»Lieber Helmold,« bat Swaantje, »sei doch nicht so zu Grete!« Er sah kalt an ihr vorbei, ging in sein Zimmer, zog sich um, verließ das Haus und kam erst am anderen Morgen wieder, ganz fahl im Gesicht und mit breiten Schatten unter den Augen, setzte sich an den Tisch, aß wieder fast nichts und sprach kein Wort, bis seine Frau an zu weinen fing. Da stand er auf und ging in die Werkstatt.

Swaantje ging ihm nach. »Helmold,« bat sie und faßte seine Hand. Er sah sie kühl an und deutete auf einen Sessel; müde sank sie hinein. »Tut mir leid, Swaantje, daß du gekommen bist, sehr leid, deiner Nerven wegen. Aber schließlich: mir geht es ja nicht besser.« Er sah sie feindlich an: »Die arme Grete, nicht wahr? Und der böse Mann, nicht wahr? Die gute Frau hat ihrem lieben Mann die Augen geöffnet, und nun ist sie böse, daß er sehend geworden ist. Solche bodenlose Gemeinheit von dem Kerl! So ist nämlich die weibliche Logik. Erst heißt es: Mach, was du willst! dann: wir drei! und schreit dann so ein dämliches Männerherz vor Glück auf, dann tritt man mit dem Absatze darauf und ist noch peinlich,« er sprach das Wort gallenbitter aus, »peinlich berührt, quietscht es.«

Er sah das Mädchen spöttisch lächelnd an: »Fräulein Swaantje Swantenius ist es peinlich, mit ansehen zu müssen, wenn ein Mann sich zu ihren Füßen in Todeskrämpfen windet, denn sie hat die höhere Töchterschule besucht und ist in dem vornehmsten Pensionat der Residenz verbildet worden. Sie würde ja gern alles für ihn tun, nur das eine nicht, denn sie ist eben Dame. Und so läßt sie ihn sich totquälen, obgleich sie ihn liebt.«

Swaantje sah an ihm vorbei, als sie mit blasser Stimme antwortete: »Ich habe dir doch nichts gesagt!« Er zwang sie, ihn anzusehen und sagte in ruhiger Weise: »Danke, das genügt mir! Menschenskind,« fuhr er dann fort, und seine Stimme zitterte, »sollen wir denn alle dreie zugrunde gehen? Ich kann ohne dich nicht leben und du ohne mich auch nicht, und wärest du nicht so charakterlos charakterfest, so würdest du zu mir kommen und sagen: ›Da!‹ Denn, das mußt du wissen, erbetteln will ich mir nichts von dir, und überrumpeln will ich dich auch nicht, denn ich bin nicht in dich verliebt, ich liebe dich eben nur, und ich will, daß du dich mir aus vollem Herzen schenkst.«

»Swaantje,« bat er und trat auf sie zu, ihre Hand fassend, »sieh doch: du weißt, wer ich bin, daß ich meinem Volke etwas sein werde. Meinst du, es wäre so sehr schlecht, hülfest du mir dabei? Ich will ja nichts,« und dabei brach seine Stimme, und die Tränen kamen ihm in die Augen, »als ein ganz klein bißchen Hoffnung, weiter nichts. Und bedenke: Grete und ich sind geschieden; nur du kannst uns wieder verbinden. Ihr seid für mich eins: seid das Weib. Bist du nicht mein, kann ich Grete nicht mehr in Liebe ansehen. Glaube mir, ich handele nicht leichtsinnig; ginge es nicht auf Tod und Leben, ich hätte dich nicht in eine so schwierige Lage gebracht. Und du mußt daran denken, daß Grete alle, aber auch alle Schuld hat. Jetzt heißt es: ›Ja, ich konnte doch nicht denken, daß du das ernst nähmest!‹ Es ist schrecklich: da stößt einen die Frau mitten in das helle Feuer, und kriegt man Brandblasen, dann ist sie empört.«

