Die Wundfährte

Seine Frau freute sich, als er braungebrannt und helläugig zurückkam. »Aber wie bist zu dem schönen Schmisse gekommen, Helmold?« fragte sie. »Ja,« sagte er und lachte, »bei der Schweißarbeit geht es oft nicht gerade säuberlich her, und die drei Geweihe sind den Krätzer schon wert.« Er schämte sich gar nicht, daß er um die Wahrheit herumging. Früher hatte er seiner Frau alles, aber auch alles gesagt und sich in Hemdsärmel und ohne Kragen vor ihr gezeigt; das sollte nicht wieder vorkommen.

Nach dem Abendessen sagte er: »Ich muß noch ausgehen; wie lange ich bleibe, weiß ich nicht.« Seine Frau machte ein etwas beleidigtes Gesicht: »Gleich den ersten Abend?« Er faßte sie unter das Kinn und küßte sie: »Jawohl, mein Herze; es geht nicht anders.« Er ging erst ziellos auf der Hauptstraße hin und her, setzte sich dann anderthalb Stunden in ein Kaffeehaus, spielte mit einem ihm unbekannten Herrn Billard und ging gegen zehn Uhr nach Hause. Grete, die etwas blaß und ermüdet aussah, lachte vor Glück, als er so früh und mit so fröhlichen Augen zurückkam, rückte ihm den bequemsten Sessel hin, brachte ihm Wein und Zigarren und räumte dann auf.

Er sah ihr nach und freute sich über ihre vornehme Erscheinung, ihr schönes Haar und ihre frischen Bewegungen. »Sie ist eigentlich doch die Schönste!« dachte er und machte so verliebte Augen, daß sie sich auf seinen Schoß setzte. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und meinte: »Ich danke dir auch sehr für die wunderschöne Karte; es war nur eine in zwei Wochen, aber es ist ja auch Herbst!«

Sie besann sich einen Augenblick, unterdes sie ihm bald die Hände streichelte, bald den Nacken kraulte, und dann sagte sie mit etwas verlegener Stimme: »Ich habe dir auch etwas zu schenken: ich bin aus dem Verein ausgetreten. Weißt du, das ging mir doch zu weit: das ist kein Frauenbildungsverein mehr, das ist ein Vermännerungsklub. Und dann diese Geschichten, die da vorgekommen sind! Die überspannte Frau Kelling ist mit einem Kalifritzen ausgerückt und hat ihren netten Mann und die reizenden Kinder sitzen lassen, und Frau von Besentzien läßt sich scheiden. ›Mein Mann ist mir geistig nicht gewachsen,‹ hat die Gans gesagt. Aber das schlimmste ist die Sache mit Professor Detten, du weißt doch, der uns immer die glänzenden Vorträge über Frauenkultur hielt. Jetzt hat er einen Haufen Geld geerbt, und was tut er? Er heiratet die Köchin seiner Mutter!«

Helmold lachte, daß ihm die Arme flogen: »Ja, das ist allerdings eine Gemeinheit sondergleichen, wo er doch in dem Vereine ein so wohlassortiertes Lager von ge-, ver- und überbildeten Dämlichkeiten hatte. Aber ich habe es dir ja früher oft gesagt: die radikale Frauenbewegung hat sehr viel Gutes; sie verekelt allen ernsthaften Männern die Damen und veranlaßt sie, Mädchen zu freien, die ihren Männern weiter nichts als Frauen sein wollen und ihren Kindern Mütter. Übrigens, so sehr ich mich freue, daß du aus der Blase heraus bist, in die du vernünftige Frau gar nicht hineinpaßt, meinetwegen hättest du das nicht zu tun brauchen. So ein bißchen Sport will jeder Mensch neben dem Alltagsleben haben.«

