Er drückte die Asche in der Pfeife herunter. »Sie müssen gedrückt werden, soll ihre Liebe nicht ausgehen,« dachte er und lachte. »Auch Swaantje ist ein Weib; ich habe mir eine Göttin aus ihr gemacht. Magd soll das Weib dem Manne sein, nicht Herrin. Nie ist sie ihm Kamerad.«

Es prasselte in der Dickung; der Hirsch trieb die Tiere zusammen. Dumpf schallte es; er forkelte ein störrisches Stück. »Ruppig muß man sie behandeln. Nietzsche hat recht: ›Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht!‹ Erobert wollen sie sein, roh hingenommen. Wieviel Glück und Wonne hätte mir das Jahr bringen können, wäre ich meiner Natur gefolgt! Den Kameraden suchte ich in Grete; Wahnsinn! Suchte bei ihr Verständnis! Als ob es das zwischen Mann und Weib gäbe. Von Mann zu Mann, ja, und von Weib zu Weib, aber nicht über Kreuz. Der Hirsch ist klüger; er hält sich zum Hirsch, solange ihn die Liebe nicht zwickt, und ist es damit aus, läßt er das Frauensvolk stehen und sucht sich Kameraden, die so fühlen wie er selber.«

Die Schlagschatten der Stämme fielen über das Gestell; hohl rief der Kauz; ein Bock schreckte in den Bleeken. Ganz selten schrie ein Hirsch; der Abend war zu lau und versprach Regen. Helmold stopfte sich eine neue Pfeife und steckte sie hinter dem Hute an. Er hielt Grete und Swaantje nebeneinander und schüttelte den Kopf. »Ein dreifacher Esel bin ich gewesen; eine Möglichkeit, die den beiden als eine Unmöglichkeit erscheinen muß, habe ich von ihnen erbeten. Ich war krank, sonst wäre ich nicht auf einen so irrsinnigen Gedanken gekommen. Bei beiden habe ich meinen Nimbus zerstört; sie sehen auf mich hinab. Das muß anders werden, denn«, er reckte die Brust, »denn ich will meinen Wunsch nicht verhungern lassen.«

Er bohrte seine Blicke in die Dämmerung. »Und Grete, sie ist eine kluge und gute Frau. Sie ist eben Frau und kann deshalb kein Mensch in meinem Sinne sein; und die andere schließlich auch nur so lange, als bis«, er stockte im Denken und sah mit harten Augen nach dem schwarzen Fleck, der auf der Schneise stand. Langsam hob er das Glas; es war ein Stück Wild, das sich dort äste; ein zweites und ein drittes trat dazu. Er nickte vor sich hin: Jawohl, so mußte es werden; er wollte sich mit Grete gut stellen, denn er liebte sie. Wenn er sie zuweilen zu hassen glaubte, so kam das daher, daß er ihr seine eigene Dummheit nachtrug.

Er fuhr zusammen; mitten auf der Schneise stand ein Schatten, höher als die anderen. Das Glas versagte, aber es mußte der Hirsch sein. Dumpf dröhnte es und die anderen Schatten zogen in das jenseitige Jagen, von den Geweihstößen ihres Gebieters getrieben. »Wie viele mag er bei sich haben?« dachte Helmold. »Sicher zehn bis zwölf. Das ist für ihn der Begriff des Weibes, wie für mich die Zusammenstellung Greteswaantje; aber Sophiee und Annemieken und Mariee runden den Vollbegriff Weib erst ab. Denn ich bin mehr wert als zehntausend andere Männer, kann deshalb auch mehr Ansprüche machen. Und das werde ich, so wahr ich Helmold Hagenrieder heiße!«

Er erhob sich, ging einige hundert Schritte zurück und stellte sich unter einer Schirmkiefer auf der Haide an. Der Abendstern stand blank über dem Walde. Er dachte an Swaantje; kühl betrachtete er sie und lächelte. Sie hatte mit Grete über den Roman gelacht, dieweil er mit zerrissener Brust am Boden lag; sie empfand es peinlich, als er mit einem Weidewundschusse im Wundbette saß. Er lachte tonlos vor sich hin: ›Was denkt er von mir?‹ hatte sie gefragt. Ach ja, die Dame war stark in ihr. Eine kalte Wut schüttelte ihn. »Wenn sie jetzt hier wäre, würde ich ihr zeigen, daß ich ein Mann bin. Komm! würde ich sagen und sie würde kommen.«

