Er pfiff leise vor sich hin und malte weiter. »Weißt du, Swaantje,« fing er dann an, »was ich glaube? Du hast eigentlich recht! Im Grunde passen Männer und Frauen überhaupt nur so zueinander wie die Nuß und die Hülle. In der Jugend halten sie zusammen; sind sie reif, dann verlieren sie den Zusammenhang, weil jeder sich auf sich selbst besinnt. Wenn Stahl und Stein zusammenkommen, gibt es rote Liebesfunken; aber Stahl bleibt Stahl und Stein Stein; höchstens splittert der eine etwas ab, und der andere kriegt Kratzen. Zu was also das ganze Gehampel? Ich bin ein Mann von über vierzig, du gehst auf die dreißig; die schönste, dümmste Zeit liegt hinter uns. Darum tun wir gut, vernünftig zu sein. Der eine stickt sich ins Grab, der andere malt sich hinein, derweilen das junge Blut sich liebt und küßt und Wonne und Weh leidet. Ein Segen, daß wir beide klüger sind. Nicht, Swaantje?«

Das Mädchen sah ihn hülflos an; ihr Gesicht war blaß und mager. Er ging zu ihr und streichelte ihr die Backen. »Arme Kleine! So quälen wir uns beide, aus Feigheit, aus Rücksicht, aus Mangel an Naivheit. Bald ist es Winter. Anstatt daß wir uns der letzten Blumen freuen, gehen wir daran vorüber. Nachher tut uns das leid.« Er steckte sich eine Zigarre an. »Na, vielleicht komme ich doch noch darüber hinweg, obgleich ich das nicht hoffen will, denn dann danke ich bestens für mich.« Swaantje sah ihn ernst an. »Helmold, du hast doch noch immer deine Kunst!« Er lachte lustig: »Ich pfeife darauf! Kunst, weißt du, was das ist? Ungelebtes Leben! Sieh dir die Griechen an; nie hat ein unglücklicheres Volk gelebt. Sie waren sehr unglücklich; sonst hätten sie es nicht in der Kunst so weit gebracht. Die Römer hatten keine Kunst, die lebten ein lebendiges Leben. Die Kunst ist wie ein Spiegel; vorne Farbe und Leben, hinten Pappe.«

Er ging an den Bücherschrank, nahm den Angelus Silesius heraus, schlug ihn auf, reichte ihn Swaantje und sagte: »Lies die grün angestrichene Stelle.« Das Mädchen las und bekam ganz enge Lippen, denn da stand: »Die Braut verdient sich mehr mit einem Kuß um Gott, denn alle Mietlinge mit Arbeit bis in den Tod.« Er nickte ihr spöttisch lächelnd zu: »Ja, der frumbe Mann wußte Bescheid; die Liebe ist alles, das andere ist nichts. Aber: wie du willst! Mögest du nie wissen, was Reue ist! Ich weiß es. Als ich ein junger Kerl war, gab ich unserem netten Dienstmädel mal einen Kuß, rein aus Übermut. Als ich zu Bette ging, machte sie leise ihre Kammertüre auf und flüsterte: ›Gute Nacht, Herr Hagenrieder.‹ Ich wollte aber keinen Unfug machen und nickte ihr nur zu. Am anderen Tage fuhr ich nach München. Die Augen, die das Mädchen mir machte, als ich an ihr vorbei aus dem Hause ging, vergesse ich mein Leben nicht, und wenn ich einmal in die Hölle komme, so ist es wegen einer Unterlassungssünde.«

Seine Frau kam herein. Mit scheinbarer Unbefangenheit schlug sie für den Nachmittag einen gemeinsamen Spaziergang vor. Helmold nickte. »Mir ist alles gleich,« sagte er. Aber im Walde wuchs seine Übellaune von Minute zu Minute; die schlaflosen Nächte wirkten nach. So wurde es ein ungemütlicher Spaziergang. Mit zersetzender Geistreichigkeit machte er sich über die Natur, das Wetter, die Menschen und die ganze Welt lustig, und quirlte auf dem Heimwege Ernst und Hohn so durcheinander, daß seine Frau und Swaantje die kalte Angst in das Genick faßte.

