Der Jagdhüter und der Kutscher schleiften den Hirsch dem Gestelle zu. »Guter Schuß,« meinte der Prinz; »Blatt rein, Blatt raus.« Er sah sich das Herz an, dessen Spitze durchschossen war. »Unglaublich, daß der Hirsch damit so weit geflohen ist! Man sollte meinen, mit einem solchen Schusse müßte er im Feuer bleiben. Und der Gift, das ist ja ein Haupthund! Komm her, Kerlchen, hast brave Arbeit gemacht!« Aber der Teckel wich ihm aus.
Helmold hielt das Herz des Hirsches in der Hand und ihm war, als wäre es sein eigenes. Auch er hatte einen tödlichen Blattschuß bekommen und lebte noch, floh durch Dorn und Dickung, schleppte sich von einem Wundbette zum andern, und war doch verloren, denn hinter ihm her hetzte mit hellem Halse das Gedenken an die Eine. Mit einem Schlage sah er ein, daß seine Wunde nie verheilen würde, und wenn er sie noch so oft kühlen würde in allen Marieen und Sophieen, die er auf seiner Todesflucht antraf, denn immer kläffte die Erinnerung in seiner Rotfährte, und einmal würde sie ihn doch zu Stande hetzen und niederziehen. »Und wenn schon,« dachte er, und sah mit frechem Blicke hinter sich, als stände der eiserne Ritter da, »und wenn schon! Vorgestern die Mariee, gestern die Sophiee, heute Annemieken, und morgen,« er stockte, aber dann sprang er über den Graben, »und morgen Grete und übermorgen Swaantje. Blut um Blut; denn umsonst will ich nicht gestorben sein!«
Sie brachten den Hirsch nach dem Jagdhause, wo der Prinz zurückblieb, während der Maler mit dem Kutscher und dem Jagdaufseher nach Stillenliebe fuhr. Helmold freute sich über den prachtvollen Nacken des Jagdhüters, über den festen Schnitt seines Gesichtes und den weitausgreifenden Blick seiner ruhigen blauen Augen. Es war ein Mann der schnellen Tat, der nicht viele Worte machte und niemals lange fackelte, ganz gleich, ob es sich um Wild oder Weib handelte, oder um einen Wilddieb. Früher wurde in der Gegend viel gewildert; seitdem Moormann da war, hatte das fast ganz aufgehört, besonders seit der Zeit, daß er Sliekenhinnerk, einen Freischützen von Beruf, der im Verdacht stand, den Ohlenwohler Hegemeister totgeschossen zu haben, niedergeknallt hatte. Hagenrieder hatte ihn gefragt, wie ihm dabei zumute gewesen war, als der Mann tot zu seinen Füßen lag. »Großartig«, hatte Moormann gesagt und lachend hinzugesetzt: »Ein Schade, daß er nichts auf dem Kopfe hatte zum Andiewandhängen; aber ich habe doch wenigstens seine Photographie!«
Hagenrieder sah ihn sich genauer an. Er war fünfundvierzig Jahre alt, hatte aber keine einzige Falte in dem braunen, rotbäckigen Gesichte, und auf seinem Handrücken hatte kein unerfüllter Wunsch seine Fährte hinterlassen. Er hatte eine hübsche stramme Frau und einen Haufen Kinder; doch sagte man ihm nach, er ließe auch sonst nichts anbrennen. Die Blicke, die manche Frauen und Mädchen ihm gaben, waren wie ein verstohlener Händedruck; aber die von einigen Männern und Jungkerlen schmeckten nach Messerstichen. Wenn er anlegte, knallte es auch schon, ob er nun Hagel oder Kugeln nahm. »Wer sich besinnt, der nicht gewinnt,« sagte er. Er hatte mehrere solcher Sprüche: »Wer viel denkt, sich viel kränkt,« hatte er einmal zu Hagenrieder gesagt, und ein anderes Mal meinte er: »Frauenvolk und Nesselkraut, wer sachte zufaßt, kriegt Blasen auf die Haut.« Dieser Spruch fiel Helmold nun ein. »Ach ja!« dachte er und kam sich klein und feige vor.
Als sie ein Weilchen gefahren waren, kamen sie an einem Trupp junger Burschen vorbei, die ihnen nachjohlten. »Sind das nicht Schadhörstener?« fragte der Kutscher. Der Jagdaufseher nickte, und der andere meinte: »Das ist eine rüdige Bande.« Moormann zuckte verächtlich die rechte Schulter.
