Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein waren. Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine Base ist leider recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu sehr aufgeregt, das ein Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft über sie aufgebracht hat. So etwas ist doch gemein, gnädige Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von einer Person ausgeht, die als verlobte Braut abends verschleiert einen Leutnant so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter hat, die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die könnte sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas darüber und haben die große Güte, es mich wissen zu lassen. Hier meine Adresse!« Er zog eine Karte heraus und gab sie ihr.

Der Zug lief ein. »Empfehle mich ganz gehorsamst, meine Gnädigste,« sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte seinen Daumen über ihren Handschuh; »und ich bitte um gütige Empfehlung zu Hause.« Er verbeugte sich und ging auf den Zug zu. Vom Fenster aus grüßte er noch einmal; Frau Bergedorf dankte gütig.

In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern; er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold blieb am Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte, und als es verschwand, setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener Haide immer näher kam. Er sah den Weg, den er mit Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo der Tod ihn angebettelt hatte, flog schnell vorüber und langsamer der Wahrbaum.

Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er doch wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr als Erquickung hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte er nichts von ihr, als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den zerwehten Klang ihrer Stimme in seiner Seele, und ihr blasses Bild in seiner Erinnerung. Er liebkoste es mit den Augen, küßte es auf die Hände, aber jedes Mal, wenn er die Lippen küssen wollte, verschwand es, und er sah nichts als das rote Polster vor sich und den langen Offizier.

Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen; drei Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im Tödeloh. Jede Nacht stieg seine Seele aus dem Grabe und ging in das graue Steinhaus, wo sie die Schatten anderer Männer traf, die vor vielen tausend Jahren dort ihre Leiber vergessen hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg, schimpften darüber, daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen Wildpret und Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig, weil er ein jedes Mal jedweden von ihnen fragte, ob nicht ein Kranz oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären.

Es war aber niemals etwas da und weinend stieg er wieder in sein Grab.


Der Mohnblumenkranz

Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister der sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen da, und die sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib wiederfand und singend aus dem grauen Grabe zum grünen Leben hinaufstieg.