Es gingen einige schöne Wochen in das Land; Helmold arbeitete fleißig, aber ohne Überstürzung. Er malte den Hintergrund zu Swaantjes Bild um, gab ihrem äußeren Gesichte einen weichen Zug, brachte aber dahinter etwas rätselhaft Hartes an, das niemand fassen konnte, das aber jeder fühlte, und umgab das Bild mit einem dunkelgrünen, gleißenden, durch grellrote Perlen gehobenen Rahmen, der die Wirkung von reich tragenden Stechpalmen andeutete. Als er sein Malzeichen unter das Bild setzte, pfiff er das freche Lied von der Lüneburger Haide so laut, daß Grete angestürzt kam und ihn fragte: »Du pfeifst das üble Lied, und so denke ich, ich darf mal kommen!« Er nickte und sagte, auf das Bild weisend: »So! vorher war es wabbliger Kitsch, jetzt ist es etwas. Nicht wahr, Gretechien?« Sie nickte; frei wurde es ihr um das Herz. Seine Stimme war ohne Unterklang, seine Augen sprachen nur von dem Bildnisse und nicht ein bißchen von dem Mädchen, das es darstellte. Sie hätte aufschreien mögen vor Glück. Doch der Brief, den sie in der Hand hielt, verbot ihr das.

»Helmold,« begann sie, und ihre Stimme duckte sich, »hier lies mal. Swaantje geht es nicht gut. Sie bittet mich, zu kommen, denn Muhme Gese, schreibt sie, fiele ihr doch etwas auf die Nerven. Was meinst du, soll ich fahren?« Sie setzte sich auf das Ruhebett, und er nahm in dem Sessel Platz. Langsam und bedächtig las er den Brief. Bei jeder Zeile wurde seine Stirne krauser; aber obwohl er tiefes Mitleid empfand, spöttelte er in sich doch über die verlogene, oder, wie er sich selber verbesserte, verbogene Schrift und den gequälten Humor, der den ganzen Brief durchzog. Er gab den Brief zurück und sagte: »Natürlich fährst du; sie braucht einen Menschen, den sie wirklich liebt; die alten Leute bieten ihr so gut wie nichts. Ich glaube, sie ist von ihnen mit Altersschwäche angesteckt, denn Ohm Ollig und Tante Gese sind, meine ich, schon mit Arterienverkalkung und Hämorrhoiden auf die Welt gekommen, in geistiger Beziehung wenigstens sicher. Fahre sofort und muntere sie auf. Übrigens Thorbergs fahren erst nach Neujahr; sein Prokurist ist krank, schreibt er mir, und es ist jetzt zu viel zu tun. Schade! Was Swaantje fehlt, ist frische Luft und neue Menschen.«

Seine Frau hatte ihn aufmerksam angesehen, solange er sprach. War das derselbe Mann, der jüngst noch fast einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte, als sie sich zwischen ihn und das Mädchen stellte? Ein sonderbares Angstgefühl hielt ihr den Atem fest. Sie betrachtete ihn, während er Swaantjes Bild an den ersten besten Nagel hängte, ganz aufmerksam. Es war ihr Helmcke, aber er war es doch nicht; es lag eine Ruhe und eine Gelassenheit in seinem Gesichte, die sie erschreckte. Der dummejungenhafte Zug, der ihre Lust und ihr Leid gewesen war, fehlte gänzlich. Schon die Art und Weise, wie er schritt, befremdete sie, und als er ganz behutsam die Zigarre einschnitt, langsam das Streichholz entzündete, mit großer Aufmerksamkeit die Zigarre ansteckte, das Zündholz ausblies und in den Dreifuß fallen ließ, kam er ihr wie ein ganz anderer Mensch vor, wie ein Mann, der weit von ihr gerückt war und hoch über ihr stand. Wenn er früher eine Zigarre ansteckte, ging das immer hopphopp. Und wie er rauchte! wie ein alter Geheimrat. Und alt war er geworden; es war nicht das graue Haar über den Ohren, es waren nicht die scharfen Falten hinter dem Munde, und es war auch nicht ein Altern, sondern eine Ausgereiftheit. Niemals mehr würde er poltern, das sah sie, nie wieder grob werden, aber sich auch niemals wieder wie ein Kind an sie schmiegen.