»Teuf, du Aas!« schrie der lange Kerl und sprang auf den Maler zu; der trat zur Seite und schlug ihm mit einer schnellen Fußbewegung die Beine unter dem Leibe weg, so daß er schwer auf die Diele hinstürzte. Auf ihn fiel ein anderer Bengel aus Schadhorsten, den Hennecke in die Herzgrube geboxt hatte, und da schrie Klaus Ruter: »Die Fenster auf!«, sprang mitten zwischen die Fremden, packte den Stärksten von ihnen an Brust und Hosenlatz, hob ihn auf, warf ihn zwischen die Stühle, daß es krachte, griff wieder zu, schleppte ihn zum Fenster und warf ihn in die Mistgrube.
Die Stillenlieber brüllten vor Vergnügen, und Helmold auch. Da hörte er hinter sich einen Schrei, und als er sich umdrehte, sah er Remmerts kreideweißes Gesicht und eine Hand, die ein Messer hielt. Im nächsten Augenblicke aber war das Gesicht rotgestreift, und das Messer fiel zu Boden; Annemieken hatte dem Heimtücker eine Weinflasche so in das Gesicht geschlagen, daß ihm die Scherben Mund und Nase zerschnitten.
Im nächsten Augenblicke stand kein Schadhörstener mehr auf den Beinen. Moormann, der von der Gaststube aus zugesehen hatte, rief: »Sie gebrauchen das Messer!« Sofort standen die acht Stillenlieber Bauern den jungen Leuten aus dem Orte bei, und nun flogen die Fremden kopfoberst, kopfunterst teils aus der großen Tür, teils aus dem Fenster, und die diesen Weg gehen mußten, lernten dabei, wie Stalljauche schmeckt. Helmold und Hennig halfen tüchtig mit, und dabei bekam der erste einen Schlag mit einem Bierglase auf die Backe, daß er einen fingerlangen Schnitt davon behielt. Er ließ sich schnell nach Ohlenwohle fahren, wo der Arzt wohnte, und kam nach anderthalb Stunden geflickt und vernüchtert wieder, aß wie ein Wolf und tanzte bis in die zwölfte Stunde. Dann brachte er Annemieken nach Hause und saß hinterher mit Hennecke und den Bauern noch beim Biere. Frisch und munter wachte er am anderen Morgen um acht Uhr auf, frühstückte mit Hennig und Line und fuhr sie zur Haltestelle.
Auf dem Rückwege fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Nachmittage noch nicht an Swaantje gedacht hatte, und nun er das tat, schien sie ihm nur noch ein Schatten zu sein. Als er nach dem Mittagessen auf dem Sofa lag und den Spielfliegen zusah, die unter den Deckenbalken tanzten, überlegte er sich seine Lage in aller Ruhe. »Sieben Jahre lang hat mir diese Liebe in den Knochen gesteckt; ein Jahr lang war sie akut. Das genügt mir; jetzt ist Schluß«, sann er. »Ein Loch behalte ich immer davon, das weiß ich; ungeküßte Küsse und ungeschlagene Schläge, das ist das bitterste Weh. Aber schließlich vernarbt alles und schmerzt nur noch ab und zu bei Wetterwechsel.« Er dachte geflissentlich an das Mädchen; aber seine Gedanken waren nicht hell und zart wie das Laub der Maibuchen, und nicht welk und mürbe, wie Fallaub, sie waren hart und fest, wie das Buchenblatt, das sich schon gewendet hat.
»Im Grunde hat mir die Sache nur genützt,« überlegte er; »bisher war ich ein Junge, ein Kind; jetzt habe ich mich entweiblicht und vermännlicht. Ich will jetzt nur noch tun, was ich will, und mich unter keinen fremden Willen mehr ducken. Ich werde küssen, was mir gefällt, und zu Boden schlagen, was mir vor die Pferde kommt.«
Es klopfte leise an die Tür. Er rief: »Herein, wenn es kein Geldbriefträger ist!« Die Wirtin kam mit dem Kaffee. Sie hatte den ganzen Tag mit ihm gemuckt, Annemiekens wegen, und als er sie vorhin in der kleinen Stube umfassen wollte, hatte sie sich ihm schweigend entzogen. Jetzt stellte sie ihm ihr feinstes Geschirr auf den Tisch und einen bunten Strauß dazu, und als er sich in der Sofaecke reckte und unter herrischem Augenaufschlage fragte: »Ist das alles?« da warf sie sich in seine Arme und küßte ihn, wie sie ihn noch nie geküßt hatte.
»So werde ich das fortan immer machen,« beschloß er, als sie ihn verlassen hatte und er seine Zigarre rauchte; »den Hirschen und den Männern werde ich höflich entgegengehen und die Frauenzimmer auf mich zukommen lassen. Das Hinterherlaufen hat nun ein Ende. Moormann hat recht.«
Ruhig und bedächtig machte er sich für die Nachmittagsbrunft zurecht, nachdem er Grete eine Mohnblumenkarte gemalt und in den Kasten gesteckt hatte.