Es war noch schwarze Nacht, als Helmold zu Holze zog, Gift am Schweißriemen. Unter dem Winde wartete er auf der Haide den Tag ab, in seinen Mantel gewickelt. Der Himmel war ganz hoch und sternenklar, und das Haidkraut starrte von Reif. Der Schadhirsch schrie zwischen den Krüppelkiefern in den Bleeken und zog dem Hirsche vom Kienmoore entgegen. Helmold hörte, wie die Geweihe aneinanderprasselten, und das Keuchen der beiden Kämpen war deutlich zu vernehmen. Ein heller Wind bewegte die Kronen der Kiefern und flüsterte in dem Haidkraute; im Osten zerriß die Nacht über dem Walde; Wanderdrosseln pfiffen, und im Moore weckten sich die Kraniche auf. Die Sterne gingen langsam nach Hause, und aus den unheimlichen Gespenstern wurden harmlose Wachholderbüsche.
Der zweite Hirsch schrie schon wieder im Kienmoore. Helmold merkte sich ganz genau seine Stimme, während er langsam und bedächtig Brot und Speck aß. Als er damit fertig war, prüfte er mit nassem Finger die Windrichtung, nahm einen kleinen Schluck Kognak, zog den Mantel aus, legte den Rucksack ab, steckte den Hirschruf in die rechte Joppentasche, legte den Hund ab und deckte ihn mit dem Mantel zu, und sobald er Korn und Kimme zusammenbringen konnte, pürschte er sich an das Holz heran.
Der Wind wurde noch schärfer; Helmold knöpfte die Joppe fest zu und zog den Gürtel enger. An der Ostseite bohrte der Morgen ein Loch in die Dämmerung und sah dadurch über die Haide. Der Hirsch im Kienmoore schrie noch einmal und verschwieg dann. Helmold trat an den Rand des Hauptgestelles, prüfte den Wind und lauschte. Endlich hörte er es einmal linkerhand brechen; der Platzhirsch hatte seinen alten Stand eingenommen. Er hörte ihn ab und zu knören und vernahm, wie ein Kälbertier mahnte.
Es war mittlerweile ganz hell geworden; die Meisen wachten auf, die Goldhähnchen piepten in den Zweigen, eine Krähe zerkrächzte die Stille. Helmold sah sich um; ein Mutterreh mit zwei Kitzen zog über das Gestell, dicht an dem Hasen vorbei, der still wie ein Baumstumpf da saß und nur die Löffel aufrichtete, als Helmold in den Bestand trat. Da sah es wild und wüst aus; der Sturm hatte vor Jahren einen Teil der untergebauten Fichten umgeschmissen, und den Rest hatte die Nonne umgebracht. Die von allerlei Gestrüpp bewachsenen Wurfböden erhoben sich überall, zwischen ihnen lagen kreuz und quer die hohen Stangen, von oben bis unten mit silbergrauen Flechten bezogen.
Behutsam das Geknick meidend schob er sich von Stamm zu Stamm, die Büchse schußfertig in den Händen, mit den Augen das silbergraue Gewirr zerpflückend. Nichts entging ihm, weder die Fährte am Boden, noch der Dompfaff in dem Ebereschenbusch, nicht der Fliegenpilz unter der Birke, nicht die zerfetzte Rinde an den Malbäumen.
Eine Stunde war vergangen, da hatte er erst zweihundert Schritte hinter sich, denn nach jedem Tritte machte er Halt und lauschte mit offenem Munde oder prüfte den Wind. Da hörte er den Hirsch knören. Langsam schob er sich hinter einen Wurfboden, langte die Muschel aus der Tasche und quetschte einen neidischen Ruf heraus; von drüben kam eine mürrische Antwort. Er ging, den Schritt eines Hirsches nachahmend, rücksichtslos durch das Fallholz, sich immer in Deckung haltend und ab und zu einen Schrei aus der Muschel herausholend; der Schadhirsch antwortete schon ärgerlicher. Helmold machte das Mahnen eines Tieres nach und ließ einen herausfordernden Ruf hinterher folgen; gereizt erwiderte ihn der Mordhirsch und zog näher. Hinter einem Wurfboden trat Helmold laut hin und her, daß der anmoorige Boden quatschte und das Fallholz brach, und während ihn der Frost schüttelte, vernahm er, wie sein Hirsch immer näher kam. Er setzte die Muschel an den Mund und schrie ihm eine grobe Redensart entgegen, und abermals eine, die noch viel frecher war, und eine dritte, mehr als gemein. Der Hirsch meldete nicht; es schien, als ob er starr wäre über die bodenlose Unverschämtheit des Nebenbuhlers. Helmold ließ den Hirschruf in die Tasche gleiten und machte scharf.
Vor ihm war alles still, dann mahnte ein Schmaltier und darauf brach es laut; vor ihm stand der Hirsch auf dreißig Gänge und schrie aus vollem Halse. Helmold sah nichts, als vier lange blanke Enden, ein graues Gesicht mit tief liegenden Lichtern und einen Strom weißen Dampfes. Die volle Brunftwitterung stank ihm in Nase und Mund hinein. Der Hirsch schrie noch einmal mit ganzer Kraft und wendete sich. Sowie er das Blatt freigab, hielt Helmold darauf und riß Funken. Er hörte Kugelschlag und sah durch das Feuer, daß der Hirsch stark zeichnete. Prasselnd fuhr er ab, daß das graue Geäst weit umherflog. Hinter ihm her polterte das Kahlwild.
Helmold blieb eine Weile stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirne, trank einen Schluck Tee, steckte sich eine Zigarre an und ging auf den Anschuß. Er brauchte nicht lange zu suchen; er fand Schweiß und Schnitthaar. »Tiefblatt«, murmelte er, als er die Schweißspritzer betrachtete und von einem Farnwedel einige Haare ablas. Er verbrach den Anschuß und ging dahin, wo er den Hund abgelegt hatte. Dort überlegte er; bis zu der Wirtschaft, das war reichlich weit. Da fiel ihm Annemieken ein, und er ging nach dem Osterhohl.
Als er in das Haus trat, begrüßte ihn die alte Frau freudestrahlend. Dann trippelte sie nach der Halbetüre und rief mit ihrer brüchigen Stimme: »Annemieken, Mädchen, komm hille!« Das Mädchen kam herein; es hatte bloße Arme und vor dem Leibe einen alten Sack als Schürze. »Kann ich bei euch einen Teller Suppe haben?« fragte Helmold. Sie lachte glücklich; aber dann bekam sie einen roten Kopf und sagte: »Wir haben aber bloß Bohnensuppe und alten Speck.« Er lachte: »Das ist grade das Richtige; ich habe einen Hirsch geschossen und will ihn nachher nachsuchen, und bis zum Kruge ist es mir zu weit.« Er ließ sich in den Spinnstuhl fallen und sah den Funken zu, die um den Kesselhaken spielten. Als die alte Frau hinausgegangen war, sagte das Mädchen: »Ich dachte, du würdest gestern abend hier noch einmal vorbeikommen.« Er antwortete: »Ich war sehr müde und hatte meine böse Stunde.« Das Mädchen sah ihn groß an: »So ein feiner Herr? Ich dachte, der hätte nicht Kummer, noch Sorgen. Denn ist es wohl um ein Mädchen? Aber darüber mußt du dir keinen Kummer machen; wenn man nicht hat, was man lieben will, denn so liebt man, was man hat.« Er lachte: »Woher hast du denn diese Weisheit?« Sie bekam dunkele Augen: »Ich war eine Zeit in der Stadt.«