Sie vergaßen es nicht; als Helmold wieder abgereist war, flogen die Mohnblumenkarten jeden Morgen in das Haus. Manchmal war nur eine kleine, schüchterne Blüte in eine Ecke gemalt, während der übrige Raum voller Schrift war; dann kam eine, über die sich die Blüten von einer Ecke in die andere zogen, oder eine andere, auf der sie einen Rand bildeten oder einen Fries. Wenn aber eine eintraf, auf der ein Kranz von den glühenden Blumen zu sehen war, dann seufzte Frau Grete auf und ging abends nicht so früh schlafen, und wenn sie es tat, dann trat sie vorher in das Schlafzimmer ihres Mannes und streichelte das Kopfkissen.

Aber als die Amsel schon übte und die Finken bereits stümperten, die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen und der Haselbusch mit goldenem Staube um sich warf, kamen die Karten immer spärlicher, und fast nie war eine rote Blume darauf zu sehen, und wenn das doch so war, dann war sie mit Rotstift flüchtig hingestrichen, und Frau Grete wurde wieder ganz traurig.

Bis dann der Tag kam, an dem der Frühling sein erstes gelbes Extrablatt in den Garten flattern ließ, an dem der Fink sagte: »Jetzt kann ich es aber!« und die Amsel: »Und ich erst recht!« Da rollte ein Wagen vor das Haus, hielt mit einem Ruck, und Frau Grete stürzte die Treppe hinunter, denn Gift und Galle, die beiden Teckel, stießen den Ruf aus: »Herrchen ist da!« und jaulten und kläfften und winselten und kratzten die Ölfarbe von der Haustüre, und als die Frau die Türe aufriß, stand Helmold vor ihr, küßte sie, drückte sie, daß ihr schwach wurde, und rannte die Treppe hinauf, um Swaan und Sweenechien zu küssen. Dann lief er in die Werkstatt, atmete tief auf, ging in den Garten, liebelte die Hunde ab, sagte allen Blumen guten Tag und den Fischen in den Teichen auch. Dann wurde er allmählich vernünftig und ging in die Veranda, wo nach einiger Zeit seine Frau eintrat. Er drehte sie um und befahl: »So stehen bleiben!« und als sie sich umwenden durfte, sah sie, daß er einen Orden vor der Brust hatte.

»Ja, weißt du, ich hatte die Wahl: Professor oder ordentlicher Mensch! Na, da sagte ich: Exzellenz, so'n Professortitel, wenn man den alle Tage trägt, der sieht dann schließlich so aus, wie ein alter Gehrock; dann bitte ich lieber um etwas, das sich nicht so leicht abträgt, weil man es bloß an hohen Tagen anzieht. Hat der alte Herr gemeckert! wie eine Bekassine! Ja, und nun habe ich nicht nur einen Vogel im Kopf, sondern auch einen vor der Brust, aber einen, der sich sehen lassen kann.« Sweenechien wollte gern den Vogel sehen, den ihr Vater im Kopfe hatte; da sich das nicht gut bewerkstelligen ließ und um sie auf andere Gedanken zu bringen, wurde der Koffer ausgepackt, und nun gab es ein Gequieke und Gejubel in der Veranda, daß der Buchfink beschämt den Schnabel hielt und die Amsel geärgert fortflog. Aber was hatte der Vater nicht auch alles mitgebracht! Das war noch viel schöner, als zum Julfeste, denn da wußte man im voraus, daß man etwas bekam. Swaan wußte nicht, bei welchem Buche er zuerst anfangen sollte zu lesen, Sweenechien sah ratlos von der blonden zu der braunen Puppe, und die Luise und die Minna standen da und machten ganz dumme Gesichter wegen der schönen Sachen, die sie bekommen hatten, und vergaßen beinahe, sich zu bedanken. Als sie im Hausflure waren, fielen sie sich um die Hälse und küßten sich, und vor einer Stunde hatten sie sich noch gefährlich gezankt.

Frau Grete aber bekam ein Kästchen; als sie es aufmachte, jubelte sie hell auf, schlug die Hände zusammen und küßte ihren Mann auf beide Backen, denn in dem Schächtelchen lag ein Schmuck für ihren Hals, wie sie sich ihn in ihren waghalsigsten Träumen nicht gewünscht hatte. Aber als ihr Mann aus der Innentasche der Weste einen grünen Lederumschlag nahm und ihr gab und sie einen Tausendmarkschein nach dem andern hervorholte, wurde sie mit einem Male feuerrot und steckte das, was unter dem letzten Scheine lag, schnell wieder in den Umschlag; denn das war eine roggengrüne Karte, und darauf war ein Kranz aus roten Mohnblumen gemalt.

