Die Angst drückte ihr die eiskalte Hand auf die Stirne. Sie stand auf, legte ihrem Manne die Arme um den Hals und flüsterte: »Helmold, fahre du hin!« Er machte eine abwehrende Bewegung. »Höre zu!« fuhr sie fort, »während du in Stillenliebe warest, habe ich über die ganze Sache sehr viel nachgedacht. Du hast ganz recht gehabt; erst habe ich dich zu Swaantje hingestoßen, und dann riß ich dich zurück. Das war schlecht von mir, und dumm. Aber du verstehst?« sie lehnte sich an ihn, »ich hatte solche Angst, daß sie dir mehr würde als ich, und wenn ich dich ihr auch sonst gern gegönnt hätte, und sie dir, Zweitfrau wollte ich doch nicht sein. Aber jetzt,« sie stockte und sprach heiser weiter, ohne ihn anzusehen, »jetzt weiß ich, daß du mir doch ganz und immer gehörst, auch wenn, wenn,« sie atmete erleichtert auf und hob ihr Gesicht zu ihm empor, und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt, »wenn sie ganz dein geworden ist. Und deshalb, liebster Mann, fahre hin und denke, daß ich nicht deine Frau, deine Liebste bin, sondern dein bester Freund, der dir alles gerne gönnt, was dein Herz fröhlich macht. Denn ich habe dich lieb. Und Swaantje auch.«

Helmold fühlte, daß ihm die Augen feucht wurden, aber er jagte die Tränen dahin, wo sie hingehörten. Er küßte seine Frau auf die Stirne, nahm sie um den Leib und zog sie, sich in den Sessel gleiten lassend, auf seinen Schoß. »Sieh mal, Grete,« begann er mit etwas rauher Stimme, »hättest du eher so gesprochen, so hättest du mir viele bittere Wochen erspart, und dir auch. Aber alles auf der Welt hat seine Zeit. Zudem war ich damals so krank, daß du gar nicht wissen konntest, ob das, was ich wollte, einem zwingenden Grunde oder einer Einbildung entsprang. Wir wollen von dieser Sache nie wieder sprechen, denn ich glaube, ich bin darüber hinaus. Jedenfalls bin ich dir herzlich dankbar für deine gütigen Worte, und rechne dir die Selbstüberwindung, die sie dich auf jeden Fall kosteten, sehr hoch an. Was nun die praktische Seite deines Vorschlages anbetrifft, so kommt hier lediglich Swaantje in Frage, und Swaantje braucht, so scheint es mir, jetzt mehr eine Schwester denn einen Bruder. Grüße sie herzlich von mir, und sage ihr, sie solle sich zusammenreißen und sich mit Italien und Spanien im voraus trösten, und schustere Tante Gesina einmal gehörig zurecht, das heißt, in Güte, denn Grobheiten habe ich ihr damals so viele gesagt, daß ihr Bedarf vorläufig gedeckt sein wird.«

Sie sah ihn ungläubig an. »Übrigens,« fuhr er fort, »mache nicht solch ein Passionsgesicht! So schlimm wird es mit ihr nicht stehen; Neuralgiker sind zähe, das sieht man an Bismarck. Der Tausend, du siehst ja wie Buttermilch aus! Lege dich einen Augenblick hin!« Er führte sie nach dem Ruhebette, deckte sie zu und streichelte ihr so lange die Stirne, bis sie einzuschlafen schien.

Aber sie schlief nicht, sie dämmerte nur. Gespenstige Vorstellungen wisperten ihr seltsame Worte zu. »Wenn er sie nicht mehr liebt, liebt er dich auch nicht mehr,« flüsterten sie; »du bist rot und warm, sie ist grün und kühl; ihr seid ihm Komplemente, bildet eine Einheit in seinen Augen. Fühlst du nicht, daß er nur noch mit den Lippen küßt und nicht mehr mit der Seele? Daß bloß seine Hände dich streicheln, aber daß seine Gedanken nicht auf deiner Stirn sind? Daß nur seine Sinne noch leben, sein Herz aber, das ist tot?«

Sie fuhr in die Höhe, seufzte gequält und sah verängstet um sich. Ihr Mann streichelte ihr die Backen; sie blickte ihn verzweifelt an: »Helmold,« schluchzte sie, »ich habe so schrecklich geträumt! Ich möchte am liebsten nicht fahren. Ich habe solche Angst, ich glaube du, daß du, du liebst Swaantje nicht mehr und mich auch nicht mehr. Wir haben dir das Herz zertreten. Du bist so ganz anders geworden, du bist mir so fremd, daß ich dich nicht ansehen kann, wie man seinen Mann ansehen soll. Du kommst mir so vor, wie damals, als du auf einmal ohne Bart nach Hause kamest. Helmold,« stöhnte sie und faßte seinen Kopf mit beiden Händen, »ist das wahr? Ich habe jetzt immer so viel Angst. Fühle, wie mein Herz klopft. Komm mit, du und ich und Swaantje, wir drei wollen uns so lieb haben, wie noch niemals Menschen sich lieb hatten.« Sie schluchzte fassungslos in das Kissen hinein.

»Gretechien, mein dummes Gretechien,« scherzte er und liebkoste sie; »du siehst Gespensterchien! oder willst du dich rächen? denn genau solchen Unsinn habe ich damals auch von dir gedacht. Glaubst du, solche rosenroten Stunden, wie wir sie erlebten, könnten verblassen und verwelken? Waren diese Wochen nicht ganz so, wie vor acht Jahren, als wir Tag für Tag zu Frigge beteten und sie lobten, wie sie gelobt werden will? Gewiß bin ich anders geworden, aber auch ohne das, was sich die letzte Zeit begab, wäre ich mehr Mann geworden, denn allzulange bin ich Junge gewesen. Und bist du nicht auch in den beiden letzten Wochen eine andere geworden? Glaubst du, daß du noch einmal wieder zu mir so ein hartes Gesicht machen kannst, wenn ich ein bißchen ungezogen bin?« Sie lächelte unter Tränen und schüttelte den Kopf und zog ihn fest an ihre Brust, hungrig seine Lippen suchend.

Am Nachmittage brachte Helmold sie, Swaan und Sweenechien samt der Kindermagd zur Bahn, denn er hatte bestimmt, daß die Kinder mitfahren sollten. »Sie haben Ferien, und Swaanhof ist für sie das, was für uns die Riviera. Und sonst bangst du dich nach ihnen. Außerdem hat Muhme Gese dann etwas mehr zu tun und läßt Swaantje in Ruhe. Und bleibe, solange es dir da gefällt. Sage aber nichts von dem Bilde; das soll sie als Julklapp haben.«

Als er nach Hause ging, mußte er immer noch an das reizende Bild in dem Fenster des Eisenbahnwagens denken: seine schöne Frau zwischen den beiden Blondköpfen und dahinter das niedliche Mädchen, glühend vor Reisefieber. Und welche glücklichen Augen Grete gehabt hatte und welchen weichen bräutlichen Mund!

Stolz leuchteten seine Augen, als er die Straße entlang ging, und alle Frauen und Mädchen, die ihm begegneten, sahen ihn an, als wollten sie sagen: »Muß der aber küssen können!« Er nahm alle diese Blicke dankbar hin, nutzte sie aber nicht aus, trotz des überlegenen Paschagefühles, das ihm die Muskeln schwellte.