»Mensch, du hast wohl seit acht Tagen nichts zu essen gekriegt!« sagte der Prinz, denn sein Freund kniete sich ganz gefährlich hinter die Mahlzeit. Der lachte und antwortete, indem er der Wirtin, die den Nachtisch hereinbrachte, einen kurzen Blick zuwarf, den sie mit einem langen zurückgab: »So hat es mir lange nicht geschmeckt, wie heute, und wenn ich nun den Hirsch nicht kriege, will ich Karl der Große geheißen werden.« In der Türe drehte die Wirtin sich um und warf ihm einen heißen Blick zu. Brüne bekam ihn durch den Spiegel zu fassen, lächelte aber kaum.
Die Wirtin brachte dann den Kaffee und viererlei Backwerk. »Frau Pohlmann,« meinte der Maler, »wenn ich vier Wochen bei Ihnen in Kost bin, passe ich in keinen Sarg mehr!« Die Wirtin lächelte ihn an: »Wie lange bleiben Sie denn, Herr Hagenrieder? Sonntag haben wir Danzefest!« Er schlug auf den Tisch: »Hipp hipp hurrjeh! Nun ist das Geschäft richtig!«
Als der Prinz fortgefahren war, sagte der Maler zu der Frau: »Ich will jetzt eine Stunde schlafen; weck' mich um halbig dreie, Sophiee! Aber erst will ich einen Schlafschönkuß haben; das ist bekömmlicher, als der Kürassao, den der Prinz nach dem Kaffee nimmt. Also!« Er ließ den Kopf auf die Sofalehne fallen und klopfte auf seine Kniee; die Wirtin setzte sich auf seinen Schoß. »Ach, ich habe so viel gegessen, daß ich nicht küssen kann,« sagte er lachend; »das mußt du besorgen. Und ich bin so müde und so faul, daß ich nicht allein ins Bett finde. Denn so wirst du mich wohl hinbringen müssen; hm?« Die Frau kuschelte sich an seine Brust: »Geh vor,« flüsterte sie heiser, »ich komme gleich nach; ich habe sowieso oben Wäsche fortzupacken. Jetzt muß ich erst eben in die Küche.«
Laut flötend ging er nach zwei Stunden durch das Dorf, die Büchse über den Rücken geschlagen. Für alle Menschen, die ihm begegneten, hatte er ein lustiges Wort, und für jedes Kind einen Apfel. Gift und Galle jagten kläffend die Spatzen von der Straße und trieben die Katzen über die Zäune, und Helmold fand, daß die Welt doch noch ganz nett sei. Er freute sich über die bunten Blumen hinter den Zäunen, über die Tauben, die vor ihm herflatterten, über den Turmfalken, der auf der Stoppel rüttelte, und dachte: »Hol's der Teufel; Gott gibt's reichlich wieder!« Er war auch gar nicht ärgerlich, als er spät abends zurückkam, ohne seinen Hirsch gehört zu haben.
Als er am anderen Nachmittage dicht vor dem Osterhohl war, kam er an einem kleinen Hause vorbei, das halb versteckt hinter gewaltigen Stechpalmenhorsten lag. Ein Mädchen stand in der Tür und sah ihm mitten in die Augen. Sie hatte ein volles, aber feines Gesicht, und ihre Augen sahen halb wie die eines Kindes aus, halb wie die einer Frau, die allerlei erlebt hat. Er ging auf sie zu: »Willst du mir Glück bringen, Mädchen?« Sie lachte ihn an: »Gerne, wenn ich es machen kann.« Er legte die Büchse auf den Boden. »So, nun spring dreimal darüber!« Sie nahm ihre Röcke zusammen und sprang, daß ihre hübschen Waden zu sehen waren. »Danke schön!« sagte er, nahm sie um die Mitte und küßte sie. »So, und nun schenk mir noch ein Glas Wasser!« Sie ging vor ihm in das Haus, und er folgte ihr. »Wie heißt du denn, Hübsche?« fragte er und setzte sich in den Spinnstuhl. »Annemieken Ahlmann,« antwortete sie und lächelte ihn an. »Hm,« meinte er; »nun laufe ich schon sieben Jahre hier herum und habe dich noch kein einmal gesehen.« »Ich Sie aber schon oft!« erwiderte das Mädchen; »aber Sie gingen immer so stolz vorbei.«
Eine alte Frau kam herein. Sie kicherte, als sie Helmold sah, und zwang ihm ein Glas Buttermilch auf. »Ja,« sagte sie, »wir sind froh, wenn sich hier mal ein Mensch sehen läßt. Seit das mit Abbe gewesen ist, will keiner was mit uns zu tun haben. Und es war doch man ein Unglück. Ja, ja, das hitzige Geblüt, wer das hat, der kommt leicht zu Schaden. Na, denn viel Glück auch, junger Herr, und lassen Sie sich mal wieder sehen. Annemieken, zeige dem Herrn den Richteweg über die Osterhaide; das ist um die Hälfte näher.«
Das Mädchen ging mit. Als sie im Holze waren, legte Helmold den Arm um sie und küßte sie. Sie wurde rot und weiß nacheinander und fragte dann: »Kommen Sie Sonntag auch zum Erntebier?« Er nickte. »Aber mittanzen tun Sie wohl nicht?« Er nickte wieder. Sie wurde feuerrot und flüsterte: »Auch mit mir einmal?« »Aber sicher,« antwortete er; »ich glaube, mit dir tanzt es sich fein!« Sie nickte: »Ich kann mich tottanzen! Aber wir haben Unglück gehabt. Vater und Mutter sind an der Auszehrung gestorben und Abbe, mein Bruder, der hat den Verwalter von Ohlenhofen totgestochen, wo seine Braut diente. Würden Sie das nicht auch tun?« Er nickte: »Ganz sicher, wenn mir einer an meine Braut käme!« Da lachte sie und drückte sich fester an ihn.
