Doch da flüsterte der Ritter ihm etwas in das Ohr. Entsetzt prallte er zurück und machte Kontrahieraugen; aber als er den eisernen Mann ansah und merkte, daß der keinen häßlichen Spott mit ihm trieb, da nickte er ihm verstohlen zu, gab ihm heimlich die Hand und war wieder der lustige Kamerad. Fortwährend erklang Swaantjes fröhliches Lachen, so viel bunte Witze und farbige Schnurren breitete er vor ihr aus, und die Falte der Entsagung zwischen ihren Brauen war nicht mehr zu sehen.
Sie gingen dann die heiße Landstraße entlang, bogen zwischen den kühlen Wallhecken ein, kamen über die sonnenbeschienene Haide und durch Wiesen, glitzernd von Licht. Solange sie nebeneinander gingen, blieb der Mann im Harnisch taktvoll zurück; wurde aber der Weg schmal oder morastig, so daß das Mädchen vorangehen mußte, sofort war der Ritter wieder neben Helmold und flüsterte ihm durch die Visierspalte zu: »Vergiß nicht, was ich dir geraten habe!« und Helmold sah ihn an und schüttelte den Kopf.
Ja, er wollte es wagen, mochte daraus entstehen, was da wollte! Eine übermütige Lust überkam ihn. Mit schmetternder Stimme begann er ein schalkhaftes Volkslied; in den Schlußreim aber legte er jedesmal alle Süßigkeit der Sehnsucht. Er sprang von Hott zu Hüh und kam immer wieder geschickt darauf zurück, daß Kunst, Wissenschaft, Religion und Philosophie nichts seien gegen ein bißchen erlebtes Leben; aber das beste an ihm sei und bleibe die Liebe zwischen Mann und Weib. Das Mädchen hörte aufmerksam zu, doch ihre Wangen blühten nicht voller auf, und ihr Atem ging seinen gewohnten Weg. Aber wenn er auf den wundersamen Zusammenklang von Schatten und Licht, auf die Unter- und Übertöne der Landschaft, auf den geheimen Sinn der Blumen und auf das beredte Schweigen der Bäume hindeutete, dann schenkten ihm ihre Augen zärtliche Blicke.
Kalt durchschauerte es ihn, wenn bei jedem ernstgemeinten Worte ihr innerstes Wesen sich gegen seine Brust lehnte. Mit barschem Griffe faßte er mitten in ihr religiöses Gefühl hinein, als sie von der Seligkeit des Glaubens sprach. »Du verabscheust den Selbstmord, liebe Swaantje,« begann er; »aber was ist denn Glauben anders als Selbstmord? Wer glaubt, dem ist das Leben kein Problem. Er kann sich getrost begraben lassen; für ihn gibt es keinen Kampf mehr. Ich aber will kämpfen; sonst danke ich für das Leben. Wir Germanen sind niemals gläubig gewesen. Religion hatten wir immer, aber eine Diesseitsreligion; das Jenseits versparten wir uns für später. Mit beiden Beinen standen wir auf dieser lieben Erde, lebten unser Leben in Zucht und Sitte, berauschten uns nicht an Wollust und Grausamkeit und brauchten daher auch nicht, wie die Asiaten, Opiate wie Reue und Buße. Zu unsern Göttern standen wir wie zu unsern Fürsten; wir zahlten ihnen pünktlich den Zins, machten Front, fuhren sie vorbei, und damit holla! In unser persönliches Leben durften sie nicht hineinreden. Ich habe mehr als einmal mit dem Tode Kugeln gewechselt; aber niemals ist mir dabei der Gedanke gekommen, daß ich vorher erst ein reines Hemd anziehen müsse, für den Fall, daß ich plötzlich vor jemand stehen würde, der erst meine Wäsche ansähe, ehe er mir die Tür aufmachen ließ. Wir sagen: wir sind Christen, aber wir sind es nicht; wir können es auch nicht sein. Christentum und Stammesbewußtsein vertragen sich ebensowenig, wie Sozialismus und Kultur. In der Theorie sind wir Christen; aber sobald es an die Praxis geht, in Politik, Geschäft und dergleichen, dann sind wir genau solche Heiden wie die Männer, die dort schlafen gelegt wurden.«
Er zeigte nach dem Tödeloh hin, der sich vor ihnen über der Kiefernhaide erhob, und von dem das verbuhlte Gurren eines Ringeltäubers herüberklang. Die Sonne stand noch hoch, so daß die gewaltigen Wachholderbüsche halb schwarz, halb goldig aussahen; aber die Ferne war in dichten Duft gehüllt, und über dem Bachgrunde lag der Nebel wie der Atem eines Hünen.
Der Fußweg war so schmal, daß Helmold die Gelegenheit benutzte, um hinter der Heißgeliebten herzugehen. Er drehte sich um und nickte seinem Hintermanne zu. Ja, er wollte es wagen! Sie sollte etwas erleben! Er wollte sie umfassen und küssen und das Weib in ihr wecken; der Föhn seines Atems sollte das Gletschereis von ihrer Seele schmelzen und der Platzregen seiner Küsse den Staub von ihrem Herzen waschen.
Sie sollte sein werden, ehe die Sonne hinter dem Wahrbaume zu Boden glitt. Er wollte jedes Gedenken an den anderen in ihr fällen, wollte Feuer in ihre Vergangenheit werfen und das taube Gekräut totbrennen, um Platz für die junge Saat zu schaffen.
Absichtlich blieb er hinter ihr, mit Fleiß ließ er sie vor sich hergehen. Seine Lippen sollten dursten nach ihrem Munde und seine Hände hungern nach ihrem Leibe; sinnlos sollten sie vor Liebe werden.