Er pflückte einen langen Halm und ließ dessen Spitze über ihre Wangen gleiten; lässig strich sie mit der Hand nach der Stelle hin. Als er zum dritten Male den Scherz machte, sah sie sich um und lächelte ihm schalkhaft in die übermütig funkelnden Augen. Er sang leise und mit aller Zärtlichkeit, die er in seine Stimme legen konnte, ein verträumtes Liebeslied, das das Volk sich erdachte, und in dem das Allerletzte zwischen Mann und Weib gesagt wird, aber als er endete: »Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid«, da blieb sie stehen, sah ihn mit leuchtenden Augen an und sagte: »Das ist ja ein köstliches Lied; das habe ich noch nie gehört!« Ein kalter Schauder lief ihm über das Herz; sie sah das Kunstwerk in dem Liede und fühlte nichts dabei. Mutlos ließ er den Kopf hängen und schritt hinter ihr her; ihm war, als müßte er sie schlagen.

Doch der Ritter flüsterte ihm zu: »Sie ist ein unberührtes Weib; wer sie zuerst küßt, den wird sie lieben. Und du willst sie küssen, wirst sie küssen, mußt sie küssen, schon ihretwegen, um sie zu erlösen, damit sie sich herausringt aus dieser blutlosen Nonnenhaftigkeit, aus diesem unmenschlichen Vegetieren, aus diesem geschlechtlosen Unleben. Das willst du, das mußt du, und das wirst du!«

Der urzeitliche Friedhof lag in zufriedenem Schweigen da; der Stechpalmen Korallenschmuck leuchtete heiß aus dem kalten Blattwerke, das sich hinter dem grauen Seelenhause erhob. Swaantje nahm aus dem bunten Strauße, den ihr Frau Heinemann mitgegeben hatte, eine schneeweiße Aster, zwei blutrote Georginen und vier von den grellen Ringelblumen, band sie mit einem blonden Halme zusammen und legte sie vor die Tür der Urahnenkapelle hin. Dann ließ sie sich auf der Jacke nieder, die Helmold für sie über das schimmernde Moos gelegt hatte, und er setzte sich zu ihrer Linken.

Sie saß ein wenig unter ihm, so daß er sie mit den Augen umspannen konnte. Wild schlug sein Herz und dann wieder zaghaft. Ein dumpfer Druck lag auf seinem Gehirne, und seine Kehle war wie eingeschnürt. Aber kein heißer Schauer lief ihm über die Brust, und keine süße Erwartung fieberte in seinen Lippen; nur eine bleiche Furcht hockte hinter ihm, und vor ihm kauerte die Hoffnungslosigkeit, von oben bis unten in Spinneweben gekleidet.

Swaantje sah in die Sonne, die rot und rund über dem weiß atmenden Bruche stand. Sie wandte sich nach Helmold, sah ihn zärtlich an und sagte: »Vetter, wieviel Schönes habe ich dir doch zu verdanken; ich hätte nicht geglaubt, daß der Herbst mir so viel bringen würde.« Ihre Augen schimmerten feucht, als sie ihm die Hand gab; kühl lag sie in seinen heißen Fingern, so kühl, daß er sie nicht festzuhalten vermochte.

Aber da flüsterte ihm der Ritter zu: »Jetzt sprich ihren Namen so zärtlich aus, wie du kannst, und sieh ihr so bittend in die Augen, wie du es vermagst, und dann nimm sie und küsse sie, bis ihre Seele in der deinigen ertrinkt.«

Helmold nickte und sah das Mädchen an, das verträumt nach der Sonne hinblickte, die sich immer schneller dem Wahrbaume näherte, dessen schwarze Krone wie eine böse Rune über dem Milchsee stand.

»Swaantje,« begann er, und er erschrak, denn seine Stimme klang ganz blaß. »Vetter?« antwortete es ihm, aber dabei sah Swaantje unverwandt in die Sonne. »Liebe Swaantje«, begann er von neuem, und er spottete in sich selber über die Farblosigkeit seiner Stimme; »du hast mir kürzlich etwas gesagt; nun will ich dir auch etwas sagen: ich liebe dich.«

Er sah scheu zur Seite, denn da stand der Ritter, stampfte mit dem Fuße, daß es klirrte, lachte verächtlich und fauchte durch das Visier: »Dümmer konntest du es gar nicht anfangen!«