Als er eine Viertelstunde vor dem Schandenholze war, kehrte sie um. Er warf seinen Rucksack zu Boden und legte die Hunde ab. Er ging erst schnell über die Haide, aber je näher er dem Walde kam, um so kürzer wurden seine Schritte. Hinter einem mächtigen Wachholderbusche blieb er stehen und lauschte; es war alles still, nur die Goldhähnchen piepten. Er schlich unter dem Winde von Busch zu Busch, bis er das Hauptgestell übersehen konnte. Eine halbe Stunde blieb alles still, dann meldete halb rechts ein geringer Hirsch. Einen Augenblick später brach es dort und in voller Fahrt floh der Schneider über die Schneise; hinter ihm her dröhnte der Baß eines starken Hirsches. Von fern her schrie ein guter Hirsch, näher ein anderer. In der Dickung brach es, dumpfe Schläge erschallten; der Schadhirsch strafte ein Stück Wildpret ab. Helmold lachte; am liebsten hätte er geschrieen: »So recht, mein Hirsch!« Seine Augen funkelten, halb vor Freude, halb vor Haß.
Langsam rauchte er und sah durch die Zweige des Wachholderbusches die Schneise entlang, die von den schrägen Sonnenstrahlen getigert war. Ein Fuchs schnürte dicht an ihm vorüber, ohne ihn zu wittern; ihm folgte ein Hase. Eine Weile saß er still, dann rückte er zu Felde. Tauben schwangen sich in ihren Schlafbäumen ein; der Schwarzspecht rief zum letzten Male. Helmold lauschte angestrengt. Ab und zu gab der Platzhirsch ein halblautes Knören von sich. Die Sonne sank; hier und da glühte auf einem Kiefernstamme ein roter Fleck auf und täuschte ein menschliches Angesicht vor, verschwand und tauchte an einer anderen Stelle wieder auf. Im Kienmoore schrie ein guter Hirsch herausfordernd; drohend antwortete der Platzhirsch. Ein Kälbertier trat über das Gestell; das Kalb folgte. Warnend rief der Hirsch und zog bis an den Rand der Dickung; sein Atem flog weiß vor ihm her. Das Tier machte Kehrt und trat wieder zurück, und das Kalb trollte hinterher.
Helmold lächelte kalt. »Der weiß mit den Weibsleuten umzugehen,« dachte er; »fällt ihm gar nicht ein, zu schmachten und zu betteln. Er nimmt sich, was ihm zukommt, kraft seines Geweihes.« Er überdachte das letzte Jahr. »Welch ein Narr bin ich gewesen! Hätte ich damals im Tödeloh zugepackt, so hätte ich nicht Nacht für Nacht in mein Kopfkissen hineinzuheulen brauchen. Und wäre ich Grete mit der Tatsache gekommen, so hätte sie sich geduckt.« Er schämte sich vor sich selber. Er hatte sich nackt vor ihr ausgezogen. »Ein schwerer Fehler! Frauen wollen den Mann über sich sehen; stellt er sich neben sie, so sehen sie auf ihn hinunter. Sobald sie wissen, man liebt sie wirklich, ist man schon verloren,« dachte er; »Mann und Weib sind Todfeinde; das ist es. Das Weib ist Realist, klebt an der Erde; der Idealismus, die Himmelssehnsucht des Mannes, ist ihm unbegreiflich, ja verächtlich. Urmensch ist es, handelt nur aus Instinkt. Ihre Hauptwaffe ist die Lüge, die Verstellung; unbewußt, darum so gefährlich, weil uns unlogisch erscheinend, unbegreiflich. Ihre Unwahrhaftigkeit ist primitiv, ist naiv.«