Er ging auf das Mädchen zu, gleich als wollte er sie anfassen; sie sprang auf und stellte sich hinter den Sessel. Er schüttelte belustigt den Kopf: »Habe keine Angst; ich will dich nicht mehr. Das eine Wort: ›es ist mir peinlich‹ hat mir gezeigt, wer du bist. Und wenn wir beide eine Woche allein wären, und du trügest jeden Tag das weiße Kleid, ich würde stets die Dame in dir achten, die Dame, die umfällt, wenn ihr eine Maus über den Weg läuft, und die den einzigen Mann, der das Weib in ihr sah, und den sie zum Sterben liebt, aus ganz gemeiner Feigheit umkommen läßt. Ich will dir etwas zum Andenken schenken.« Er ging in das Atelier und kam mit einem gerahmten Pastellbildchen wieder. Es stellte einen Sarg dar, der auf zwei Stühlen mitten in einer Wiese stand; in dem Sarge lag Helmold Hagenrieder, wie er nun war, und sah spöttisch auf Helmold Hagenrieder hinab, wie er einst war.
Swaantje legte das Bild entsetzt fort und sah verstohlen ihren Vetter an. Sie fand, daß seine Schläfen ganz grau waren, und daß er Altemannsfalten über dem Munde und neben den Augen hatte. Sie stand auf und ging auf ihn zu, aber da kam Hennecke mit Grete.
Um Mitternacht gingen Grete und Swaantje zu Bett; Helmold und Hennig saßen noch lange auf. Hennecke versuchte in seiner ruhigen Art dem Freunde aus dem Gestrüpp herauszuhelfen. Helmold hörte geduldig zu, aber dann sagte er: »Du hast vollkommen recht, und Grete hat recht, und Swaantje hat recht. Hier handelt es sich aber nicht darum, sondern darum: soll ich leben oder sterben? Ich glaube übrigens, es ist für das eine schon zu spät; denn ich bin bereits tot!«
Er sah Hennig mit harten Augen an: »Sage mal, Grete sagte vorhin, du hättest gesagt: ›Wenn ich eine Schwester hätte, und ein verheirateter Mann näherte sich ihr in der Weise, wie es hier vorliegt, den schösse ich tot.‹ Ist das wahr? Hast du das gesagt?« Hennecke bekam einen schmalen Mund: »Muß ich antworten?« Der andere nickte, ihn starr ansehend, und Hennig antwortete: »Nein, das hat deine Frau gesagt, nicht ich; das konntest du dir doch wohl gleich denken.« Helmold holte schwer Luft: »Um dir zu beweisen, was aus mir geworden ist; als Grete mir das sagte, antwortete ich ihr: ›Hat er das gesagt, dann kenne ich ihn nicht mehr.‹ Wer nur im geringsten gegen mich ist, ist mein Feind. Pfui, wie kann eine Frau so handeln!« Hennecke zuckte die Achseln: »Was soll sie machen? Sie ist eine Frau! Sie hat andere Ehrbegriffe, sie kennt nur eine Moral: ihren und der Ihren Vorteil. Du hast deiner Frau viel zu danken und darfst ihr die Unbesonnenheit, die doch lediglich ein Ausfluß ihrer arglosen Natur ist, nicht übelnehmen.«
Das hatte sich Helmold schon viele hundert Male selbst gepredigt; darum sah er seine Frau am anderen Morgen doch böse an, als sie sagte: »Swaantje fährt heute; sie leidet zu sehr.« Er sagte erst nichts, aber dann trat er auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Grete,« bat er, und seine Stimme war wie eine Nacht ohne Mond und Sterne, »sei doch nicht so hart! Sieh mal, ich sterbe daran. Ich kann doch nichts dazu. Du sagst, du liebst mich; beweise es mir!« Seine Frau machte sich von ihm los; ihre Stimme klang spitz, als sie antwortete: »Was soll ich denn tun? Wenn es irgend jemand anders wäre; aber meine eigene Kusine?« Er sah sie starr an. »Erinnerst du dich, was du mir sagtest, als ich von Swaanhof zurückkam?« Sie zuckte die Achseln: »Was sollte ich machen? Du warest krank, und ich dachte ja auch, daß deine Liebe zu Swaantje lediglich Mitleid sei. Ich habe nicht geahnt, daß du derartige Absichten hattest!«
Da polterte er los. Er legte sich so wenig Zwang auf, daß Swaantje entsetzt hereingestürzt kam. Aber auch da bremste er sich nicht, sondern schüttelte alle die Angst und die Wut und allen Kummer und Grimm vor den beiden Frauen aus. Als er herauszischte: »So höre denn: ich liebe dich nicht nur nicht mehr, ich hasse dich. Du hast mich von oben bis unten belogen, hast kein Mittel gescheut, um mich zu zerbrechen, hast sogar meinen einzigen Freund gegen mich auszuspielen versucht. Ich bin fertig mit dir!« und seine Frau den Hieb damit zurückgab, daß sie ihm eine Scheidung vorschlug, da lachte er und sagte: »Schön! Doch gehst du, so sieh zu, wie du leben willst. Mir ist es recht, aber ich kümmere mich dann in keiner Weise weiter um dich, und die Kinder bleiben bei mir. Oder sie können wählen, denn mir liegt jetzt an nichts mehr etwas, und sie ähneln ja auch dir mehr als mir. Sobald du den ersten Schritt tust, verkaufe ich alles, was mir gehört, und gehe irgendwohin, wo nicht Weiberköpfe, sondern Männerfäuste herrschen; denn dieses ganze verfluchte Land mit seinem verbildeten Gesindel ist mir ekelhaft.«
