Er lächelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst. Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl! Dank für alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte die Sache besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen müssen, aber ich bin, wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs, Muhme Gese! Und nicht wahr, ich verlasse mich auf dich? Großes Bierwort darauf? Und verschone mir das Mädchen mit allen Butternöten und Legehennensorgen und Negerkinderbekleidungsmanufaktur; laß sie machen, was sie will. Sie redet dir in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also: Gehabet euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.«
Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der Hand aus dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden Sie mich bitte, Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an: »Das gnädige Fräulein warten schon.« Sie stockte einen Augenblick, dann griff sie nach seiner Hand, drückte sie und stammelte: »Herr Hagenrieder, ich war nebenan; ich horche sonst nie, aber die Hand könnte ich Ihnen küssen! Sie sollen sehen, sobald Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund. Gott,« sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!« Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache? Na na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder sonstwo etwas verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich komme dann sofort. Hier, das ist für etwaige Auslagen. Und bringen Sie mir Ihre Herrin gesund wieder, dann gibt es einen blauen Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu und ging die Treppe hinauf.
Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang des Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag halb sitzend im Bette. Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand von der Schläfe. »Maria mit den sieben Schwertern« dachte er, und er mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht aufzuschreien. Ihr Gesicht sah nicht so blaß aus, wie er gefürchtet hatte, nur ihre Augenlider waren gerötet. Aber ein Leuchten lag in ihrem Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte, und eine Süßigkeit war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der Teller auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren fing. Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun schuld!« Sie lächelte lieblich und nickte: »Ja, aber ich danke dir doch sehr; du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die Hand und flüsterte zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich, aber das ganze Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß, einen einzigen Kuß!« dachte er.
»Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm den Teller und den Löffel; »jetzt muß die kleine Swaantje erst ein bißchen essen; und wenn sie sich nicht beschlabbert, und wenn sie erst wieder gesund ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt sie zu Hagenrieders, und dann geht sie nach Wiesbaden, und nach München, und im Sommer geht sie mit uns an die See, und nachher in den Harz.« Sie lächelte, und die Augen wurden ihr feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsichspelte nach der anderen zwischen die Lippen schieben.
Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf die Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr den Schmerz abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und während er das dachte, stand der gepanzerte Ritter wieder hinter ihm, stieß ihn leise an und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch, küsse sie; sie wird dich wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber er küßte sie nicht, und keiner seiner Blicke sprach von mehr als von Brüderlichkeit.
Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar an und sagte: »Das hat mir mehr geholfen als alle Pulver. Aber du mußt gehen, es wird sonst zu spät für dich, lieber Helmold!« Er stand auf und sah sich im Zimmer um; er selbst hatte die Einrichtung entworfen. Er sah das Mädchen an, ihre Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr Gesicht, das eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag halbgelöst um ihre Schläfen; es hatte einen fettigen Schimmer. Langsam hob ihre Brust das weiße Nachtgewand.
»Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine Stimme; »werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder und küßte ihre beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen seine Stirn streiften, und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete. Aber schnell nickte er ihr zu und verließ das Zimmer.
Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm eine Karte erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm der Diener den Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf hin, daß der Mann lächelte.
Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung. »Zehn Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden fortgeworfen!« dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid hinter ihm. Er trat zur Seite und sah Frau Bergedorf vor sich stehen. Sie erwiderte holdselig seinen Gruß und fragte ihn: »Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch eine Woche bleiben?« Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders; ich habe in einem großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den Auftraggebern verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem großen Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau jemanden?« Sie nickte: »Meine Olga.«