Helmold Hagenrieder fehlte es jetzt nie an einem Kranze aus Mohnblüten zu Häupten seiner Bettstatt, und so mangelte es ihm auch niemals an kühlendem Schlummer nach heißem Schaffen. Denn heiß waren seine Tage, heiß und lang. Schon in aller Frühe, wenn die Amsel zu singen begann, war er in seiner Werkstätte und malte. Bild um Bild entstand, nun ein lichtes, frohes, reines, ohne eine andere Absicht, als so wirken zu wollen, wie eine lächelnde Blume oder eine lachende Frucht, und dann andere, die zwei Gesichter hatten und eine doppelte Sprache redeten.

Seine beiden Saharabilder entstanden, die Söldner und die Sieger, die zum Tode ermatteten Fremdenlegionäre, im glühenden Sonnenschein durch den Sand watend, darstellend, und die erschossenen Kabylenhäuptlinge im grellen Mondenlicht. Dann wurde die Hinrichtung der Sachsen an der Halsbeeke bei Verden beendet und gleichzeitig Frigges Flammentod, und hinterher kam das bitterböse Bild von Wodes Zorn. Auf einer dunkelgrünen Melodie hatte Helmold den Stoff gepflückt, so verträumt, wie sie an einem weichen Sommerabend erklingt, wenn die Mädchen eingehakt über die Dorfstraße ziehen und so lange singen, bis es den Jungens unter dem Brusttuche brennt. Aus Lindenblüten und Blättergeflüster war sie gewebt, und das Lied, das ihm dabei kam, begann also: »Ach ich war den ganzen Tag allein, denn mein Schatz der konnt nicht bei mir sein.« Das Bild aber stellte eine lachende pfälzische Landschaft dar, grüne Rebengärten an roten Felsenhängen; doch im Mittelgrunde brannte ein Dorf und im Vordergrunde lagerten Soldaten Turennes. Der Rahmen war dunkeleisengrau; er wies unten einen kaum sichtbaren Fries von Menschenschädeln auf, rechts und links den krähenden gallischen Hahn und oben zwischen zwei wütend schreienden Raben Wode Wutblick; der Gott aber trug die Züge des Fürsten Bismarck.

Dazwischen entstand ein Bildnis nach dem anderen; denn seitdem Helmold den Herzog hatte malen dürfen, und in einer Auffassung, die allem Herkommen entgegen und dabei doch so schlicht und natürlich war, wollte alle Welt von ihm gemalt sein, und er konnte sich vor Aufträgen nicht retten, trotzdem oder weil er Preise nahm, daß Frau Grete oft sagte: »Du machst es ein bißchen zu grob.« Aber dann lachte er und sagte: »Bisher nahm ich Gesellenlöhne; jetzt lasse ich mir Meisterpreise zahlen. Das verlangt die Zunftehre«. Es kam ihm aber gar nicht darauf an, einen Menschen, den er gern hatte, oder dessen Kopf ihm gefiel, ohne Entgelt zu malen; wenn aber der Kunsthändler Schultze ihm sagte: »Machen Sie es ein bißchen billiger, verehrter Herr Hagenrieder, dann nehme ich die doppelte Anzahl Studien,« so hieß es: »Wenn Sie mir noch einmal ein solches Angebot machen, dann sehe ich mich nach einem anderen Verhältnisse um.«

Er hatte so viel zu tun, daß er wie ein spielendes Kind dahinlebte; er aß wie ein Drescher und schlief wie ein Dachs; wenn die Nacht auch manchmal nur drei oder vier Stunden für ihn hatte, weil es ihn in aller Frühe schon nicht mehr im Bette litt, er schlief so fest und traumlos, daß die drei Stunden mehr Frische bei ihm ansetzten, als sonst deren neun. Das Wetter, von dem er im Sommer vorher immer bis zur Unerträglichkeit abhängig gewesen war, kümmerte ihn gar kein bißchen; der Vollmond war schlecht auf ihn zu sprechen, denn er hatte ihn links liegen lassen und war kein einziges Mal mit ihm losgezogen, wenn der ihn abholen wollte. Er trank überhaupt nur dann etwas, wenn es gar nicht anders ging, und wenn er im vorigen Jahre ohne die Zigarre oder die Zigarette nicht zu denken war, so rauchte er jetzt nur nach den Hauptmahlzeiten, wenn er mit seiner Frau plauderte.