Grete, die ganz weiß aussah, bekam einen roten Kopf, und ihre Augen funkelten, als sie rief: »Ich denke, du willst dir Swaantjes Liebe erringen; meinst du, daß dieses der Weg dazu ist?« Er lächelte freundlich: »Nein, denn ihre Liebe habe ich. Mir liegt übrigens nichts mehr daran. Jetzt kannst du sie mir schenken, und ich nehme sie nicht. Außerdem ist das meine ureigenste Angelegenheit, ob ich Swaantje liebe oder nicht, und geht weder dich noch sie etwas an. Überhaupt liebe ich sie nicht mehr; ich liebe das Gespenst meiner Liebe zu ihr. Ich kann keine Menschen mehr lieben, denn ich bin tot. Mein Herz ist nicht mehr da; ich habe eine Fiedel daraus gemacht und spiele jede Farbe darauf, die es gibt. Ich bin Künstler geworden; aber ein Mensch bin ich nicht mehr. Das habe ich euch zu verdanken, dir, liebe Grete, und dir, Swaantje; ich danke euch herzinnig dafür.« Er küßte beiden die Hand und ging in die Werkstatt.
Ruhig und besonnen arbeitete er an seinem neuesten Bildnisse weiter. Da fielen seine Blicke auf die Saharabilder, und auf Wodes Zorn. Er stutzte, rückte die Bilder zurecht, trat zurück, und dann nahm er den breitesten Pinsel, tauchte ihn in einen Farbentopf und strich mit festen Zügen die Bilder aus.
Als er fast damit fertig war, trat Swaantje ein. Er ließ sich nicht stören und erst, als sie trocken aufschluchzte, sagte er: »Nun sag' bloß noch: ›Die schönen Bilder!‹, und dann müßte Grete noch sagen: ›Das schöne Geld!‹, und dann hätte ich einen Grund, einmal wieder von Herzen zu lachen.« Aber als er das Mädchen genau ansah, sprang er zu, geleitete sie zu dem Sessel und rückte einen anderen daneben, in den er sich setzte. Er faßte ihre Hand: »Ich weiß, ich weiß, Kind, in welcher schweren Herzensnot du dich befindest, und wie sehr du darunter leidest, und daß Grete so unglücklich ist. Aber bedenkt ihr denn nicht, daß ich mehr bin als ein beliebiger Herr Soundso? und daß ihr, helft ihr mir, einem Manne das Leben neu schenkt, der dazu berufen ist, seinem Volke große Werte zu schaffen? Wiegt das nicht die ernstesten Bedenken auf? Und ich will ja so wenig, will weiter nichts, als ein bißchen Hoffnung, mit offenen ehrlichen Händen gegeben. Und darum bitte ich dich: gib mir einen Kuß, einen einzigen, einzigen Kuß; ich will dir alles dafür geben, was ich habe: meine ganze Vergangenheit und alle meine Zukunft.«
Bittend sah er das Mädchen an; aber als sie schwieg und an ihm vorbeisah, stand er auf. »Swaantje,« rief er, »du weißt, meine besten Bilder habe ich behalten. Ich schenke sie dir. Mache damit, was du willst! Gib sie irgendeinem Schuster; er darf auch sein Zeichen darunter setzen. Aber gib mir einen Kuß, oder laß dich von mir küssen! Nur ein einziges Mal, sonst geht es so nicht mehr weiter. Neulich, in der Bar, habe ich Heulkrämpfe gekriegt, daß alle die leichten Mädels und sämtliche schwergeladenen Gäste es mit der Angst bekamen. Ich bin fertig. Ich heule jede dritte Nacht mein Kissen naß. Grete merkt das nicht; aber sieh dir einmal die Augen an, mit denen unsere Luise mir nachsieht. Das Mädchen ist verlobt, und sie hat ihren Schatz gern. Aber, wenn ich winke, kommt sie; aus mütterlichem Mitleid. Alle Frauen und Mädchen sehen mich an, als wollten sie mich in den Arm nehmen, so dauere ich sie. Und ich komme mir vor, wie ein ganz kleines Kind, das liebgehabt werden will, weil es hungert und friert. Was habe ich früher die Leute beneidet, die sorglos leben konnten und die, die sich mit Lob wuschen und in Ruhm badeten. Jetzt bin ich so gut wie berühmt, was ich male, ist Gold wert; ich beherrsche die Technik autokratisch. Aber ich bin ärmer als damals in München, als ich mit der Miezi in einer Bodenkammer lebte und froh war, wenn ich Brot und Wurst hatte. Meine Haare sind grau geworden, meine Augen sind kalt, und mein Herz vereist langsam. Meine eigene Frau stieß mich in den Tod, und du stehst dabei und siehst zu. Hätte ich nicht diesen Indianerkörper, ich wäre längst auch leiblich tot.«