»Weißt du, liebe Grete,« meinte er, »du müßtest eigentlich Romane schreiben, denn du hast ein bedeutendes Erfindertalent. Sieh mal, dieser hier, in dem wir drei die Hauptpersonen sind, ist doch einfach eine glänzende Leistung. Sag' mal, wie hast du dir den Schluß gedacht? Blumenthal-Schönthansch oder Shakespeare-Sophokleïsch? Hm? Denn du hast doch ein Ziel gehabt, als du das erste Kapitel anfingst?«

»Wißt ihr was, Kinder,« und er nahm in den einen Arm Grete und in den anderen Swaantje, »wir wollen uns hinsetzen und jeder einen Schluß schreiben, oder habt ihr zwei beiden schon einen fertig? So scheint mir das wenigstens. Ich bin in der Beziehung etwas unbegabt. Bin überhaupt ein dummes Luder, das alles ernst nimmt, was seine Frau im Scherz sagt. Vor sieben Jahren sagte sie: ›Die Hauptsache ist, Helmold, daß wir beide immer gute Freunde bleiben.‹ Heute weiß sie nichts mehr davon, denn die Hauptwaffe der Frauen ist das abstellbare Gedächtnis.«

»Übrigens: wie famos die Schatten da sind! Genau so wie die, die deine Worte über mein Herz warfen; das sieht wie ein rotes Zebra aus. Ihr könnt es später auf den Jahrmärkten sehen lassen. Und das da ist die Venus, der sogenannte Liebesstern. Sie zittert; ihr ist kalt. Mir auch. Ach, Kinder, ist das ein schöner Abend! Sieh, da ist ja auch der Mond. Na, Kerl, was sagst du nun? Jetzt habe ich die beiden Frauen, die laute und die leise; es fehlt nur noch der Schimmel und die Wölfe, die sich um Männerköpfe beißen. Kerl, es ist alles Schwindel, alles; ich habe überhaupt keine Frau, nur eine Frau Gemahlin, geborene Möllering.« Er pfiff sein frechstes Lied.

Zum Abendessen kam Hennecke; Grete hatte ihn herbeigebeten und ihm gesagt, wie es um Helmold stand. Beim Essen wurde von der Sache nicht gesprochen. Hinterher sprach er erst mit Helmold und versuchte, ihn umzustimmen; das gelang ihm nicht. Dann ging er zu Grete. Swaantje kam in das Zimmer. Nach einem langen Schweigen fragte sie ihren Vetter: »Weiß er es?« Er nickte: »Ja, von Grete, von mir nicht.« Das Mädchen fragte weiter: »Was denkt er von mir?« Sie zuckte zusammen, denn ein Blick wie ein Messer streifte sie. Und abermals zuckte sie zusammen, als Helmold antwortete: »Das denkbar Schlechteste,« und zum dritten Male, als er fortfuhr: »nämlich, daß du dich völlig als Dame benommen hast!«

Er ging im Zimmer auf und ab: »Ich bin mit ihm fertig, denn er hat dich in meinen Augen herabgesetzt. Er sagte: ›Sie ist ein Weib, also auch nicht wert, daß man ihretwegen auch nur ein einziges Haar grau werden läßt.‹ Er denkt nicht besonders von euch. Als ich ihm Gretes Verhalten darstellte, lachte er und sagte: ›Darüber wunderst du dich? Nimmst du denn Frauen ernst? Mein Lieber, du bist über vierzig! Freu' dich, daß es Kinder sind und bleiben, die nicht aus Gemeinheit unwahr sind sondern aus Instinkt.‹ Na ja, die Mädchen, mit denen er verkehrt, mögen so sein. Ich denke besser von Grete und von dir, oder dachte so, und deshalb bin ich so elend geworden.«