Sie ging zu dem Kessel, rührte das Schweinefutter um und sah in dem kleinen Topf nach, ob das Essen bald fertig war. Dann ging sie in den Garten und kam mit einem Blumenstrauß zurück, den sie auf den Tisch stellte, über den sie ein weißes Tuch gelegt hatte, machte sich vor dem halbblinden Spiegel das Haar, band die Sackleinwandschürze ab, ließ ihren Rock herunter, wusch sich die Hände und band eine reine Schürze vor. Die Großmutter brachte die Suppe, Helmold holte, was er an Wurst und Schinken im Rucksacke hatte, heraus und legte es auf den Tisch, desgleichen eine Tafel Schokolade und stellte die Kognakflasche dazu, aus der die alte Frau ein Schlückchen bekam. Es wurde ein sehr gemütliches Essen, und die Großmutter gnickerte in einem fort über den lustigen Jägersmann, der so schöne schlechte Witze erzählen konnte. Nach dem Essen aber nickte sie sofort im Spinnstuhle ein und Helmold gähnte auch. »Kannst in meinem Bette schlafen gehen, Junge,« sagte Annemieken. »Und du mein Schatz, bleibst hier?« sang er. Sie schüttelte den Kopf und ließ sich mitnehmen.
Um zwei Uhr wachte er auf und hörte die Großmutter im Flett umhertrippeln. Annemieken stand vor dem Spiegel und kämmte sich. Er wunderte sich, daß ihr Spiegelbild ganz anders aussah, als ihr Gesicht, bis ihm einfiel, daß Spiegel lügen. »Alle Reproduktion ist Schwindel,« dachte er. Die Großmutter klopfte an: »Der Kaffee ist fertig,« rief sie, und als er auf die Diele kam, tat sie, als ob sie von nichts wüßte.
»So, Gift, nun ist es aber Zeit, daß wir uns auf die Strümpfe machen,« sagte Helmold, als er gegessen und getrunken hatte. Als er den Anberg hinaufging, flötete er vor sich hin und dachte dabei: »So, das war ein Tag, rot in Rot; den nimmt mir keiner mehr weg!« Lustig pfeifend schritt er über die Osterhaide. Auf der Blöße äste sich vertraut ein guter Bock; er ließ ihn leben. »Annemiekens wegen,« dachte er, denn sie hatte ihm erzählt, daß sie sich jeden Morgen über den Bock freute.
Vor dem Holze nahm er den Schweißriemen ab, dockte ihn halb auf, und als er bei dem Anschusse war, legte er den Hund zur Fährte. »Such verwund't, mein Hund,« rief er ihm zu; »weis' verwund't, mein Hund!« Der Teckel stieß einen dünnen Laut aus und tupfte mit der rotbraunen Nase auf einen Schweißspritzer. Dann legte er sich so stürmisch in den Riemen, daß sein Herr gänzlich aufdocken mußte.
Es war eine wilde Nachsuche, denn der Hund schliefte fortwährend unter den gefallenen Fichten durch, so daß Helmold alle Augenblicke den Riemen fahren und über die toten Stangen hinwegsetzen und den Riemen wieder festtreten und greifen mußte. Nach fünfhundert Gängen wies der Hund das erste Wundbett vor. Das zweite kam, ein drittes in einem Tümpel und ein viertes; aber da brach es in der Dickung, der Hund riß Helmold den Riemen aus der Hand und hetzte mit hellem Halse weiter. Sein Herr blieb stehen und atmete tief, auf den Ball des Teckels horchend. Seine Augen strahlten: »Wundervoll, ganz wundervoll!« dachte er, wischte sich Stirn und Hals ab, nahm einen Schluck aus der Kognakflasche und setzte sich auf einen Wurfboden, bis sein Herz sich beruhigt hatte.