Helmold hörte kaum darauf, was vor ihm gesprochen wurde; er mußte wieder an Swaantje denken, an den Tag, als sie krank im Bette lag und er ihr die Pfirsichspelten zwischen die Lippen schob. »Nein,« dachte er, »es ist doch ein Unterschied zwischen diesen Weibsleuten hier und Grete und Swaantje; die einen kann man ganz hinnehmen und sie bleiben, was sie sind, und bei den anderen kann ein einziger Kuß die Seele bis auf den Grund aufwühlen.« Ein Schatten flog über sein Gemüt; er wußte: nie und nimmer würde er Swaantje so behandeln können, wie Mariee oder die Krugwirtin, und deshalb würde er sich bis an sein Lebensende mit dieser tauben Liebe herumschlagen. Dann aber sagte er sich: »Und wenn Swaantje daran zerbricht, ich will meinen Willen haben, denn ich bin zu wertvoll, als daß ich an ihr umkommen darf. Was ist sie denn? Ein schönes Mädchen aus guter Familie! Es gibt mehr solche; aber Männer wie ich kommen nicht oft vor. Sobald ich nach Swaanhof komme, mache ich einen Bajonettangriff auf sie. Denn zum Kuckuck noch einmal, es ist doch alles Unsinn, was ich in sie hineingeheimnist habe, auch ihre Schriftstellerei. Das war nichts als Widerhall meiner Seele, und es war schließlich nur ein Geständnis von ihr, eine feine Art der Hingebung. Sie hat von mir empfangen und brachte Novellen und Skizzen zur Welt. Aber so sind wir: schafft ein Mann etwas Mittelmäßiges, so verreißen wir ihn nach allen Regeln der Kunst; bei einem Weibe finden wir dieselbe Leistung riesig. Warum? Weil Weiber im Durchschnitt nicht produktiv sind bei ihrer rein rezeptiven Veranlagung und uns jede Ausnahme davon als Riesenleistung vorkommt.«
Eine heiße Blutwelle brandete in seinem Gesichte; er schämte sich. »Verflucht!« dachte er; »ich machte sie zur mittelmäßigen Schriftstellerin, und sie rächte sich dadurch, daß sie mich auf Abwege brachte.« Seine Tendenzbilder fielen ihm ein; alle vier hatte er übergestrichen. Niemals hatte er früher eigene Verse und Singweisen bei der Arbeit gehabt; so sehr hatte ihn diese elende Verliebtheit zerrüttet, daß er alle Klarheit verloren hatte.
Noch einmal schämte er sich, denn ihm fielen die zugeknöpften Augen Hennigs ein, mit denen der die Bilder betrachtet hatte. »Famoser Kerl!« dachte er, und ging in Gedanken alle seine Bilder aus der letzten Zeit durch. Aber er fand nur noch bei Swaantjes Bildnis einen Fehler; die Landschaft war zu aufdringlich, die Haide zu rosenrot, die Wacholder zu botanisch richtig. Das mußte alles zusammendämmern, ineinanderfließen, so daß nur das Gesicht allein wirkte. Er wischte in Gedanken alle Härten aus der Landschaft und arbeitete den Kopf mehr heraus. Dabei fiel ihm ein, daß er nur die halbe Swaantje gemalt hatte, die milde, weiche, selbstlose Swaantje mit den zärtlichen Augen und den liebevollen Lippen; aber sie konnte auch unbarmherzige Augen haben und grausame Lippen. Davon sollte das Bild auch erzählen, von ihrem zweiten Gesichte; aber nur ganz verstohlen durfte es aus dem Alltagsgesichte hervordrohen. »Alltagsgesicht, das ist es,« dachte er; »Maske ist ihre Weichheit, ihr feuchtschimmernder Blick, ihre hilflose Anschmiegsamkeit, mit der ihr Gesicht sich Tag für Tag schmückt; dahinter ist Starrheit, Kälte und Geiz. Ich will das alles in ihr zerbrechen, und wenn sie dabei zusammenkracht!«
So dachte er, denn eine freche, schwefelgelb und feuerrot geringelte Tanzweise schallte vom Kruge herüber. Der Wagen hielt. Unter der Linde stand Hennig, seine Line neben sich. »Donnerwetter, Kerl, ist das ein blödsinnig vernünftiger Gedanke von dir!« rief Helmold, »und fein, daß du deine Lüttje mitgebracht hast. Tag, schöne junge Frau!« Das Mädchen schlug lachend ein. »Kinder, kommt mit rauf, ich muß mich erst noch umhosen und waschen.«
»Du siehst großartig aus, Helmke,« sagte Hennig, als sie oben waren, ihn mit zufriedenen Augen ansehend. »Tja,« erwiderte der andere; »die gute Landluft!« Er schrie die Treppe hinunter: »Mine, zwei Handtücher!« Das Mädchen kam heraufgestürzt. Es war ein blasses, dünnes Geschöpf, aber sie sah in dem hellen Tanzkleide so niedlich aus, daß der Maler sie an das Ohr faßte und heranzog. »Kiek sieh, aus Kindern werden Leute! Hast'e schon 'n Bräutigam?« Sie schlug die Augen unter sich. »Na, dann bring' ihm das mit und sag', ich lasse ihn schön grüßen!« Er küßte sie, daß ihr die Luft fortblieb. Mit feuerrotem Kopf schob sie sich aus dem Zimmer. »Na, ihr seid gut!« sagte Line lachend; »die wievielte ist das denn hier? Aber alles was recht ist, so seid ihr mir doch lieber, als wie neulich, wo ihr aussahet, wie eine kranke Katze.«