Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken; die kann heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem alten Heidengrabe wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber Helmold?« Er wollte schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber da sah er in dem Pfeilerspiegel den Mann im Harnisch stehen und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und so antwortete er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns erst recht nicht!«

Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur eurethalben.« Helmold sah erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran daß sie neben uns hertappelt und andauernd über die Gefahr stöhnt, der sie ihren Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre kummervollsten Augen: »Aber, lieber Helmold, allein solltet ihr beiden nicht so viel ausgehen. Frau Bergedorf machte neulich schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne Ritter nickte; seine Augen funkelten höhnisch durch die Visierspalte. »Bist du der selben Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich, »so füge ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren Mitmenschen zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.«

Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig. Die Muhme sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold warf leicht hin: »Na, sie kann sich beruhigen, in zwei, höchstens drei Tagen muß ich fort; ich habe ein Dutzend Bilder im Leibe. Aber heute und morgen will ich Swaantje noch für mich haben. Also verschone mich mit Adda, bitte! Kommst du mit in den Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf.

Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte: »Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachtereif; kommt sie mir noch einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als die der kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die eine als Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter schreibe ich: Hätt' Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam nicht aus Eden zu gehn!«

Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold, die Tante ist so gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie es noch.« Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht bekommt; Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine Muhme, ich habe dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt, ist ein Ungetüm, das inkognito reist, ein menschenfressendes, kannibalisches Geschöpf. Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn geschlagene Male gesagt: ›Swaantien, hast du dies getan? Swaantien, hast du auch daran gedacht?‹ Hätte sie es noch einmal getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe wäre nicht geraten oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.«

Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du alt, und sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur von Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt, daß du nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du eine Art von besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang dabeistehen, wenn die Renekloden oder irgendein sonstiges besseres Baumgemüse abgenommen wird, damit die Mägde ja keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für dich. Der Deuwel soll darein schlagen!«

Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube, die ganz rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind, ich habe mich allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet, das sich sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist, habe gehungert und verschwendet, beides reichlich; habe geliebt und gehaßt, und nicht zu knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern an einem Tische gesessen; habe die ganze Weltgeschichte in mich aufgenommen; alle philosophischen Systeme durchgekaut; zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt; mehr Wonne und Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme sieht von der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze auf dem Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann ich freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis für die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung des Blumenkohls ab.«

Er holte eine Zigarre heraus. »Du erlaubst, Liebe? mit Dampf geht es besser. Du hast wegen deiner Neuralgie zehn Ärzte gefragt und zwanzig Kuren gebraucht. Ich werde dir etwas sagen: ich schlage Muhme Gese tot, wir beerdigen sie mit Musik, lassen die vorschriftsmäßigen drei Zähren auf ihr Grab tröpfeln, und ich wette: in vier Wochen bist du nicht mehr Swaantien, die arme, verwaiste, hülflos betantete Nichte, sondern Swaantje Swantenius, meine schöne, kluge und stolze Base. Bei der Sonnenrune und dem heiligen Kreis, meine Geduld hat ein Ende! Ich bin ja nur ein Schwippvetter, der hier nichts zu sagen hat, aber ich werde, bevor ich abreise, einen solchen Höllenlärm schlagen, daß Muhme Gesina drei Tage lang von Angst und Baldriantee lebt und alle ihre Kommodenschiebladen nach Herzkrämpfen durchkramt. Und wenn sie mir nicht bei den Manen ihres Mopses verspricht, dich auf zwei Jahre aus dem Stalle zu lassen, dann erzähle ich es überall, ich hätte abreisen müssen, weil Frau Gesina Stieghölter geborene Swanteniussen mir andauernd schmutzige Anträge gemacht hätte.«

Swaantje mußte nun doch lachen; ihr Vetter aber fuhr fort, indem er dabei wütend paffte: »Der Mensch hat an erster Stelle Pflichten gegen sich selber. Deine Pflicht ist, aus dir das zu machen, wozu dich das Schicksal bestimmt hat, aber dich nicht selber im Grundrisse zu verzeichnen und in der Fassade zu verkorksen. Du mußt heraus aus deiner Watteverpackung, mußt etwas erleben, Gutes und Schlimmes, aber nicht dasitzen, bis du jenseits von Gut und Böse bist, dein Herz an einen Mops hängst und drei Stunden darüber redest, daß der Gerichtsrat Meyer seinen Lehnstuhl neu hat überziehen lassen. Ich mache mir aus deiner Bibel nicht viel; sie liegt mir nicht, aber es steht doch manches vernünftige Wort darin, so von dem Pfunde Sterling, mit dem man wuchern soll. Glaubst du denn, ich weiß nicht, wie dir zumute ist? Nun bin ich bald vier Wochen hier, und in der ganzen Zeit habe ich keine Nacht mehr als drei Stunden geschlafen, und manche gar nicht. Heute war es halb sechse, als ich einschlief! Du meinst, weil ich an meine Bilder denke? Ich pfeife darauf! An dich habe ich gedacht, um dich mir Sorge gemacht; denn ich kann es nicht ansehen, wie die Frau dich auf kaltem Wege hinrichtet, und das tut sie. Aber ich kenne dich und weiß, bei dir hat alles Reden keinen Zweck, weil du verbrecherisch selbstlos bist. Und das macht mich so mutlos.«