Die war jetzt viel bei ihm in der Werkstätte und freute sich über sein federndes Wesen und besonders darüber, daß er von Swaantje ganz selten sprach und dann nur wie von einer guten Freundin. Ganz langsam und vorsichtig versuchte sie, ihm den Gedanken an das Triptychonleben, den sie in ihm heraufbeschworen hatte, auszureden. Frau Gesina war krank gewesen, und Swaantje war deswegen nach Swaanhof gereist und hatte Grete eingeladen. Als Frau Hagenrieder wiederkam, brachte sie ihrem Mann einen schönen Gruß mit und sagte dann: »Wir haben sehr viel gelacht, denn Swaantje sagte: ›Daß ich simple Landpomeranze es noch einmal bis zur Romanheldin bringen würde, das hätte ich nicht gedacht.‹« Ihr Mann, der gerade die Zeitung las, hatte nicht mehr gezeichnet als ein Rehbock, an dem die Kugel vorbeiflötet, und hinterher hatte er ganz ruhig mit ihr über sein Verhältnis zu dem Mädchen gesprochen: »Sie war nötig für mich, liebe Grete,« sagte er, »und bleibt es auch wohl; doch nicht als Weib, glaube ich. Damals, als ich ganz zerknittert von Swaanhof zurückkam, meinte ich, es wäre anders; aber das war wohl nur ein Ausfluß meines gebrechlichen Zustandes. Von jeher wird mein Gefühl zu ihr auf einem anfangs unbewußten, dann klar sehenden Mitleid aufgewachsen sein, und wenn ich sie so recht von Herzen glücklich sähe, wird sie mir nicht mehr sein als Hennig, denn auf dessen Liebste bin ich ja auch nicht eifersüchtig, und ich liebe ihn doch sehr. Freilich, er ist ein Mann, und sie, scheinbar wenigstens, ein Weib, und so hält es schwer für mich, daß ich mich ihr gegenüber von allgemein männlichen Vorstellungen frei mache. Aber selbst, wenn ich ihr gegenüber Wünsche hätte, so dumm bin ich nicht, daß ich ihnen grüne Blätter vorwerfe; denn erstens liebt sie einen anderen, und zweitens ist keine Möglichkeit vorhanden, daß sie mein sein könnte. Aber ich würde mich freuen, sie bald wieder zu sehen; wir haben ja auch einen Wechsel auf Sicht von ihr. Und jetzt habe ich bald Zeit für lieben Hausbesuch; denn sonst gewöhne ich mir das Malen noch so an, daß es ein Laster wird, wie einst meine Rauchsucht. Außerdem muß ich zur Brunft nach Stillenliebe, denn sonst wird der Prinz öde. Und ich merke es doch, daß auch Arbeit, die man mit Freude tut, schließlich die roten Blutkörperchen auffrißt. Solange man im Trott bleibt, weiß man nichts davon; sobald es aber prr heißt, klappt man um.«

Das fand Grete auch, denn ab und zu sah sie in dem Benehmen ihres Mannes leichte Schatten, die die heranziehende Nervenüberspannung vorweg warf. Er arbeitete schon unregelmäßiger, schaffte den einen Tag sehr viel, tat dann drei Tage nichts, stand den einen Morgen um fünf Uhr, den folgenden Vormittag um elf Uhr auf, wurde hier und da ungeduldig, und klagte darüber, daß die Nachbarn ihm zu laut wären, während er sonst gesagt hatte: »Je mehr in den Nachbargärten gelacht und gesungen wird, um so lustiger werde ich.« Wenn Swaan, wie es seine Art war, bei jedem Geschenk, das ihm der Vater mitbrachte, fragte: »Was hat es gekostet?« so hatte dieser früher gelacht und gemeint: »Der wird wie sein Großvater und wird nicht erst kreuz und quer durch das Leben stolpern, ehe er sich zurechtfindet.« Jetzt zog er die Stirne kraus und fuhr auf: »Junge, was soll das heißen; vom Geld redet man in anständiger Gesellschaft nicht,« und zu Grete sagte er hinterher: »Der Junge rückt täglich mehr von mir ab.« Auch bei Sweenechien wollte er das finden; sie war ihm zu selbstbewußt: »Wird wohl später auch anfangen, den Vermännerungsschwindel mitzumachen,« brummte er; »früh streckt sich, was ein tauber Halm werden will.«

