Deshalb schlug er die Straße nach Lütkenhusen ein und stieg beim Taternkruge, wo er noch nie gewesen war, ab. Das war eine schmierige Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das Butterbrot, das ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß des Ekels. Ein fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem Gesichte, bunt angezogen, kam herein, bettelte ihn an und machte ihm verheißungsvolle Augen. Er schenkte ihm ein blankes Markstück und einige Zigaretten, ging aber nicht auf sein Sprechen ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um, als es dem Walde zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es ihm schnell mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der Bewegungen und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen; sein Blut blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror.

»Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an, denn er hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief er, als er es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben und Töne brannten und klangen in ihm durcheinander; er sah ein Bild in Moll vor sich und hörte eine blaßrote Melodie. Er nahm sein Taschenbuch heraus und schrieb ein Lied hin, las es durch, änderte eine Stelle, schrieb ein zweites, ein drittes und noch eins. Eine Kiepenflickerfamilie, die inzwischen eingetreten war, sah ihm neugierig zu, und zwei Handwerksburschen machten heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es, kümmerte sich aber nicht darum. Ein Motorradfahrer kam herein, schimpfte mörderlich, weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen müssen, daß er seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer auf und ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen, bis die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte seine Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz verlegen wurden, und ritt fort.

Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke sogleich auf Frau Adda. Sie saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und sprach über bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum Narren, bewies ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern nur einzelne Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener Tafel vor, er müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb aber nur die vier Gedichte ab, gab sie Swaantje, die er auf der Treppe traf, sagte ihr, er wolle den Abend allein verbringen, und ging in den Ratskeller, wo er sich in die dunkelste Nische setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner verbot, Licht zu machen und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei. Er starrte vor sich hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und ließ seine Zigarre kohlen. »Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter Mann raucht nicht,« dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in einer schwarzgebrannten Deckelurne. Und vor dem Seelenhause lagen Blumen, weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die Jahreszeit sie bot, und die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht Tau war es, der in ihren Kelchen schimmerte, Tränen, kalte Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt neben dem Seelenhause stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor dem Gesicht, einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich betten, so sanft.«

Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts. Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich feige hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das Ganze! Und ein jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte, eines Lebens, das rot in Rot vor seinen Augen stand, hellrote Küsse auf einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute. Das Ende? Ein Pfeil in der Brust, zwei Küsse auf den Lippen, und so, zwischen der Sonne und dem Mond, zwischen der lauten und der leisen Geliebten, schnurstracks nach Walhall, und da: Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan anders sein: Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer Hoffnungslosigkeit. Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist, und ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen. Hol's der Teufel!

Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje; der Vorhang flog zur Seite, und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen gab er Helmold die Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete vor herzlicher Freude. »Ich hörte von der Wirtin, daß Sie hier seien,« sagte er mit seinem dunklen Basse, »und daß Sie allein sein wollten. Ich sah Sie heute vom Kruge in Mecklenhusen aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb dachte ich: laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und nun: Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist mir gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das besser.«

Als der Sekt da war, hob er das Glas: »Auf das, was wir lieben!« Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit ist der anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß ein Blatt heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab es dem Arzte. Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen über sein Gesicht. Er streckte dem Maler die Hand hin: »Dank, vielen Dank, Hagenrieder!« Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer und sah sie eine Weile an. Dann flüsterte er, und seine Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der einzige Mensch, der mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich gesehen, lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten. Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind, Sie in Blond, ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben, ich bin glücklich.« Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!« Er warf seine Zigarre in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler Hinsicht bin ich auch glücklich, aber die Intestina denken anders. Jeden Tag, wenn ich mich nach dem Essen lang mache und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz wo anders hingehöre, auf einen Pferderücken, oder ein Kameel, und um mich ist die weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle unter Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus und sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und eine für die Seele,« flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen einen hungrigen Blick.

Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung: »Gehen Sie mit?« fragte er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter hat wieder einen Anfall. Das beste für die gute Frau wäre ja Morphium, denn diese Herzbeklemmungen sind schrecklich. Aber das dürfen wir ja nicht. Ist das eine verlogene Welt heute! Einer hetzt den anderen unbedenklich mit Geschäftspraktiken tot; aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage stirbt, zu erlösen, das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!«

Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den Schatten der Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die Wacholderbüsche auf der Haide zu bösartigen Gespenstern um. Helmold ließ den Arzt reden. Er sah sich mit Swaantje am Arm durch die mondhelle Haide gehen; ein kreischendes Verlangen von ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie kommen oft nach Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte. »Ja, ich tue so, als ob ich nach der alten Dame sähe, aber die junge meine ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter; das ganze lavendelduftende Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein Mädchen! Wissen Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise Frau; Blond liegt mir so fern wie Ihnen meine Kulör. Aber in meiner ganzen Praxis ist kein Mensch, um den ich mich so ängstige wie um sie. Gewalt! möchte man schreien, wenn man zusehen muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der besten Absicht. Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber Herr Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹ Lieber Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor Ihnen hat die Alte einen Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange in die Schenkstube. Ich bin gleich wieder da und dann, wenn es Ihnen recht ist, trinken wir noch eine dicke Flasche oder zwei. Wissen Sie, bei Vollmond muß ich Bettschwere haben.«

Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen war und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte vor sich hin: »Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger Trost, daß es dem Arzt ebenso ging wie ihm! Und es ging ihm viel besser, denn der hatte seine leise Frau noch nicht gefunden; er aber hatte sie gefunden und hatte sie zur selben Stunde verloren.

Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht, als er ihm vorhin sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere heiligen Bücher wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele ihren Männern und ihren Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die das nicht können, sind mißlungen.«