Ihren Augen gegenüber hing ein kleines Bild, das einen weiblichen Akt darstellte, der auf einer weiten, im Hintergrunde mit Birken besäumten Haide unter einem hellblauen, mit weißem Gewölk bedeckten Himmel stand. »Das ist ein entzückendes Bild, lieber Helmold,« sagte sie, »ein ganz entzückendes Bild.« Aber weiter sagte sie nichts; sie wußte, Geld nahm er von ihr nicht. Sonst sprachen sie wenig miteinander, wenn er malte; auch flötete, summte und sang er nicht dabei. Sie wußte wohl, warum er das nicht tat, aber ihr Herz tat ihr doch weh. Sie schlief keine Nacht vor dem Morgengrauen ein und sah, daß ihr Vetter von Tag zu Tag ernster und blasser wurde; jede Nacht vernahm sie, wie er sich leise im Bette herumdrehte, ab und zu hörte sie Papier rascheln; er las also.
»Heute müßt ihr beide allein ausgehen, Kinder,« sagte Frau Grete, die inzwischen ihre Seelenruhe wiedergefunden hatte, als sie sah, wie Helmold sich zu Swaantje stellte; »Tante Rößler hat mich gebeten, zu kommen; ihr geht es nicht gut, und für Swaantje ist es kein Genuß, die Geschichte von dem offenen Bein von A bis Z anzuhören. Ich gehe aber erst um sieben Uhr hin, denn bis dahin habe ich zu tun. Also seht zu, wie ihr die Zeit totschlagt.« Da Helmold die letzte Hand an Swaantjes Bild legte, war er erst um vier Uhr zum Ausgehen fertig. Swaantje, die die ganze Nacht wieder vor Schmerzen nicht geschlafen hatte, sah sehr hinfällig aus. »Willst du lieber hier bleiben?« fragte er; »ich gehe nur deinetwegen. Du weißt ja, Spazierengehen, dazu bin ich zu sehr Bauer.« Swaantje wäre am liebsten daheim geblieben; aber Grete hatte sie gebeten: »Geh ja mit; er hat zuviel gearbeitet und muß hinaus; und dir ist es auch gut.«
Sie fuhren mit der Straßenbahn in eine Gegend, die das Mädchen noch nicht kannte. Helmold stellte ihm die Landschaft in prickelnder Weise vor. Aber wenn auch das, was er sagte, wie Demanten funkelte, so klang es doch ebenso kalt. In der Gartenwirtschaft, in der sie einkehrten, war er von der höflichsten Besorgtheit für sie; aber die Zuneigung, die sonst seine Handlungen durchleuchtete, fehlte.
Die Sonne schien hell, die Luft war warm und blitzte von allerlei winzigem Getier, ein neckischer Wind kraulte den Bäumen die Köpfe, der Himmel war hoch, und seine lichte Bläue hoben weiße Windwölkchen, so zart wie mit einer Schnepfenfeder gezogen; dazu lachten die bunten Herbstblumen nur so, und die Stare sangen, als wenn eben der Mai angekommen sei; doch Helmolds Worte waren wie ein leiser Nordwind. Er erzählte, als wäre er der fröhlichste Mensch von der Welt; doch sein ganzes Geplauder war nicht das von Kamerad zu Kamerad, sondern von dem Herrn der guten Gesellschaft zu einer sehr geschätzten Dame aus denselben Kreisen. Kein einziger kecker Witz, kein gewagter Vergleich entschlüpfte ihm. Das Mädchen schauerte zusammen.
»Friert dich?« fragte er. Ja, sie fror, sie fror sehr. Früher hatte er sie nie angesprochen, ohne hinzuzusetzen: »Liebe Swaantje« oder »Kleine« oder »Maus«; früher lachte er sie mit dem Herzen und den Augen an; jetzt lächelte er nur noch mit dem Gesichte. »Helmold,« begann sie mit einem unabsichtlich bittenden Ausdruck in der Stimme, als sie durch den Wald gingen, »lieber Helmold!« Er sah sie von der Seite an. »Und, liebe Swaantje?« fragte er und sie fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage, ist vielleicht sehr töricht von mir, aber sage ich es nicht, so bin ich unehrlich. Das, was ich dir damals in deiner Werkstatt sagte, das ist vorbei.« Sie atmete schwer. Er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an, er änderte auch seine ruhige Sprechweise nicht, als er fragte: »Wie ist das gekommen?« Sie zitterte, als sie antwortete: »Vielleicht nur, weil ich es dir gesagt habe.« Er nickte: »Wahrscheinlich; Sprechen und Weinen erlöst.« Er schwieg eine Weile. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an; sein Gesicht zeigte keine Bewegung.
Ein Herr mit grauem Vollbarte begegnete ihnen, sah Helmold aufmunternd an und grüßte, als dieser keine Miene machte, zuerst zu grüßen, ganz tief, und Helmold erwiderte gemessen. »Wer war das?« fragte das Mädchen. Ihr Vetter lachte: »Ein hohes Lokaltier, unser Oberbürgermeister. Er denkt, weil er Ober im Kunstverein ist, müßte ich zuerst grüßen, auch wenn ich mit einer Dame gehe. Na, jetzt braucht er sich den Knigge nicht zu kaufen«.
Erst nach einer geraumen Weile begann er wieder: »Ja, Swaantje, ich weiß nicht, ist das nun gut für dich oder nicht? Einerseits bin ich froh, daß du diese taube Neigung zu den übrigen Pensionsandenken gepackt hast; anderseits: nun hast du gar nichts auf der Welt, noch nicht einmal einen Kummer. Ich hoffe, daß die Reise mit Terborgs dich aufrappelt; alle das viele Schöne aus alter und neuer Zeit, das du sehen wirst!«
»Gieb mir deinen Arm,« bat das Mädchen, »mir ist etwas schwindlig.« Er führte sie zur nächsten Bank: »So, wir sind ein bißchen weit gegangen,« sagte er und lächelte, aber nur mit den Lippen; »in fünf Minuten sind wir bei der Haltestelle.«
Beim Abendessen mußte sie sich ein Kissen ausbitten, so schmerzte sie der Rücken, und nach dem Essen ging sie sofort zu Bett, so todmüde fühlte sie sich. Alle Glieder taten ihr weh, aber schlafen konnte sie nicht. Auch Helmold schlief nicht. Durch das Schlüsselloch kam ein dünner Lichtschein, ab und zu knarrte sein Bett leise, sie hörte, wie er in dem Buche blätterte und dann roch sie, daß er rauchte. Sie wußte, daß er sonst nie im Bette rauchte; es mußte ihm also sehr schlecht gehen.