Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn nicht Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte er, »daß zwei Seelen sich voneinander lösen, die einst eins waren, wie meine Seele und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt, wenn sie in seinen Armen zerschmolzen war, daß nicht nur ihr Leib ihm gehörte. Das war nun vorbei; er war hier, und sie war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad, Freund, ja; er wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen sein. Mann und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie die beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins.

Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen ab; darum war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das Pentagramm, wie bei den Ariern. Und deshalb waren die Juden glücklicher im Leben, scheinbar wenigstens, denn schließlich: die besten unter ihnen schielten doch aus dem Sechsstern zum Fünfstern, wie er von Grete nach Swaantje. Warum: die eine ging in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur, die andere ein problematischer Charakter. Die eine satt, die andere hungrig, unbewußt hungrig.

Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen Himmel und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das Tödeloh stand. Eine reisende Drossel flog über die Linde und pfiff verlassen; unsichtbare Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror das Herz. Er stand auf und wollte in das Haus; da kamen harte Schritte näher, und der Arzt stand vor ihm. »Haben Sie eine Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den Maler ansah. Der lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn besorgt von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna und die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige Mädchen und nicht glücklich; ein und der selbe Mann hatte beiden die Ehe versprochen, und nun lachen sie sich am liebsten ihren Kummer fort, denn sie lieben ihn beide noch immer, trotzdem an dem Kerl nichts dran war.«

Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der es verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in die Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß Janna und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen eine mitfühlende Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der Arzt, »Schampagner am besten schmeckt.« Er nahm die Laute von der Wand und klimperte darauf herum, eine Weise dazu brummend, die nach Moschus und Ambra roch. Er stieß mit allen an. »Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein, erzählte eine lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat die Mädchen um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und Manna sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre an einem dunklen Winterabend.

»Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »aber erst die Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen wir nachher im Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde und sang dann zu einer verschüchterten Begleitung das heimliche Lied an den Abendstern. Die Augen der Mädchen wichen nicht von seinen Lippen, und der Arzt sah ihn mit besorgter Miene an. »Bitte noch eins,« bat Janna leise, und Manna flüsterte: »Ach ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen Jüngling, der auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von Zuckerkand, zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken lag. Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war, wie perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er schloß: »Sag ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann singt der Vogel nimmermehr von Tod und Not, dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot,« hatten beide Mädchen feuchte Augen, und auf der Stirne des Arztes lag eine Falte, die wie ein Hufeisen aussah.

Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte erst die Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas Schampagner hinunter und begann leise, aber mit jubelnder Stimme: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund, Rose rot, Rose weiß, dein denk ich alle Stund.« Die Augen der Mädchen erhellten sich; aber als die Laute einen wehen Ton gab, und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund bei Tag und Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend klang es wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes Lied er sang, Rose weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,« und abermals wimmerten die Saiten und wie ein Schluchzen war es in des Sängers Stimme: »sprang vor Freuden hin und her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es klang.«

Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds Stimme lachte wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte sie, als er fortfuhr: »Was wird aus dir und mir?« und schneidend, wie Glassplitter wurde ihr Ton bei den Worten: »ich glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist nicht bei mir,« und es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in dem Gemache, als er endigte: »nicht bei mir, geht andern Gang, falsches Lied der Vogel sang von mir und dir.«

Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte stumm den Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten Gefühle von Scham vor sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus, dann folgte Helmold. Im Hausflur drückten ihm die Schwestern die Hand, und eh' er es sich versah, nahm ihn von jeder Seite eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund, ohne daß sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich zu.

Der Mond stand mitten über der schneeweißen Straße; taghell war zu beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend nebeneinander her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold war todmüde, aber vor dem Bette graute es ihn. »Von wem sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von mir,« antwortete der andere, und seine Stimme hörte sich staubig an. »Die Melodieen auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber er war schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der Haide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold aber schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über dem schmalen, weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wachholderbüschen den Hügel emporschlich, ein morgenrotfarbiges Kleid, das einen schlanken Leib umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit summte er die Singweise des Rosenliedes vor sich hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in den Wind hinein, der in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches, wehes Weinen war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein weißes, tränenlos schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund.