Es waren jedoch keine weißen Blumen, die vor seinem Grabe lagen, rote Mohnblumen waren es, und nicht Swaantje hatte sie dort niedergelegt, sondern Grete, seine kluge, gute und starke Frau hatte sie zum Kranze gewunden und zu Häupten seines Bettes aufgehängt; sie flüsterten ihm mit ihren leichtsinnigen roten Lippen so leise Schlummerlieder zu, daß er die ganze Nacht verschlief und den nächsten Tag, und nachdem er einen Bissen gegessen und einen Schluck getrunken hatte, schlief er abermals ein, denn ein frischer Kranz hing über seinem Bette, und den löste ein dritter ab, und so schlief Helmold Hagenrieder drei Tage und drei Nächte, und dann stand er in der Frühe auf und ging in seine Werkstatt, ging frisch und fröhlich an seine große Arbeit und pfiff ein Lied dabei.
Es hatte eine seltsame, lustige Weise, das neue Lied; leichtsinnig war sie und doch so tief, froh, und doch so schwül, und die roten Mohnblüten hatten es ihn gelehrt. Helmolds Augen strahlten, blickte er seine Frau an; und er küßte sie, wie seit langem nicht, seine liebe, gute Grete, die sich seiner Not erbarmt hatte, als er krank und elend und zerbrochen von Swaanhof kam und ihr sein bitterliches Leid geklagt hatte. Sie hatte ihm das Haar gestreichelt und die Stirne geküßt wie eine Mutter, und ihm zugeflüstert: »Ja, ja, mein armer Junge; sie soll kommen; ich selber will sie rufen.«
Deshalb konnte er mit einem Male wieder lachen und flöten und singen; darum aß er, wie lange nicht, und schlief fest und lange wie ein Kind, und küßte seine Frau, wo er sie zu fassen bekam, und sang ihr jede Nacht das Lied von dem roten Mohn in die Ohren; und wenn dann am anderen Morgen Frau Grete ihre Zöpfe flocht, dann lachte sie ihr Spiegelbild an und dachte: »Wie eine junge Frau seh' ich aus; wie eine ganzganz junge Frau!«
Zum roten Mohn gehören blaue Kornblumen, und da Helmolds und Gretes Backen von Tag zu Tag mehr den roten Blumen ähnlich wurden, so sahen ihre Augen von Nacht zu Nacht blauer aus, denn die volle Sonne lag auf ihnen; rund herum war das Feld so gelb wie Gold und versprach eine Ernte, wie sie lange nicht gewesen war, reif und schwer. Kein Landregen schlug sie zu Boden, kein Sturm zerzauste sie, kein Schloßenfall knickte sie ab; jeden Tag hingen die Ähren tiefer, und wenn der Wind über sie ging, dann rauschten sie leise, rauschten ein heimliches Lied, bis Helmold es vernahm und es erst leise und dann immer lauter pfiff, und was er flötete, das malte er auf einen neuen Karton, erst in leisen Strichen, dann in halblauten Linien, und schließlich in hellklingenden Farben.
Aus warmen Liedern, heißen Küssen und glühenden Farben waren die Entwürfe entstanden, die auf den drei großen Kartons an den Wänden zu sehen waren, und wenn Helmold, seine Frau im Arme, davor stand, dann schüttelte er den Kopf, lachte und sagte: »Jetzt weiß ich erst, daß ich etwas kann. Aber was kriege ich von dir dafür?« Dann nahm sie ihn in die Arme, reckte sich an ihm hinauf, zog seinen Kopf an ihren Mund und flüsterte ihm etwas zu, das kein dritter Mensch hören durfte, und es war doch weiter nichts als das Lied vom roten Mohn. Jeden Tag mußte sie es ihm in das Ohr summen, den einen Tag das eine, den anderen Tag das zweite, den dritten das dritte Stück, und als er in der Eisenbahn saß und dahin fuhr, wo aus den Entwürfen Werke werden sollten, sah er auf den kahlen Feldern lauter rote Mohnblumen vor sich, und als der Abend ihm die Landschaft vor den Augen fortnahm, blühten rote Mohnblüten in den Wolken auf, immer mehr, bis sie den ganzen Himmel erfüllten.
Jedweden Tag bekam Frau Grete eine Karte mit roten Mohnblüten, eine einzelne oder ein ganzes Feld voll darstellend; sie legte sie alle der Reihe nach in einen Kasten aus kornblumenblauem Samt, besah sie jeden Abend, zählte sie immer und immer wieder und sang sich selbst mit dem Liede in den Schlaf. Doch am Tage vor dem Julfeste kam keine Mohnblumenkarte, da kam der, der mohnblumenrote Küsse zu verschenken hatte, und ganze Fäuste voll brachte er davon mit, drei große Sträuße, für jeden Feiertag einen. Und daran sahen sich ihre Augen, die vom vielen Sticken und Nähen und Kochen und Backen ein wenig blaß geworden waren, wieder so blau, wie Kornblumen, und auch die Augen ihres Mannes, die zu viel Farbe hatten hergeben müssen in den letzten Wochen, färbten sich voller.
