Es war drei Uhr, da hörte sie, wie er leise aufstand und Wasser in ein Glas goß; ein Papierchen knitterte, ein Teelöffel klirrte in dem Glase. »Veronal«, dachte sie, und unter ihrem Mitleid glitzerte blanke Freude: »Er hat sich verstellt,« schrie es in ihr; »er liebt mich noch, denn sonst würde er schlafen.« Ihr Kopf fiel hintenüber, und sie schlief ein.
Als sie am anderen Vormittag in der Werkstätte auf dem Ruhebette lag und ihrem Vetter zusah, der aus ihrem Bilde die letzten Spuren der Maltechnik entfernte, »denn, wo man noch Technik sieht, da ist keine, und deshalb ist Segantini viel früher gestorben, als er verantworten konnte,« hatte er gesagt, da fing er mit einem Male zu sprechen an, konnte aber nie den Weg zu dem Punkte finden, den er in der Nacht vor sich gesehen hatte, auch kam bald Grete, Sweenechien an der Hand, und dann Luise, die irgend etwas aus dem Nebenraum holen wollte, und so wurde es Mittag. Hinterher gingen sie selbdritt aus, und abends kam Hennecke. Er sah sich erst die neuen Bilder an, fand den Mädchenakt auf der Haide herrlich, aber als sein Freund fragte, was er von den Saharabildern und von Wodes Zorn halte, tat er, als habe er es nicht gehört, und ebenso verhielt er sich, als Helmold ihm sagte: »Du, Hennig, es ist ganz ulkig: zu jedem Bilde habe ich jetzt ein Lied.« Bei Tische war Helmold sehr aufgeräumt, doch sah er, wenn er sprach, meist seinen Freund an. Grete fand aber bald heraus, daß er nicht bei der Sache war, und wenn Helmold mit Swaantje sprach, ließ Hennig einen kurzen Blick über das Paar fliegen, als suche er im Dunkeln den Weg.
In dieser Nacht schlief Swaantje fast gar nicht; sie mußte immer an den einen heimlichen Blick denken, den ihr Vetter ihr zugeworfen hatte, als sie mit Hennig und Grete in eifriger Unterhaltung war; er hatte geglaubt, sie sähe es nicht, und so hatte er sich nackt ausgezogen.
Als sie dann am nächsten Vormittag von Helmold in die Werkstatt gebeten wurde, mußte sie an sich halten, um sich nicht zu verraten, denn ihr Vetter sah ganz alt und krank aus. Er zeigte ihr mit erkünstelter Unbefangenheit einige Studien aus der Umgegend von Mecklenhusen, nötigte sie dann auf das Ruhebett, legte ihr die Schlummerrolle unter den Nacken, deckte sie warm zu und sagte: »Schlaf noch ein bißchen; du siehst müde aus, Kleine!« Sie schlief sofort ein, wachte aber bald wieder auf, und als sie unter den Wimpern nach ihm hinblickte, sah sie, daß er vornübergebeugt im Sessel saß und sie mit hoffnungsloser Zärtlichkeit anblickte.
Sie schlug die Augen voll auf; er lächelte sie an, redete erst von diesem und jenem, und dann klagte er ihr mit gleichgültig klingender Stimme seine Herzensnot. Sie antwortete, als Helmold endlich schloß: »Du tust mir sehr leid, Vetter, aber in diesem Punkte gibt es für mich keinen anderen Weg als den, den mir Religion und Sitte weisen; das wirst du selbst wissen.« Er nickte, und sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, auch klang seine Stimme alltäglich, als er leichthin sagte: »Natürlich weiß ich das; du bist Dame, bist höhere Tochter, verfügst also über einen mündelsicheren Fond von Konventionsmoral. Ich verstehe dich nicht nur vollkommen, ich schätze dein Verhalten auch in vollem Maße, denn: entsetzlich wäre mir der Gedanke, eine angeheiratete Kusine zu besitzen, die selbst dann, wenn es auf Tod und Leben geht, ihre Ladyleikigkeit vergäße. Aber länger halte ich es nicht aus, und das Beste ist, ich mache Schluß; für Grete und die Kinder ist einigermaßen gesorgt«. Swaantje sprang auf: »Auch das noch!« stöhnte sie und verließ müden Schrittes die Werkstatt.
Helmold warf ihr einen bösen Blick nach und knirschte mit den Zähnen; dann aber zog er den Vorhang von ihrem Bilde und sah es lange an. Danach langte er den Mädchenakt auf der Haide von der Wand, suchte einen Grabstichel und stach in die Ecke des Rahmens die Buchstaben hinein: H. s. l. Sw., ging in das Wohnhaus, überzeugte sich davon, daß Swaantje in der Küche war, trat schnell in ihr Schlafzimmer, legte das Bild auf den Spiegeltisch und trat wieder in die Werkstätte.
Als er zum Essen kam, bemerkte er einen harten Zug um den Mund seiner Frau, und daß Swaantjes Gesicht vor Kälte starrte. Er aß fast nichts und sprach kein Wort, antwortete kaum, wenn er angeredet wurde, und horchte noch nicht einmal auf das Geplauder der Kinder. Als Swaantje das Zimmer verlassen hatte, fragte er: »Gehen wir aus?« Seine Frau schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Zeit.« Er sah aus dem Fenster, sprach längere Zeit nichts, und dann warf er über die Schulter hin: »Na, dann will ich mit Swaantje nach dem Billerloh.« Seine Frau legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn bittend an: »Du, Helmold, sei nicht böse, aber du mußt das verstehen: Swaantje hat mich gebeten, sie nicht mit dir allein zu lassen; ihr ist das peinlich.« Er sah sie mit gleichgültigen Augen an: »So? schön; ich werde der Dame weitere Peinlichkeiten ersparen.« Damit ging er aus dem Zimmer und verließ gleich darauf das Haus.
Er kam nicht zum Vesper, er kam nicht zum Abendessen. Grete und Swaantje saßen bis zwei Uhr auf, aber er kam nicht. Es war fünf Uhr, da hörte Grete die Haustüre gehen. Sie horchte und vernahm, daß ihr Mann in die Werkstatt ging, und als sie an das Fenster trat, sah sie, daß er Licht gemacht hatte, und daß sein Schatten auf und ab ging.
Um acht Uhr morgens ging sie zu ihm, um ihn zu fragen, ob er nicht frühstücken wolle; aber die Türe war verschlossen. Er erschien auch zum Mittag nicht, obgleich Sweenechien, die zu ihm geschickt war, lange an der Tür rappelte und in einem fort bettelte: »Väterchen, essen kommen!« Zum Vesper aber kam er, aß jedoch fast nichts, tat so, als wäre nicht das Geringste vorgefallen, hatte aber flackrige Augen und ein welkes Gesicht. Er behandelte Swaantje höflich, doch wie einen Menschen, an dem ihm nicht ein bißchen gelegen war, und drehte seiner Frau mit liebenswürdiger Härte jedes Wort im Munde herum, bis sie aufstand und hinausging.