Er legte die Hände vor den Mund und machte eine Brunft im vollen Gange nach, vom Mahnen des Kälbertiers bis zum Orgeln des Platzhirsches, so daß Luise, die frisches Trinkwasser brachte, entsetzt aufschrie und die Flasche fallen ließ. »Ich kann's noch,« lachte Helmold; »Demonstratio ad Luisam! Morgen früh ziehe ich zu Holze; ich habe nun doch ein bißchen zu viel Farben verblutet seit vorigem Herbste, und mein Vorrat von Arbeitslust ist alle. Und das ist ein Zeichen, daß die roten Blutkörperchen bei mir sparsam werden.«
Als er so prahlte, bekam Grete ihre lichte Laune wieder. Sie holte den kornblumenblauen Samtkasten hervor und kramte die Mohnblumenkarten aus. »Bekomme ich dieses Mal wieder welche?« fragte sie, indem sie sich auf die Sessellehne setzte und ihm das Haar kraulte. Sein Herz beschattete sich; er dachte an die Mohnblumenkränze, die sie ihm über das Bett gehängt hatte. Aus Seidenpapier waren sie gewesen. Er machte seinen Kopf los und sagte kühl: »Gewiß, wenn dir an papiernen Blumen so viel gelegen ist.« Sie stand auf, und als er ihr Gesicht im Spiegel sah, bemerkte er, daß ihre Augen hart und ihre Lippen unbarmherzig aussahen; alle die guten Vorsätze, die er am Nachmittage gefaßt hatte, fielen zu Boden und zerbrachen.
»Bitte, sage dem Mädchen, sie solle mir einen Wagen zum Siebenuhrzuge bestellen und dieses Telegramm besorgen, und jetzt will ich packen. Zwei Wochen bleibe ich mindestens fort,« sagte er trocken und ging in die Werkstatt. Dort blieb er bis Mitternacht und ging schlafen, ohne seiner Frau den Gutenachtkuß zu bringen. Über Nacht knabberten viele graue Gedanken an seiner Seele; drei Uhr wurde es, ehe er einschlief, und als er am anderen Morgen in das Zimmer seiner Frau ging, stand das harte Gesicht, das ihm am Abend der Spiegel gezeigt hatte, zwischen ihm und ihr, so daß er mit einem losen Händedruck Abschied nahm.
Es war ein frischer, sonniger Herbsttag, und die Landschaft sah lustig aus. Sonst hatte er sie während der Fahrt immer liebkost; nun behandelte er sie schlecht; sie langweilte ihn. »Schwindel!« dachte er, als er sah, daß hier und da einzelne Büsche sich in schreiende Farben gehüllt hatten; »Plunder, nicht echt!« Selbst seine guten Freunde die Kiefernwälder und Haidberge zerfetzte er mit höhnischen Blicken, und als er die gewaltigen Schirmkiefern neben der alten Hammerschmiede sah, sonst sein Entzücken, lächelte er verächtlich.
Auf einer Haltestelle stieg ein hübsches Bauermädchen ein, das ihn mit ungescheutem Verlangen ansah, denn keine Kleidung stand ihm so gut wie der verschossene Lodenanzug. Erst achtete er wenig auf sie, dann aber dachte er: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück' ich mir das Röselein,« und da das Mädchen gegen die Sonne sehen mußte, machte er ihr neben sich Platz und sagte: »Komm hier sitzen, Mädchen, denn so hast du die Sonne nicht im Gesicht.« Sie wurde vor Verlegenheit ganz rot, setzte sich aber sofort zu ihm. Er dachte daran, daß er sich über Nacht gelobt hatte, sich fortan so viel Zucker in den Kaffee zu werfen, wie er kriegen konnte, denn ihm war eine der blödsinnig klingenden Weisheiten Henneckes eingefallen. Als sie eines Abends durch den Wald gingen, hatte Hennig ärgerlich brummend den Kopf geschüttelt, und als er ihn fragte, was ihm fehle, geantwortet: »Ich habe verdammt vergessen, mir heute morgen Zucker in den Kaffee zu schmeißen, und das kann ich mein Leben lang nicht wieder einholen.«
Er sah das Mädchen genau an; sie strotzte vor Kraft und Frische und wurde jedesmal rot, wenn er sie anblickte. Er schlug sie auf die Lende: »Wo soll die Reise hin, Lüttje?« Sie wurde rot: »Nach Ohlenwohle!« Er sagte ganz trocken: »Hast du aber Dusel! Dann fährst du ja anderthalb Stunden mit mir zusammen!« Nun mußte sie lachen, und sie litt es, daß er den Arm hinter ihren Rücken schob, und als er fragte: »Hast du auch keine Bange vor mir?« schüttelte sie lustig den Kopf. »Ich bin aber ein ganz gefährlicher Kerl,« flüsterte er und zog sie an sich; »glatte Mädchen mag ich zum Fressen gern. Paß mal auf, jetzt geht's los!« Er drückte sie und küßte sie.