So war seine Frau recht froh, als Swaantje sich endlich anmeldete: »Ich muß Euch doch noch vorher wiedersehen, Ihr Lieben,« schrieb sie, »denn ich will mit Tjark und Ilsabe nach Italien. Ich freue mich kindisch.« Auch Helmold freute sich: »Das wird ihr gut tun; sie braucht Sonne und Luxus. Es wird ihr Spaß machen, einmal Geld zu vertun.« Er war so aufgeräumt, daß er kaum zusammenzuckte, als Grete ihm eines Morgens sagte: »Ich denke, es ist besser, Swaantje schläft nicht in dem großen Fremdenzimmer, sondern in dem kleinen, schon damit ich ihr beistehen kann, wenn sie ihre Schmerzen bekommt.« Nach dem Kaffee aber sagte Helmold, der mittags schlecht gegessen und dann geschlafen hatte, was ihm nie gut bekam: »Die Bemerkung von heute morgen hättest du im Munde behalten können, Grete; ich habe ihren Untersinn wohl verstanden. Wofür hältst du mich eigentlich? Glaubst du«, er machte eine zornige Handbewegung und warf seine Zigarre in den Garten, »ich bin ein Mann, der einem solchen Mädchen gegenüber sich von bequemer Gelegenheit bereden läßt?« Sie schüttelte unwillig den Kopf, er aber fuhr fort: »Überhaupt, deine Art und Weise, Swaantje in der letzten Zeit langsam bei mir abzubrechen, gefällt mir sehr wenig; ich bin doch nicht verliebt in sie, sondern ich liebe sie. Wie, das ist mir selber schleierhaft. Jedenfalls: tritt Verliebtheit in dem von dir befürchteten Sinne hinzu, ich würde nie etwas von ihr nehmen, was sie mir nicht mit beiden Händen schenken würde, noch nicht einmal einen Kuß.«

Er steckte sich eine neue Zigarre an, die dritte seit einer Stunde, und sagte: »Bedenke, was du mir damit angetan hast, und wer die ganze Schuld trägt; ich sicher nicht! Hättest du damals nicht die fahrlässige Redensart von dem Triptychonleben gemacht, so wäre ich wohl kaum darauf gekommen, daß mir das Mädchen mehr sein könnte als eine liebe Freundin. Jedenfalls versuche nicht, die Sache so hinzustellen, als wenn ich den Stein in das Wasser geschmissen hätte.«

Er sagte ihr, er wolle allein ausgehen. Das tat er denn auch, und er beruhigte sich durch einen strammen Marsch. Er dachte an die rosenroten Stunden, die er mit Grete verlebt hatte; er krempelte sich selber um und kam zu dem Ergebnisse, daß ihn zu Swaantje weiter nichts hinziehe als eine rein seelische Neigung, und er trat in Gretes Spur und fand, daß sie alles, was sie gesagt hatte, aus ihrem leichtherzigen Denken hatte herausspringen lassen. »Aber,« sagte er sich, »ob mir nun einer einen Stein mit oder ohne Absicht gegen den Kopf wirft, eine Beule gibt es auf jeden Fall.« Wenn er sich das Herz auch noch so blank zu reiben suchte, etwas blind blieb es doch, und so war er ganz froh, als er im Osterkruge den Vorsteher und den Hegemeister traf, und es war fast zwei Uhr, als er nach Hause kam. Er wachte um sechs auf, aber da er müde war, drehte er sich wieder um und schlief bis elf Uhr, und das war das Allerdümmste, was er tun konnte, denn immer machte ihm Nachschlaf Falten in die Stirne.