Kühl strich der Abendwind über die Haide und ruschelte in den gelben Moorhalmen. Helmold fröstelte es. Er knirschte mit den Zähnen; er dachte daran, wie erbärmlich er sich angestellt hatte, als er in der Werkstatt um einen Kuß bettelte. »Hätte ich zugepackt, stände ich anders vor ihr da. Jetzt bemitleidet sie mich. Pfui Teufel! Und sie? Auch an ihr habe ich gesündigt, schwer gesündigt. Ich habe ihr vorenthalten, was ihr zukam; krank und elend habe ich sie gemacht, ebenso wie mich. Gedichtchen habe ich ihr geboten statt Küsse, Seufzer anstatt Liebkosungen. Schöner Held, der ich bin mit meiner schlappen Rücksichtnahme auf ihre Seele, auf Grete, auf die Verwandtschaft, die Gesellschaft, meine Stellung und ähnliche Albernheiten!« Höhnisch lachte die Scham ihn an. Er dachte an den Mühlenkrug, an Janna und Manna, an sein Lautenspiel und an die Lieder, die er den Mädchen sang. »Pfui, pfui; wie ein Schuljunge benahm ich mich!«

Der Hirsch im Kienmoore schrie; er schrie sich bis in die Bleeken hinein. Der Schadhirsch antwortete und zog ihm näher. Helmold lauschte; blanke Freude lachte ihm aus den Augen. Die Hirsche standen sich gegenüber, der eine schrie dem anderen in das Gesicht. »Wundervoll,« dachte er, und ihm war, als wenn der eine feuerrot, der andere blutrot schriee. »Ein Leben von rot auf Rot; rote Liebe auf rotem Mord; das ist Leben!« Er dachte an einen Mann, der ihm einst mitten in sein Leben hineingegriffen hatte. An einem klaren Wintermorgen standen sie sich im weißen Walde gegenüber. Wie blödsinnig das war: die Zilinder, die Pelze, die Gummischuhe, die rotbraunen Handschuhe, und darin die Pistolen, und vor allem: die glattrasierten, höflichen Gesichter der Zeugen und die verbindlichen Manieren des Unparteiischen! Sein Gegner ebenso, und er selber nicht anders. Und dabei: zehn Schritt Barriere mit Vorgehen und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. Er lächelte, denn er dachte daran, wie ihm sein Gegner den hohen Hut vom Kopfe schoß und in demselben Augenblicke mit einem schweren Schulterschusse umfiel. Hier der Seidenhut mit dem weißen Atlasfutter im Schnee, da der Arzt bei dem Verwundeten, alle Wipfel voll von Goldhähnchengezirpe, die Luft erfüllt von den Locktönen der Kreuzschnäbel, und der von himmelblauen Schatten gestreifte Schnee, von der Sonne mit Demanten besät, und mitten darin ein großer herzförmiger roter Fleck und ein kleiner, der wie ein Kreuz aussah, und von dem lauter rote Kleckse bis zu der Stelle führten, wo der Arzt arbeitete; eine schöne Erinnerung!

»O, ich habe auch solche,« dachte er, als er, die Hunde hinter sich, über die Haide ging; »und sogar eine ganze Menge.« Vor seinen Augen stand ein Tanzboden, niedrig und ganz mit Tabaksrauch gefüllt, und durch das Fenster flog, das Fensterkreuz und alle Scheiben mitnehmend, ein Gefreiter von den Oldenburger Dragonern, und der ihn so auf den Schwung gebracht hatte, das war der Einjährigfreiwillige Hagenrieder gewesen. Seine gewilderten Rehböcke fielen ihm ein und der Hirsch, den er auf einem Birkenbaume dreihundert Gänge weit über die Grenze geschleift hatte, und Tiedo Tiedsen, sein Konpennäler, der auszog, um den Buren gegen die Khakis zu helfen, und der das redlich besorgte, bis eine Kugel sein heißes Herz zur Ruhe brachte. Eine unbändige Lust packte ihn, die ganze Zivilisation auszuziehen und irgendwohin zu gehen, wo Kraft vor Recht geht und nur der Mann gilt, der am schnellsten im Anschlage ist. Aber dann dachte er: »Verpfuscht, zu spät!« Die drei wilden Blumen, die er die letzten Tage über am Wege gepflückt hatte, kamen ihm wertlos vor; er schlug einen Bogen, um nicht an Ahlmanns Hause vorbeizukommen, von dem ein kleines Licht herüberschimmerte, und er setzte sich im Krug in das Gastzimmer und nicht in die kleine Stube, wo er mit der Wirtin allein sein mußte.

Es kamen nun einige regnerische Tage und die Hirsche schrieen nicht. Vergebens umschlich er das Schandenholz und pürschte im Kienmoore; es blieb alles stumm. Jede Nacht trat der Schadhirsch aus, wie die Fährten auf der Haide wiesen, zog jedoch vor Tau und Tag wieder in die sichere Dickung. Am Sonnabend aber drehte sich der Wind und wurde hart und kalt, und sofort orgelten überall die Hirsche.