Grete fand überhaupt, daß Swaantje ganz anders geworden war; ihr Mund sah aus, als schäme er sich, daß er noch nie geküßt war, ihre Augen hatten einen verlassenen Blick, und ihre Hände wirkten noch hoffnungsloser denn zuvor. Es dauerte auch eine geraume Zeit, ehe Swaantje den alten Ton wieder fand und mit Grete darüber scherzte, wie es nun werden solle, ob sie beide Helmolds wegen auf Säbel oder Pistolen losgehen oder ihn ausraten sollten. Sie zogen das Letzte vor, doch Swaantje gewann immer, tröstete Grete aber und sagte: »In den Monaten mit R sollst du ihn haben, und in den anderen nehme ich ihn; ist das nicht lieb von mir?« Als sie aber ihren Koffer auspackte und Grete sie fragte: »Hast du das weiße Wollkleid nicht mit, in dem Helmold dich so gern sah?« da schüttelte sie den Kopf, wie ein Pferd, das sich der Bremsen erwehren will, und sprach schnell von etwas anderem.
Am Abend des dritten Tages, daß Swaantje da war, sagte Grete: »Jetzt wird er gleich hier sein!« Aber er kam nicht. Am Abend des vierten Tages war sie sehr unruhig und brachte kaum einen Bissen hinunter, und Swaantje ging es ebenso. Als die Uhr dreiviertel auf sieben schlug, sprang die Frau plötzlich auf, nahm das Mädchen in den Arm und schluchzte: »Ach, Swaantien, ich habe eben einen so furchtbaren Schreck gekriegt! Fühle nur, wie mein Herz klopft!« Aber als sie aufsah, bemerkte sie, daß auch Swaantje kreideweiß aussah, und sie fühlte, daß deren Herz ebenso sprang wie ihr eignes.
Der Abend verlief trostlos; bis ein Uhr blieben sie auf, denn um dreiviertel auf eins lief der letzte Zug ein, mit dem Helmold kommen konnte; doch er kam nicht. Dann gingen sie zu Bett, ließen aber die Türen auf. Um zwei Uhr hielt Grete es nicht mehr aus; sie sah, daß Swaantje noch Licht hatte, ging zu ihr und sah sie so bittend an, daß das Mädchen ihre Decke zurückschlug und sagte: »Komm, liebe Grete!« Die Frau legte sich neben sie, nahm sie in den Arm und weinte so lange, bis sie einschlief. Swaantje drückte das Licht aus und sah in die Dunkelheit; das Bohren in ihrer linken Schläfe ging von Stunde zu Stunde tiefer; sie hielt aber stand, bis die Amsel zu singen begann und der Morgen ihr zunickte. Da endlich fielen ihr die Augen zu.
Um acht Uhr wachte Grete auf und sah sich verwundert um. Dann sah sie Swaantje an und erschrak; das Mädchen war totenbleich und hatte ganz farblose Lippen. Sie stahl sich aus dem Bette und zog die Vorhänge fest zu; aber ehe sie das Zimmer verließ, bückte sie sich und küßte Swaantje ganz leise auf die böse Schläfe. Das Mädchen lächelte und flüsterte: »Guter Helmold!« Die Frau zuckte zurück.