Mit düsteren Augen sah er aus dem Fenster, in das die Morgensonne hineinlachte. »Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr; ich kann bloß noch malen und rauchen. Ich werde noch nicht einmal mehr betrunken. Noch eine solche Woche, und in mir zerreißt etwas. Ich bin ein ganz armer alter, kalter, toter Mann geworden, der um ein Bröckchen Hoffnung bettelt, und die beiden Frauen, die da vorgeben, sie lieben mich, schlagen mir die Tür vor der Nase zu.« Er lachte trocken auf und sang den Endreim des sozialdemokratischen Liedes: »Denn ich bin Mitglied von dem Verein gegen Verarmung und Hausbettelei.«

Swaantje schüttelte sich. »Frierst du, liebe Kusine?« fragte er. »Da steht Kognak! Mir hilft er nicht mehr gegen die Gänsehautbildung auf dem Herzen. Vorige Nacht habe ich acht Kognaks, drei Grogs und unglaublich viel Sekt getrunken und bin doch nicht warm geworden, trotz der beiden zwar etwas leichten, aber bildhübschen und sehr lustigen Mädel, die rechts und links bei mir saßen und sich wie barmherzige Schwestern gegen mich benahmen. Die eine heulte sogar und sagte: ›Was fehlt Ihnen eigentlich? Ich möchte Ihnen so gern helfen!‹ Ja, eine Dame war das nicht, aber ein Weib, und darum tat ich ihr leid, und es war doch nicht viel mehr als ein Allermannsliebchen.«

Er rückte sich eine Staffelei zurecht und malte; barsch ging der breite Pinsel über die Leinwand. Dann lachte er: »Malen kann ich noch, sehr gut sogar; aber es langweilt mich. Hast du das Bild gefunden?« Swaantje nickte, sah aber nicht auf, als sie sagte: »Ja, und du wirst verstanden haben, warum ich dir nicht danken konnte.« Er lächelte freundlich und nickte: »Ja, so dumm ist er nicht. Hätte Fräulein Swantenius sich bedankt, so hätte sie Herrn Hagenrieder notwendigerweise in den Arm nehmen müssen, und das schickt sich doch nicht. Und so hat man sich den Dank erspart, an dem mir übrigens den Kuckuck etwas liegt.«

Das Mädchen seufzte schwer auf. Er schüttelte den Kopf: »Helmold Hagenrieder wird weiter malen; Swaantje Swantenius wird weiter als zweckloser Mensch dahinleben und langsam eine alte Jungfer werden, die nur etwas voll und ganz durchgelebt hat, nämlich ein Leben, das keins war. Und wenn sie alt und grau ist, dann wird sie doch einmal nachts in ihrem Bette weinen und wimmern: ›Ich habe es verpaßt!‹ Oder wie denkst du dir dein Leben?« Das Mädchen nickte: »Genau so!« Er sah sie herrisch an: »Und du glaubst, das werde ich dulden? Glaubst du, ich bin ein dummer Junge, der nach einem Küßchen gibbert? Ich will dich ganz haben, und du wirst dich mir ganz geben, und freiwillig wirst du das tun; denn obzwar du Dame bist, so bist du nebenbei doch noch etwas Mensch und ein wenig Weib geblieben und viel zu gebildet, um nicht einsehen zu müssen, daß Sitte und Gesetz Papier sind, und daß Not kein Gebot kennt. Ich will nicht in dich dringen, aber ich bitte dich, Swaantje: gib mir ein wenig Hoffnung, ein ganz klein wenig, nur so viel, daß ich mein Leben eben damit friste.«

Er ging zu ihr hin und faßte ihre Hände. »Willst du das?« Sie sah an ihm vorbei und schüttelte leise den Kopf. »Kind,« flüsterte er, »ich brauchte dich ja nur umzufassen und zu küssen, denn ich sehe durch dich hindurch wie durch Glas. Aber ich will das eben nicht, denn ich liebe dich. Also du gibst mir keine, aber auch gar keine Hoffnung?« Abermals schüttelte sie den Kopf. »Na, dann vereinfacht sich der Fall, und die Sache liegt so: dann stehe ich hier ganz allein, Grete und die Kinder da, und du dort. Denn von dem Augenblicke an, daß ich weiß, ich habe keine Hoffnung mehr, habe ich keine Verwendung mehr für das, was man Herz nennt. Also reden wir von etwas anderem.«