»Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die Hand unter die Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir können Sie getrost alles sagen.« Doch der Maler schüttelte den Kopf und lächelte gezwungen: »Halluzinationen, Übermüdung und Sekt, weiter nichts; ich habe oft dergleichen.« Aber er wurde wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje zurückkam, ihm auseinandersetzte, daß das Mädchen in die Welt müsse, um sich einen Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht am lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in den Farben der Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart, daß dem Maler das Herz schwoll.

Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin, daß Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm nach, als er mit leichtem Schritte über den Hof ging und so sicher, als wenn er nur Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich; einer wie der andere!« dachte der Arzt.

Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin; dort war noch Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte sich Vorwürfe, daß er ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem Zimmer fand er eine dringende Depesche. Er packte seinen Koffer und legte sich nieder, den Herodot in der Hand. Er wollte nicht einschlafen, er hatte Angst davor, aber die Augen fielen ihm über dem Buche zu.

Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den Halter heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte er. Schnell badete er, und als er sich angezogen hatte, ging er in das gelbe Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Gedeck war unberührt; die anderen hatten schon gefrühstückt, denn ihre Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig kam herein; sein Gesicht sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es hat Krach gegeben, deinetwegen. Die Bestie, die Bergedorfsche, hat ihr Lästermaul wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe nach dem Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln. Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da; er verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.«

Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber Helmold,« sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antwortete er, »sehr früh sogar, denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er drehte sich absichtlich so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen herunterwarf. »Ach meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina und hob ächzend die Scherben auf: »die ist nun in Stücken!« Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter nichts in Stücke geht, kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit dem Mittagszuge reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir einmal die Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß sie in den Sessel knickte und ihn hülflos ansah: »Also: ich reise. Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig hier. Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die Tür; ich bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich dich zu bedenken. Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich nicht. Du solltest nicht so viel Kartoffeln essen, und nicht so viel Kuchen, und deinen Kaffee zu Hause trinken statt bei der verfluchten Klapperschlange vom Duttenhofe, die bei Gott verderben möge!«

Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!« Er warf den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und keine Lästerung. So, und nun kommt die Hauptsache: sobald Swaantje wieder in der Reihe ist, geht sie auf zwei Jahre aus dieser Mottenkiste heraus, verstehst du mich? Oder dreie! Wohin ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht hier, sonst komme ich hierher, und dann sollst du mich einmal richtig kennen lernen. Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und darum nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will, meinetwegen nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß die Esel von Letten sich bis dahin die Bombenschmeißerei etwas abgewöhnt haben. Drei Wochen habe ich deine pomadigen Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten, um das Mädchen aufzumuntern; dir hat es gefallen, mit einem Wort meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie die Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit einem Manne allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld dazu, daß sie hier versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich machst, wie das hier guter Ton ist? Siehst du denn nicht, wie du sie mit deiner Tanterei kaput machst? Ohm Ollig, frage den, der ist ganz meiner Meinung; nur mag er nicht den Mund auftun, weil du ihm dann acht Tage lang Hammelbraten vorsetzest.«

Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte Helmold aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du vielleicht, es ist eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag in einem Ende gefragt wird. ›Swaantien, hast du dies gemacht? Swaantien, wie steht es damit? Swaantien, du hast doch nicht vergessen?‹ Als ich vor drei Jahren hier war, hing mir dies Gefrage schon armlang zum Halse heraus, und deswegen bin ich so lange nicht hier gewesen. Da hieß es: ›Swaantje ist krank, nervenkrank!‹ Weißt du, was ich da zu Grete sagte? ›Kein Wunder bei dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!‹ Jawohl, das habe ich gesagt, und hätte Grete damals nicht die Kleine an der Brust gehabt, sie wäre gekommen und hätte hier einmal gründlich ausgelüftet. Na, und dann durfte Swaantien«, er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja endlich kommen. Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen, heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen Schatten gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam. Na, wir fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben, was sie wollte, und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr. Nach einem halben Jahre komme ich hierher, und wen finde ich? Swaantien«, er sprach es wieder so niederträchtig wie möglich, »Swaantien mit dem Bindfaden am Bein, an dem die gute, die liebe, die mütterliche Tante Gese den ganzen Tag herumzockt.«

Giftig funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird dir ja leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem ziemlich trüben. Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen sind, sondern daß sie dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,« seine Stimme wurde weicher, »eines schickt sich nicht für alle. Du weißt, ich bin ein abgesagter Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels, dem Steckenpferdchen von Grete. Deswegen sperrt man doch aber ein Mädchen, das nach Weiterbildung und nach Kunst hungert, und nach der Welt und ihren Menschen, nicht zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie; Benjamin, mit dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz meiner Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das alles jetzt sage, daran ist er schuld.«

Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre mit dem Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den Frühstückstisch, goß sich Tee ein, und während er auf und ab ging, würgte er ein trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina strich ihm eins und legte ihm mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch und Eier vor, und ohne zu wissen, was er tat, aß er. Dann riß er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter heraus, schrieb zwei Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er sah ganz blaß aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen Mund, und seine Hände zitterten.

Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr die Hand und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu weinen an. Er klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes Muhmchen, meinst es nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich glaube, du siehst auch ein, daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig. »Na, und so lasse sofort die Näherinnen kommen und Swaantjes Kleider in Stand setzen, und melde sie bei Ohm Otte an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete wird viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr: »Sieh bitte zu, ob ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl sagen.« Die Tante ging hinaus und kam nach einer Weile wieder. »Sie ist aufgewacht und möchte ein wenig gekochtes Obst essen und freut sich, dich zu sehen. Du mußt aber vorsichtig sein mit ihr; die Schmerzen können bei jeder Aufregung wiederkommen.«