So war auch dieser Tag verloren. Die Farben wollten nicht laufen, die Pinsel waren bockig, die Leinewand sträubte sich; wütend lief er aus der Werkstatt und ging mit Grete aus. Aber an jedem Worte, das sie sagte, stieß er sich die Schienbeine wund. Einige fortgeworfene Wiesenblumen, die zertreten auf dem Wege lagen, entlockten ihr den Ausruf: »Wie schade!« Er lachte und zeigte auf eine Fichte, die der letzte Sturm umgestoßen hatte: »Wenn etwas Kleines kaput geht, das beseufzt ihr; an der Leiche eines Riesen geht ihr gleichgültig vorbei.« Die Sonne verabschiedete sich in aller Form. »Welch' ein schöner Sonnenuntergang!« rief Grete. »Ein Untergang kann nie schön sein,« spottete er. Es wurde dunkel im Walde; Grete nahm seinen Arm. »Du erlaubst doch?« bat sie. »Natürlich,« lachte er; »es ist ja eine Wonne, einmal zu fühlen, daß du auch nur ein schwacher Mensch bist. Aber so seid ihr; in der Dämmerung laßt ihr euch von uns führen, am hellen Mittag nehmt ihr uns an die Strippe.« Grete sprach nun kein Wort mehr, und stumm gingen sie nach Hause.

Er ging auch diesen Abend wieder aus, kam aber bald zurück und begab sich in die Werkstätte. Um zehn Uhr hörte seine Frau von der Veranda aus, daß er flötete und sang. Sie freute sich, denn nun wußte sie, daß er malte. Die Melodie war ihr unbekannt, und deshalb ging sie den moosigen Weg so weit entlang, bis sie die Worte verstand; die lauteten: »Und kann es nicht die Lilje sein, so pflück ich mir ein Röselein!« Ihr wurde traurig zumute, denn es schien ihr, als ob das Lied ihr mit der Faust drohe; ihr war zu Sinne, als läge sie im Halbschlafe in einer Wiese und im langen Grase kröche etwas auf sie zu, von dem sie nicht wußte, was es war, eine harmlose Natter oder die böse Adder. Darum war sie froh, als am anderen Morgen ihr Mann im Jagdanzuge vor ihrem Bette stand, sie auf die Stirne küßte und sagte: »Ich bleibe vielleicht drei oder vier Tage fort; ich muß mal hinaus; ich fahre nach Ueldringen.« Sie wunderte sich, daß er reiste, weil am folgenden Tage Swaantje kommen wollte; aber sie dachte: »Er will sich auf sich selber besinnen.«

Als sie nachher in die Werkstatt ging, um Staub zu wischen, sah sie einen Haufen Papierfetzen in der Ofenecke liegen. Sie hob einige auf und wurde erst rot und dann weiß; es waren die Reste von zwei Arbeiten, an denen er Jahre lang geschrieben hatte, allerlei Gedanken über das Verhältnis der Kunst zum Leben und die Ergebnisse seiner Studien über die Technik des Malens. Sie sammelte die Fetzchen auf, Tränen in den Augen, verschloß sie in einer Truhe in ihrem Schlafzimmer und ging müde an ihre Arbeit.

Dann kam Swaantje. Sie sah blaß und nervös aus, und als sie Grete ansah, fiel sie ihr um den Hals, küßte sie und fragte: »Aber, liebste Grete, wie siehst du aus? Was hat sich zugetragen?« Als sie hörte, daß Helmold zur Jagd gefahren war, drehte sie sich schnell nach Sweenechien um, die gerade in das Eßzimmer kam, nahm sie auf den Arm und küßte sie trotz deren Gestrampels ab, denn Kinder gingen nicht gern zu dem Mädchen, das von sich selber einmal gesagt hatte: »Kinder mögen mich nicht, und ich kann damit nichts anfangen.« Helmold hatte damals ganz ernst geäußert: »Bis du eigne hast; vernünftige Frauen machen sich aus anderer Leute Kindern nichts und sparen sich die Liebe für ihre eigenen auf. Grete ist es ebenso gegangen. Die Abknutscherei fremder Kinder ist eine Spezialität hysterischer Weiber!«