantje sahen nach dem Wahrbaume, dessen unheimliche Zauberrune mit Gold unterlegt war. Dann sprach das Mädchen: »Helmold, das ist furchtbar, das ist entsetzlich. Ich wollte, ich könnte dir helfen, aber ich kann es nicht. Selbst wenn das nicht wäre, wovon ich dir sprach, könnte ich dir nicht helfen. Ich bin sehr unglücklich darüber, denn du tust mir so unsäglich leid. Und doch bin ich stolz darauf, sehr stolz, und ich danke dir; du hast mir ein großes Leid geschenkt, und eine große Freude. Wenn ich dir nur helfen könnte, liebster Helmold! Aber du weißt es selbst, daß ich das nicht kann. Nicht wahr?«

Sie sah ihn zum erstenmal wieder an; er nickte ihr mit ernstem Gesichte zu, bückte sich und küßte ihre Hand, und sie zuckte merkbar zusammen, denn sie fühlte, daß eine Träne darauf fiel. »Armer Helmold!« flüsterte sie und sah dahin, wo die riesenhafte Rune stumpf und tot vor dem rosenroten Himmel stand, während darüber ein Stern aufgehen wollte.

Der Ritter kam wieder herangeschlichen: »Noch ist es Zeit, noch ist es nicht zu spät!«, raunte er heiser; »greif zu! Eine Stunde wie diese kommt niemals wieder. Küsse sie! Mein Wort darauf, sie ist dein.«

Helmold sah ihn ungläubig an. Swaantje schauderte zusammen. »Steht hier irgendwo Irrkraut?« fragte sie und drängte sich ganz dicht an ihn heran, so dicht, daß ihre Backe an seiner Schulter lag und ihre Lende seinen Schenkel berührte. »Nun oder nie!« zischte der Mann im Harnische ihm zu, und Helmold näherte von hinten seine Hand, mit der er sich in das Moos gestützt hatte, der Schulter des Mädchens; aber da sah sie ihm ängstlich in die Augen und flüsterte: »Steht hier welches? Ich fürchte mich!« Er gab ihr die Hand und half ihr auf. »Feigling, Dummkopf!« rief ihm der Ritter zu und ging laut lachend durch den hohen Adlerfarn, daß es rauschte.

Der Abendwind warf mit dem dunkelgrünen Geruche des zertretenen Krautes um sich, und Swaantje schauderte abermals zusammen. »Schrecklich, wie das Farnkraut riecht! Hast du keine Angst davor?« Er lächelte: »Nein, ich habe vor nichts Angst!« Er legte ihr das Spitzentuch um die Schultern, zog die Jacke an und reichte ihr den Arm; ohne Zögern legte sie ihre Hand hinein und lehnte sich fest an ihn, wie er es liebte. Als er sich umdrehte, stand der Ritter an einen Baum gelehnt und blickte ihm höhnisch nach; er sah wie ein hoher, spitzer Wachholderbusch aus.