»Nun noch zwei oder drei Monate, Gretechien,« lachte er, »und dann singe ich wieder in meiner Werkstatt, denn ich habe noch manches Lied in den Augen, das du nicht gesehen hast. Ich bin froh, daß ich alle die drei Bilder auf einmal angelegt habe, und du solltest mich einmal bei der Arbeit sehen; ich sage dir, es ist die reine Kilometerfresserei! ›Sie müßten sich eigentlich Rollschuhe anschnallen,‹ sagte der Herzog neulich. Ich hatte nicht gewußt, daß er kam, und achtete gar nicht darauf, daß mehrere Leute eingetreten waren, denn ich war in voller Arbeitsbrunft. Ich hatte grade am rechten Seitenbilde gemalt, du weißt doch, das Kriegsbild, und da fiel mir etwas am linken Seitenbilde ein, und ich sauste das Hängegerüst entlang und malte an der anderen Seite und flötjete dabei, wie ein Scherenschleifer. Wie ich nachher hörte, hat der Adjutant mich darauf aufmerksam machen wollen, daß der hohe Herr da sei, aber der hatte abgewinkt und mir lachend zugesehen, bis ich nach dem Mittelbilde hinlief, denn mir fiel ein, daß noch ein bißchen Schatten mehr das Gesicht der jungen Frau heller machen würde. Na, und da sagte der Herzog denn das.«
Er lachte: »Du, ich glaube, der mag mich. Grade weil ich so demokrätzig-urwüchsig bin; die Pomadenmanieren hat er ja den ganzen Tag um sich. Ich habe Angst, daß ich mir den Professortitel zuziehe, und so was färbt auf das Talent ab. Ein Orden wäre mir lieber, dann würden die Leute doch sehen, daß ich ein ordentlicher Mensch bin.« Er lachte lustig. »Übrigens wird seine Hoheit mir sitzen. Ich hatte, als er das Triptychon besah, ihn schnell ein paar Mal auf den Hülfskarton skizziert, und das hatte man ihm gesteckt. Wenn ich nur wüßte, welches von seinen zwei Gesichtern ich nehmen soll, das Pflichtgesicht oder das Wunschgesicht, ob ich ihn als Landesvater oder als Heerführer male. Weißt du, der Mann tut mir leid! Bei dem Temperament, bei der Unmasse von Willen immer und ewig den kühlen Herrn von Stande markieren zu müssen, hol's der Kuckuck, da ist es kein Wunder, wenn der Charakter allmählich etwas viereckig wird. Wenn unsereins am falschen Platze ist, na, dann dudelt er sich einmal einen an und schimpft sich die Wut vom Balge; das kann er sich natürlich nicht leisten. Ich habe mich früher manchmal über das Hin und Her bei ihm geärgert, aber als Hennecke mich damals bei der Hofjagd einmogelte und ich den Mann eine Stunde lang auf drei Schritt sah, da wußte ich Bescheid. Natürlich, er ist ein Mensch und hat Fehler; aber er hat Leidenschaft im Leibe und ist imstande, sich zu begeistern, also kein Philister. Philistern verzeihe ich eine Ziellosigkeit nie; Karrengäule müssen ihren Trott gehen; Rennpferde dürfen einmal ausbrechen.«
Er sah seine Frau zärtlich an: »Wenn wir uns nicht gefunden hätten! Ich glaube, ich wäre vor die Hunde gegangen ohne dich. Ja, du hast erst etwas aus mir gemacht; mit einem Ruck kam ich von der Erde aus dem Naturalismus in den Realismus, und nun stehe ich mit beiden Hinterbeinen im Idealismus, komme über mich hinaus. Herrgott, soll das jetzt ein Leben werden! Hätte ich nur erst die Bilder fertig! Denn was ich alles noch im Leibe habe, das ahnst du gar nicht, und reden kann ich darüber auch nicht eher, als bis ich der Sache in das Gesicht sehen kann. Nur das eine will ich Dir verraten: ich male fortan nur Tendenz.« Seine Frau sah erstaunt auf, und er lachte: »Jawohl, Liebste, Tendenz, faustdicke Tendenz, so faustdick, daß sie mir keiner vorwerfen kann! Meine Tendenz ist: meinem Volke den Rücken mit Franzbranntwein einzureiben, es mit Freude und Grimm zu füttern und mit Wonne und Weh zu tränken, damit es so bleibt, wie es ist, sich nicht verplempert in fremder Art und nicht vergißt, daß es zwei Gesichter hat: ein gutmütiges und ein bösartiges; denn wir kriegen allmählich zu viel Gemütsembonpoint, seufzen, wird irgendwo ein Schweinehund geköpft, und stöhnen, wenn wir die Knarre zur Hand nehmen sollen.«
Er ballte die Hände, reckte die Fäuste und dehnte die Brust: »Einen Krieg, den möchte ich noch erleben, aber aktiv!« Seine Frau sah ihn entsetzt an, er aber lachte, drückte sie an sich und flüsterte: »Weißt du das Lied noch, das Lied von dem rotroten Mohn? Wir wollen es nicht vergessen; es ist das schönste Wiegenlied für große Kinder!«