Beim Mittagessen war er von blendender Kälte, denn der eiserne Mann sah ihn fortwährend aus dem Spiegel an. Deshalb versalzte er der Muhme die Suppe mit gleißenden Widersprüchen, verpfefferte ihr den Braten mit funkelnden Vergleichen und übersüßte ihr den Schokoladenpudding mit irrlichternden Witzen, bewies ihr auf das höflichste, daß sie eine Gans in Großfolio sei, und überzeugte sie auf das verbindlichste, daß sie am besten täte, nichts zu sagen. So aß sie denn kaum so viel, wie die drei anderen zusammen, und war selig, sah Helmold sie einmal nicht spöttisch an. Auch sagte sie nichts, als er nachher in weißer Bluse, Kniehosen und langen Strümpfen, die Jacke auf dem Arme, herunterkam, und sie seufzte noch nicht einmal, als er auf ihre Frage: »Wollt ihr denn kein Butterbrot mitnehmen?« antwortete: »Im Gegenteil; einmal ist das kleinbürgerlich, und dann wollen die Wirte auch leben.«

Es war ein Tag in Blau und Gold. Der Himmel war hoch, die Sonne lachte über das ganze Gesicht, die Feuerbohnen, Sonnenblumen und Georginen hinter den Zäunen freuten sich ihres Lebens. Und Helmold auch. Er hatte den unbarmherzigen Zug um die Lippen verloren, und hinter dem frohen Leuchten seiner Augen schimmerte eine geheime Zärtlichkeit, wenn er Swaantje ansah, die ihr rosenrotes Kleid, ihr Morgenrotkleid, wie er sagte, anhatte, und den weißen, weichen, mit einem rosenroten Bande umwundenen Hut. Tausende von goldenen Gedanken blitzten vor ihm über den Weg hin, und nur ab und zu summte ein schwarzer oder brauner dazwischen herum. Hinter ihm her aber schritt der eiserne Ritter; das Klirren seiner Sporen klang gut zu Swaantjes hellem Lachen, mit dem sie Helmold für sein fröhliches Geplauder dankte.

Zwei Bauermädchen kamen ihnen entgegen und boten ihnen die Tageszeit. Sie streiften ihn trotz seiner auffallenden Kleidung kaum mit den Augen, sahen Swaantje aber voll andächtiger Bewunderung an. »Merkwürdig!« dachte er; »alle Frauen sehen sie an, und jeder Mann blickt an ihr vorbei! Woher das wohl kommt? Sie ist ihnen zu geistig, zu hoch, zu unnahbar; ein goldenes Gitter von Reinheit ist vor ihr.«

Der Fußweg unter den Hängebirken war so schmal, daß Helmold hinter ihr gehen mußte. Ein Fest war das für seine Augen, wie sie vor ihm herschritt, umflossen von dem leichten Kleide, dessen lose Formen ihren hochadeligen Wuchs geflissentlich hervorhoben. Der Ritter flüsterte ihm über die Schulter zu: »Sie ist die Schönste, die Allerschönste: wer sie lieben darf, den kann kein Himmel mehr lohnen und keine Hölle mehr schrecken.« Aber Helmold zuckte die Achseln.

Eine Viertelstunde hatten seine Blicke nun schon die Locken ihres Nackens geküßt, ohne daß ihre Wangen roter wurden, ohne daß sie sich umwendete, und er wußte es: jedes Weib, dem er in den Nacken blickte, drehte sich nach ihm um. Er sah sich nach dem Ritter um; der lächelte und flüsterte: »Das Windröschen blüht in einer Stunde auf; die Rose braucht mehr Zeit dazu.«

Aus den Zweigen der Birken lispelte die Hoffnung Helmold verheißungsvolle Worte zu; aber da flog ihm ein dicker, schwarzer Gedanke mitten in das Gesicht; er dachte an den Mann, den Swaantje liebte. Doch dann wiegten sich seine Blicke wieder in den Falten ihres Kleides, das über dem grauen Fußsteige schwebte wie Morgenröte über einem Flusse.

Als sie vor dem Donnerkruge waren, setzte er die hohlen Hände vor den Mund und schrie wie ein Haupthirsch vom zwölften Kopfe. Die hübsche Wirtin schoß aus der Tür heraus, lachte, gab ihm die Hand und rief: »Nein, haben Sie sich aber nüdlich gemacht, Herr Hagenrieder!« und dann war sie fertig mit ihm und machte zu Swaantje die selben andächtigen Augen wie vorhin die beiden Bauermädchen.

Sie deckte unter der Linde. Als sie den Kaffee herbeitrug, stellte sie in einen alten Krug, auf dem ein springendes Pferd zu sehen war, einen mächtigen Busch von Astern, Ringelblumen und Georginen auf den Tisch, so daß Helmold ihr eine Kußhand zuwarf und rief: »Großartig, Frau Trui; nun haben wir alles, was wir brauchen.«

Er hatte seine lichte Laune wieder. Seine Augen lachten, als Swaantje ihm den Kaffee aus der bauchigen Zinnkanne eingoß, und er aß in einem fort, nur um sich an den leisen Bewegungen ihrer Arme zu erfreuen, wenn sie ihm vorlegte. Aber dann sah er ihre Hände an, und ein mütterliches Mitleid stieg in ihm auf: »Arme, kleine, müde, entsagungsvolle Hände!« dachte er, und ein bitterer Zug schloß seine Lippen; »Hände, deren Seele nur gedacht und nie gelebt hat, die von Sehnsucht erzählen, aber von keinem Wunsche; Hände, die im Schatten aufwuchsen!«