Helmold wusch sich im Nebenraum. Er hatte nur die Kniehosen an, als er, das Handtuch in der Hand, hereinschoß. »Du, Hennig, ach so; na, Line, Sie sind ja schon etwas abgehärtet! Also, warum hast du neulich nichts gesagt, als ich dir meine Saharabilder und so weiter zeigte?« Sein Freund schnitt sorgfältig die Spitze der Zigarre ein. »Muß man denn immer etwas sagen?« Helmold lachte. »Alter Politikus!« Er ging in das Schlafzimmer und kam wieder heraus, nun mit einem grün und rot gestreiften Leinenhemde über dem Oberkörper. Er stellte sich vor den Spiegel, zog eine Halsbinde durch den Kragen, knöpfte ihn an und band sich eine unverschämte Schleife. Als er die Hosenträger über den Kopf schlug, fragte er: »Du, Hennig, ich male nicht mehr mit Orchesterbegleitung.« Der andere brummte etwas vor sich hin, und Helmold fuhr fort: »Mir kommt das so vor, als wenn du mit der einen Hand schreiben würdest, und mit der anderen malst du.« Hennig sah auf und nickte seinem Freunde in den Spiegel zu: »Sehr richtig!« Der lachte: »Ja, warum hast du das nicht eher gesagt, alter Heimtücker!« Der antwortete: »Ein Schwäre muß von selbst aufgehen!« Helmold platzte los: »Großartig; meine Lyrik als Abszeß! Aber du hast recht. Und nun höre: geh' morgen in meine Malstatt, und sieh dir die Saharabilder, Wodes Zorn und Frigges Feuertod an; ich glaube, jetzt werden dir die Bilder gefallen.« Er drehte sich um und sah Hennig listiglustig an. Der machte sein dümmstes Gesicht. »Ich habe nämlich an allen eine Kleinigkeit geändert; rate mal, was?« Der andere nahm die Schultern auf und ließ sie wieder fallen. »Malgründe habe ich daraus gemacht, weggestrichen habe ich sie!« Er lachte ausgelassen.

Hennecke sprang mit feuerrotem Gesichte auf: »Mensch,« rief er, »Helmke!« nahm ihn an den Ohren und küßte ihn, daß es knallte; »das ist ja großartig!« Er faßte Line an den Arm und warf sie Helmold an den Hals: »Küsse ihn, Mädchen, küsse ihn, bis er nicht mehr piep sagen kann! Wir haben unsern Helmke wieder! Er ist gesund! Er wird keine Heulkrämpfe mehr kriegen und anständige Leute im Ratskeller blamieren.« Er sauste aus der Türe und kam nach einer Weile mit einer Flasche Sekt und drei Gläsern zurück: »Kerl, darauf wollen wir aber mit dem Besten anstoßen, das es in diesem Kretscham gibt! Heil, heil und zum abermalten Male heil!«

Er schenkte wieder ein und fröhlich paffend kramte er, Line neben sich in das Sofa ziehend, aus: »Was haben wir uns für Sorgen um dich gemacht! Nicht wahr, Linchen?« Das Mädchen nickte und lächelte ernsthaft. »Eine halbe Nacht heulte sie mir im Bette herum und wimmerte: ›Was fehlt ihm bloß! was fehlt ihm bloß! wenn wir ihm doch bloß helfen könnten!‹ Ich habe mich in meinem Leben noch nicht so erschrocken, als wie du uns sagtest, daß du bei jedem Bild jetzt ein Lied und eine Melodie hast! Und als ich dann deine gemalten Leitartikel sah, da war ich ganz zertrümmert; am liebsten hätte ich dir eins an den Hals gehauen! Kerl, was bin ich froh, daß du diese schwere Infektion hinter dir hast! Denn ich war tatsächlich in Sorge um dich. Du kamest so fein in die Höhe, und mit einem Male fielest du die ganze Treppe wieder hinunter und fingest an zu malen, als läge dir etwas am schwarzen Adler. Übrigens: die weiße Haide ist auch fehlerhaft; es ist eine Tautologie.« Helmold nickte. »Das Dümmste ist schon heraus; das andere kommt noch. Ja, ich war schön in den Dreck gefallen.« Er pfiff laut: »Das macht die Liebe ganz allein!« Hennig sah ihn von der Seite an, lachte dann und sagte: »Auf der großen Diele sieht es sengerich aus; die Schadhörstener Rauhbeine sind da; es riecht nach Kloppe!«