Kurz vor dem Mittagessen kam ihr Mann. Er sah ganz braungebrannt aus, hatte klare Augen und eine helle Stimme. Er küßte seine Frau herzlich und bewillkommnete Swaantje freundlich. Beim Essen sagte er: »Ihr seht beide wie die verhagelten Lohgerber aus, denen die Petersilie fortgeschwommen ist. Habt ihr gestern was gegessen, was euch unbemessen, oder was ist?« Swaantje sah auf ihren Teller, aber Grete sagte: »Ich habe mich gestern auf einmal so um dich geängstigt und Swaantje damit angesteckt.« Ihr Mann lachte: »Neuer Bacillus, Spirococcus terroris; den solltest du monographisch behandeln; dann bist du eine berühmte Frau.«
Nach dem Essen sagte er: »Nun, damit du es weißt: ich habe mit einem Wilddiebe erst höfliche Redensarten und dann grobe Schrote gewechselt. Der Mann schoß Schwarzpulver; deshalb habt ihr den Krach bis hierher gehört.« Beide Frauen sahen ihn entsetzt an, er aber lachte: »Der dumme Kerl schießt mir den besten Bock vor der Nase zusammen, und als ich ihm sage, er solle mir wenigstens das Gehörn lassen, verjagt er sich so, daß ihm vor Bammel der zweite Schuß herausrutscht und mir gerade in den Arm. Übrigens nicht der Rede wert! Na, wie man begrüßt wird, so soll man sich bedanken; ich schoß ihm die langen Stiebel voll Nummer drei, und da gab er mir vor Rührung gleich den ganzen Bock. Ich habe ihm die Leber und die beiden Blätter gelassen, und dann haben wir zusammen einen auf den Schreck genommen. Es ist ein ganz famoser Kerl!« Swaantje sah ihren Vetter an, lächelte und sagte: »Du bist doch wirklich ein zu guter Mensch, lieber Helmold!«
Er lachte: »Das sagen alle Leute, die mich nicht genau kennen. Der Prinz sagt, ich wäre ein Biest, und gerade deswegen könne er mich so gut leiden. Na ja, er ist das nicht, und hätte das Geschick dem guten Samlitz nicht so und so viele Erbtanten in die Wiege gelegt, ich möchte wohl wissen, wie der sich durch das Leben schlängeln wollte. Ich behandele ihn ja mehrstens etwas ruppig, schon damit er nicht noch millionärrischer wird. Ein wahrer Segen, daß er bloß seine Zinsen aufessen darf; sonst hätte er in drei Jahren alle meine Bilder und ich seinen Mammon nebst diesbezüglichen üblen Folgen. Scheußlich, mit einem Geldschrank um den Hals auf die Welt zu kommen!«
Swaantje lächelte und fragte dann: »Bist du mit ihm so befreundet wie mit Hennecke? Und was ist es für ein Mann?« Ihr Vetter blies den Zigarrenrauch gegen die Decke: »Befreundet? Ja; aber mit einer Barriere darum; es bleibt immer eine Menge Form zwischen uns. Ich verstehe manches an ihm nicht.« Er sah den Rauchringeln nach: »Aber ich bin ihm Dank schuldig. Hätte er mir damals nicht meine alten Schinken abgekauft, dann hätte Grete waschen gehen können, und ich konnte mit meiner Leier von Destille zu Destille ziehen oder Schnellmaler im Tingeltangel werden.« Swaantje schüttelte den Kopf: »Allerdings, du brauchtest damals das Geld sehr nötig, und ich bin heute noch dir und Grete sehr böse, daß ihr euch nichts merken ließet; sehr böse! Aber bedenke, wer war der Mäzen? Doch wohl du, denn die Bilder sind heute das Zehnfache wert.« Helmold nickte: »Jawohl; aber erstens gab damals kein Mensch auch nur die Materialkosten dafür, und zweitens hatte der Prinz zu jener Zeit selber bloß lumpige fünfzigtausend Mark Jahreseinkommen; also hat er sie mir sehr gut bezahlt.« Swaantje gab ihm die Hand über den Tisch: »Helmold, ich freue mich über dich!«
Zum ersten Male sah er sie jetzt in der alten Weise an, und fünf Minuten darauf hatte sie keine blauen Schatten mehr unter den Augen. Aber der alte Klang war doch nicht in seiner Stimme, wenn er mit ihr sprach; er hielt sich von ihr zurück, das merkte sie, und obgleich sie sich Gretes wegen darüber freuen wollte, so tat es ihr doch bitter weh, zumal sie fand, daß auch zwischen ihrem Vetter und seiner Frau eine Glasscheibe war. So beschloß sie nach drei Tagen abzureisen; aber da schlugen Grete und Helmold einen solchen Lärm, daß nichts daraus wurde, zumal ihr Vetter noch sagte: »Ehe die weiße Haide nicht fertig ist, kommst du nicht fort; ich habe schon dein ganzes Schuhzeug eingeschlossen.« So saß sie ihm denn einige Vormittagsstunden, bekam das Bild aber nicht zu sehen.