Dann horchte er auf; der helle Hatzlaut des Hundes brach mit einem Male ab und vertiefte sich zu dumpfem Standlaut. Helmold lachte: »Hat ihn schon!« Er nahm die Büchse vom Rücken und ging schnell aber vorsichtig dem Halse des Hundes nach, der aus dem Nachbarjagen herüberläutete. Er trat über das Gestell und drängte sich durch die Fichtenleichen, ab und zu springend, wenn die grauen Stangen zu hoch lagen, oder sich zwischen zwei Wurfböden durchwindend. Je näher der Standlaut klang, um so behutsamer schlich er, und dann blieb er auf einmal stehen und riß sein Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander, denn mitten in einem quelligen Ellernsumpfe stand der Hirsch bis an den Leib in der Modder und versuchte, den Hund zu forkeln, der vor ihm auf einem zwei Fuß hohen Kissen von Silbermoos vorstand und ihn mit heiserem Halse verbellte, ab und zu den Versuch machend, ihn niederzuziehen, aber gewandt zurückzuckend, sobald der Hirsch das Haupt senkte.
»Prachtvoll, ganz prachtvoll,« dachte der Maler, legte den Rucksack ab, langte vorsichtig das Skizzenbuch heraus und hielt mit dem Stifte Hund, Hirsch und Landschaft fest; dann stach er die Büchse, zielte auf den Halsansatz, und so wie es knallte, prasselte und quatschte es, der Hirsch war verschwunden, und mit giftigem Laute sprang der Teckel zu. »Tot, tot!« rief Helmold ihm zu, liebelte ihn ab, brach sich einen Bruch, zog ihn über den Einschuß und steckte ihn an den Hut; dann setzte er das Horn an die Lippen und prahlerisch klang es über Wald und Haide: »Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!«
Er hob das Geweih aus dem Schlamm. »Donnerhagel!« sagte er, als er es sich ansah, »Donnerhagel noch einmal, das ist mein bester Hirsch!« Er zog das Waidmesser und brach mit zwei Griffen die Kusen heraus. »Nummer eins,« lachte er, als er sie in die Hosentasche steckte. Aber dann strich er sich über die Stirn, als ob er da Herbstseide gefühlt hätte; er dachte an die silberne Spange mit den Hirschhaken, die er Swaantje verehrt hatte. Mit Mühe brachte er den Hirsch auf die Decke, brach ihn auf, machte den Hund genossen, schärfte die Mürbebraten heraus und die Zunge und tat sie in den Rucksack, während er das große Gescheide verscharrte und das Kleine zum Ausschweißen an einen Ast hängte. Dann zog er säuberlich das lange Gehääre aus der Brunftmähne, wickelte es in ein Stück Papier, legte es in das Skizzenbuch, wusch sich die Hände und machte das Messer sauber, trank den Rest seines Tees aus, steckte sich eine Zigarre an, dockte den Schweißriemen auf und ging dem Gestelle zu, wo er sich der Länge lang an einen Jagenhaufen lehnte, gegen den Himmel sah und rauchte, während Gift in seinem linken Arme lag und schlief.
Nach einer Viertelstunde knallte Peitschenschlag; der Wagen hielt vor dem Gestell. Helmold sprang auf und winkte den Wagen heran; der Prinz lenkte, und hintenauf saß der Jagdhüter und der Kutscher. »Waidmannsheil!« rief der Prinz, »ist es der Mörder?« Der Maler lachte: »Jawollja, ein Haupthirsch; herzlichschönen Dank auch! Es ist mein bester Hirsch bis heute, obzwar er man vier Enden hat. Aber solche!« Er reckte den Arm und zeigte mit der Hand erst auf den Ellenbogen, dann auf den Schulteransatz. »Klobige Stangen, und Enden so weiß wie ein Jungfernbein.«
Der Prinz sprang ab und folgte seinem Freunde, der ihn zu dem Hirsche führte. »Auf den Ruf?« fragte er. Helmold nickte und erzählte, wie er es angefangen hatte. Etwas wie Neid kroch um den Mund des anderen, als er das Geweih sah, doch dann sagte er: »Na, den wollen wir heute abend im Jagdhause ordentlich tottrinken.« Der Maler schüttelte den Kopf: »Nee, im Blauen Himmel, da ist heute Erntebier!« Der Prinz faltete seine Stirne zusammen, aber dann meinte er: »Ich danke, bleibe lieber im Jagdhause. Willst da wohl Studien machen, Helmold?« Der lachte: »I wo, denke nicht daran; tanzen will ich, daß die Haide wackelt; mir läuft jetzt schon das Wasser in den Tanzbeinen zusammen.«