Als sie auf die Diele traten, Line zwischen sich, kam von dem Ausschanke her ein heiseres Hohnlachen; da standen die Schadhörstener, prahlten und tranken sich Frechheit an. Helmold ging vorbei, ohne sie anzusehen, und ohne darauf zu achten, daß es hinter ihm herflog: »Kiek den Stadtjapper! Der hat sich die Waden ausgestoppt!« Brüllendes Hohnlachen folgte dem Witze. Die Freunde gingen auf die Stillenlieber Jungens zu; Helmold sagte ganz laut: »In Schadhorsten haben sie wohl kein Geld für ein eigenes Erntebier? Und da tanzen sie wohl bloß, wenn sie eine Handvoll Schrote auf den Hintern kriegen!« Die Stillenlieber lachten hell auf; die Schadhorstener brummten wie Dächse, denn zwei von ihnen hatten wegen Wilderns gesessen.

Den Walzer ließ Helmold vorbeigehen; Hennig und Line tanzten ihn. Als sie zum vierten Male bei den Schadhörstenern vorbeikamen, wurde aus ihrer Mitte ein junger Bengel so gegen Line gestoßen, daß sie stolperte; aber Hennecke hielt sie und trat einem Schadhörstener mit Absicht so auf die große Zehe, daß der Mensch die Zigarre aus dem Munde fallen ließ.

Helmold bestellte bei der Musik die Hamburger Polka; die Trompeter bliesen sogleich an. Er klatschte in die Hände und winkte Annemieken heran; mit hochaufgerichtetem Kopfe ging sie quer über die Diele und stellte sich neben ihn. »Dunnerkiel,« sagte Hennig zu Line; aber was er sich dachte, sagte er nicht.

Die Musik legte los; hastig liefen die verrückten Töne hintereinander her. Helmold und Annemieken tanzten vor, dann kam Klaus Ruter, der Sohn des Vorstehers, mit seinem Schatz, und darauf Hennig und Line und dann die anderen Stillenlieber. Die Schadhörstener machten lange Augen; solch Tanzen hatten sie noch kein Mal gesehen; aber Helmold hatte vorher eine Runde Portwein ausgegeben, und der hatte die Knochen geschmiert. Er tanzte gerade auf die Schadhörstener los, schlug ihnen die Füße dicht vor den Gesichtern vorbei und sah durch sie durch, als wenn sie Luft waren. Sie ärgerten sich blau und blaß, trauten sich aber nicht aus ihrem Winkel heraus, denn die Stillenlieber Jungens hatten keine guten Augen, und der Schadhörstener Hauptschläger sollte erst noch kommen.

Mit dumpfem Getrampel und gellendem Aufjuchen brach der Tanz ab; die Stillenlieber Jungens hatten alle rote Köpfe, und ihren Mädchen gingen die Schürzenlätze auf und ab. »Kinder!« schrie Hagenrieder und schlug auf den Tisch, daß die Gläser Polka tanzten, »ich habe von Morgen den dicken Happbock vom Schandenholz dode geschossen; darauf will ich einen ausgeben. Frau Pohlmann, sechs Buddeln Rotkopp und eine Kiste Ziehgarr'n!« Die Schadhörstener, die sich erst alle umgedreht hatten, als er so losprahlte, machten schnell wieder kehrt, als der Wein herbeigeschleppt wurde. Aber dann lachten sie, denn Christel Remmert, der Sohn ihres Vorstehers und der Hauptschläger weit und breit, trat ein, gerade als die Stillenlieber mit Hagenrieder und Hennecke anstießen und lauthals hoch riefen, als Helmold schrie: »Hoch Stillenliebe und alles, was sich dazu rechnet, und die Knochen für die Hunde vor der Türe!«

Christel Remmert ging quer über die Diele, warf der Musik einen Taler hin und schrie: »Solo für Schadhorsten!« Die Musiker standen auf und stimmten einen Walzer an. Die Stillenlieber tranken ihre Gläser aus und stellten sich vor ihre Mädchen. In der vordersten Reihe standen Hagenrieder, Hennecke und Ruter, die Hände in den Taschen, die Zigarren in den Mundwinkeln.

Remmert trat vor sie hin, klatschte in die Hände und winkte Annemieken, und zwei andere Schadhörstener machten es bei Line und Ruters Mädchen ebenso, aber die Mädchen lachten sie aus. Da versuchte Remmert, sich zwischen dem Maler und seinem Freunde durchzudrängen, erst mit der Schulter, und als das nicht gehen wollte, indem er sie mit den Händen auseinanderschob. Aber Helmold stieß ihn vor die Brust, daß er zurücktaumelte.