Er trat dicht vor das Mädchen hin und sah sie lange an; sie blickte an ihm vorbei. »Du leidest ebensoviel wie ich, Swaantje,« begann er endlich wieder; »vielleicht noch mehr, denn du hast Angst zu sprechen, und du wagst nicht mich anzusehen. Ich will dich auch nicht weiter quälen, denn du tust mir sehr leid, und ich liebe dich mehr als je zuvor. Was ich vorhin sagte, war nichts als Wut. Ich werde dich immer lieben, so oder so, auch wenn ich tot bin.« Sie zuckte zusammen. »Habe keine Angst, ich töte mich nicht. Es hätte gar keinen Zweck mehr; denn ich bin schon tot. Tote darf man küssen, Swaantje, darf man auf Nimmerwiedersehen küssen, denn sie küssen nicht wieder. So gib mir denn den einen Kuß.« Er beugte sich zu ihr, faßte sie um Kinn und Nacken und näherte seinen Mund ihren Lippen. Aber je näher er ihr kam, um so mehr versteckten sich ihre Lippen, um so starrer sah sie gegen die Wand, um so krampfhafter hielt sie den Atem an, und so streifte er mit den Lippen eben ihre Stirne, ließ sie los und ging aus der Werkstatt.
Beim Mittag war er sehr ruhig, sprach auch ganz freundlich mit seiner Frau und scherzte mit den Kindern. Als Swaantje reisefertig war, fragte er: »Darf ich dir einmal schreiben?« Sie schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. Dann sagte er ganz geschäftsmäßig: »Dein Bild schicke ich dir, wenn es fertig ist. Die weiße Haide muß heraus; sie drückt zu sehr auf dein Gesicht. Überhaupt habe ich in der letzten Zeit viel Quatsch gemalt; ich hatte ja auch meist Fieber. Ich werde jetzt nach Stillenliebe fahren; vielleicht hilft mir die Jagd. Und nun, liebe Swaantje, verzeihe mir alles, was ich dir antat. Ich bin krank, sehr krank. Und ich will mir Mühe geben, daß hier wieder alles so wird wie früher. Lebe wohl; der Wagen ist da!« Er reichte ihr die Hand hin; sie legte die ihre lose hinein, ohne ihn anzusehen, und ging die Treppe hinab, wo Grete sie erwartete.
Beide stiegen ein, ohne sich umzublicken. Er sah dem Wagen so lange nach, bis er um die Ecke verschwand; dann ging er in die Werkstatt, und Gift und Galle, seine beiden Teckel, folgten ihm mit gesenkten Ohren und hängenden Ruten.
Der Platzhirsch
Am anderen Morgen fuhr er nach Stillenliebe; neben ihm auf der Bank lagen Gift und Galle, seine Hunde, und Gift und Galle waren auch in ihm.
Er hatte, unterdes Grete und Swaantje zur Bahn fuhren und er in der Werkstatt mit Sweenechien Bilder besah, die Ereignisse der letzten Zeit überdacht und einen dicken Strich unter sich und Swaantje gezogen. »Das muß ein Ende haben,« sagte er sich und nahm sich vor, recht nett zu seiner Frau zu sein.
So nahm er sie in den Arm, als sie zurückkam, küßte sie und sagte: »Ich will morgen nach Stillenliebe; sonst wird der Prinz öde. Hör' mal, er schreibt: Die Hirsche schreien, wenn auch nicht, wie es fälschlich in der Bibel heißt, nach frischem Wasser, sondern nach passender Damenbekanntschaft, aber auch nach dir, vorzüglich der Schadhirsch vom Schandenholz, der schon letzten Herbst sterben sollte. Jetzt ist er aber reif; er hat einen braven Zwölfender zu Tode geforkelt. Also!«
Helmold hatte gelacht, als er seiner Frau den Brief vorlas. »Dem will ich es besorgen, Grete! Er steht in der unzugänglichsten Ecke, und deswegen hat ihn mir der Prinz so lange eingemottet, denn er weiß, bei mir heißt es: je leichter, desto langweiliger! Das ist ein Hirsch, den man nur auf den Ruf schießen kann, denn er tritt niemals bei Büchsenlicht aus der Dickung. Na, dann machen wir es eben, wie Mohammed mit dem Berge! Es ist ein ganz alter Bursche, der aber nur ein Gabelgeweih trägt und deswegen jahrelang als Schneider durchgegangen ist, und keiner ahnte, daß er der Mordhirsch war. Und wir sind gute Bekannte; vor zwei Jahren schrie ich ihn mir bis vor die Stiefelspitzen; aber ehe ich den Finger krumm machen konnte, bekam er Wind. Dieses Mal aber soll er daran glauben, oder ich will die Kunst nicht verstehen.«