Die Hunde hoben erstaunt die Köpfe; er warf den Jagdmantel über sie: »Das ist nichts für kleine Kinder,« sagte er, und zog das Mädchen auf den Schoß. »Magst mich leiden?« Sie nickte und sah ihn verliebt an. Sie blieben anderthalb Stunden allein, denn auf der nächsten Haltestelle steckte Helmold dem Schaffner einen Taler in die Hand. Als der Zug dicht vor Ohlenwohle war, sagte das Mädchen: »H' ach Junge! Na, wenn das unsere Mutter wüßte! Und nicht wahr, du besuchst mich mal?« Er küßte sie und sagte: »Ich wäre schön dumm, wenn ich das nicht täte. Auf Wiedersehn, und schönen Dank auch, Mariee!«
Als er in Stillenliebe ausstieg, hatte er wieder einen frischen Mund und fröhliche Augen. Der Prinz erwartete ihn mit dem Jagdwagen. Er gab ihm die Hand und meinte: »Du wohnst am besten im Blauen Himmel, von da hast du eine knappe Stunde bis zum Schandenholz; vom Jagdhause sind es anderthalb. Die Zimmer habe ich schon belegt, das heißt von morgen ab, denn heute mußt du mit zum Jagdhause. Der Wind ist für das Schandenholz nicht gut, und außerdem will ich dich einmal wieder für mich haben. Ist dir doch recht?«
Frau Sophiee Pohlmann, die Wirtin des Blauen Himmels, stand in der Türe des Kruges, als der Wagen vorfuhr; die junge Witwe sah in dem blauen Waschkleide mit der weißen Latzschürze zum Anbeißen aus. Sie lachte über das ganze Gesicht, als sie den Maler sah. »Das ist aber schön, daß Sie sich einmal wieder sehen lassen, Herr Hagenrieder!« rief sie, vor Freude errötend, als er ihr die Hand schüttelte; »ein ganzes Jahr sind Sie nicht hier gewesen. Ich dachte schon, Sie wollten uns untreu werden.« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht, als er sagte, er bliebe den Tag im Jagdhause.
Als er am anderen Mittag mit dem Prinzen in der Wirtschaft vorfuhr, lachte sie aber schon wieder. Sie ging ihm nachher in sein Zimmer nach und fragte: »Ist auch alles so richtig?« Er machte die Türe zu und sagte: »Jetzt ja!« und damit faßte er die Frau um und küßte sie. Sie stemmte ihre Hände gegen seine Schultern: »H' ach, Herr Hagenrieder,« stöhnte sie, »wenn aber jemand kommt!« Er lachte übermütig, ohne sie loszulassen. »Möchte das keinem raten, dem seine heilen Knochen lieb sind.« Er ließ sie los, stellte sich vor sie hin und befahl: »Kuß!« Mit niedergeschlagenen Augen, feuerrot im Gesichte, kam die hübsche Frau näher, legte ihm die Hände auf die Schultern, hob sich auf den Zehenspitzen und küßte ihn. »So recht, mein Mädchen, so schön, mein Kind, so brav, mein Zuckerchen!« lobte er, faßte sie um die Mitte und küßte sie, bis sie keinen Willen mehr hatte.